Muharrem – islamisch Neujahr

Juden in der Welt feiern am 21. September Rosh-ha Schana, was ihr Neujahresbeginn bedeutet. Und in diesem Jahr beginnt auch nach muslimischer Tradition das neue Jahr am selben Tag. Doch im Gegensatz zum Jahreswechsel an Silvester, ist der Neujahrsanfang im Islam Anlass für religiöse Zurückgezogenheit. In manchen Kreisen bedeutet Neujahr sogar große Trauer.

Am 21. September wird das islamische Neujahr begonnen haben und das Jahr 1438 wird somit zu Ende gehen. Laut muslimischer Zählung, die sich nach dem Mondkalender richtet, beginnt dann das Jahr 1439. Das islamische Neujahr beginnt mit dem Ende des Monats Zilhicce und fängt mit dem ersten Tag von Muharrem an. Der islamische Kalender wird unter den Muslimen mit dem Begriff Hidschra verbunden. Fatih Aktürk, deutscher Journalist mit türkischen Wurzeln, ordnet die historischen Hintergründe mit folgenden Worten ein:An genau diesem Tag brachen die Muslime von Mekka los, um in der jüdisch geprägten Stadt Yasrib, die später den Namen Medina bekommen sollte, eine neue Heimat zu finden. Sie mussten ihr Hab und Gut in Mekka zurücklassen und aus ihrer Heimat flüchten, weil sie in Mekka als Minderheit harten Repressalien ausgesetzt waren. Die Flucht zu Fuß durch die glühende Hitze der Wüste, unter Verfolgung der Mekkaner, war in der frühen islamischen Geschichte so bezeichnend, dass der Moment der Flucht als Tag Null festgelegt wurde.“ So heißt der Kalender der Muslime auch Hidschra, was eigentlich der arabische Begriff für Auswanderung, bzw. Flucht ist. Nach christlicher Zählung hat für die islamische Gemeinschaft im Jahr 622 alles von neu angefangen. 

Die Flucht von Mekka nach Medina

Tatsächlich zeigt der historische Kontext der frühen islamischen Geschichte, dass die Flucht nach Medina eine richtige Entscheidung war, denn während in Mekka die Gefahr bestand, dass die Muslume gelyncht, vielleicht sogar ermordet werden, konnten sie in Medina ihre eigene Zivilisation entwickeln und ihr eigenes System umsetzen. Das System des Islam, unter dem Vorbild des Propheten Mohammed, sorgte für einen sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufschwung. Die Menschen waren in Medina chancengleich, ethnisch einander gleichgestellt und auch die Frauen von dem wertlosen Zustand unter den Mekkanern Schritt für Schritt, aber in großen Schritten befreit. Medina konnte in kurzer Zeit ein Ort des Vertrauens werden und dieser Ruf machte auf dem ganzen Kontinent eine schnelle Runde. Und trotzdem, war der 450 Kilometer lange Weg der Muslime nach Medina keineswegs leicht, „die Flucht von Mekka nach Medina markiert einen Meilenstein im Islam“, erläutert Aktürk. Um die flüchtende muslimische Gemeinschaft nicht zur Zielscheibe zu machen, blieben Mohammed und sein engster Vertrauter Abu Bakr zunächst zurück. Der Legende nach legte sich der junge Ali, späterer Schwiegersohn Mohammeds, der große Imam des und vierter Khalif im Islam, in das Bett von Mohammed. Als die Mekkaner Mohammed in seinem Bett töten wollten, bemerkten sie, dass statt Gottes Gesandter ein kleiner, doch furchtloser Junge in dessen Bett schläft. Dieses Ablenkungsmanöver war wichtig, denn nur so konnte der Prophet entwischen. Die Legende erzählt weiter, dass der Prophet Mohammed und sein engster Weggefährte Abu Bakr sich in einer Höhle versteckt haben, an dessen Eingang, als ein Wunder Gottes, eine Spinne ein Netz webte und ein Vogel sein Nest baute. Die Mekkaner sollen sich gedacht haben, „dort kann schon niemand sein, sonst wäre das Spinnennetz kaputt und der Vogel erschrocken weggeflogen“, so die Legende, an die sich Muslime zum islamischen Neujahr gerne erinnern.

Mohammed und Abu Bakr erreichten Medina eine Weile später, als die Muslime bereits seit mehreren Tagen sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Propheten warteten. Schließlich wurde die frohe Botschaft durch einen Späher auf einer hohen Palme verkündet: „Er ist da!“ Die Muslime freuten sich und sangen ein auch heute noch bekanntes Lied: „Tala al Badru Aleyna“. Einige Jahre später einigte sich die islamische Bevölkerung offiziell darauf, ihren Kalender ab dem Tag der Hidschra von neu zu zählen. Der Vorschlag, die islamische Zeitzählung auf den Tag der Hidschra zu legen, kam von keinem geringeren als Imam Ali el Murtaza, dem Schwiegersohn Mohammeds und dem Vater aller Nachfahren Mohammeds.

Freude und Trauer – Beides im Muharrem vorhanden

Der Tag des islamischen Neujahrs hat also eine spannende und wichtige Geschichte zu erzählen. Dieser bietet zwar Anlass zur Freude, aber es ist auch der Monat der Trauer. Während das islamische Neujahr auf Vorschlag von Imam Ali festgelegt wurde, waren es seine Kinder und Enkel, die Jahre später in diesen Tagen ermordet werden sollten. „In den ersten 12 Tagen nach dem islamischen Neujahr trauern die Aleviten. Damit erinnern sie an das Massaker von Kerbela. Dort, im heutigen Irak, ließ der Umayyadenherrscher Yezid im Jahr 680 in der Wüste, einen großen Teil der Nachkommen Mohammeds ohne Wasser gefangen halten und Hussein, einen Enkel Mohammeds, ließ er sogar enthaupten. Aus diesem Grund ist der Monat Muharrem auch mit Trauer verbunden“, weiß Fatih Aktürk. Alis Sohn, Mohammeds Enkel, wurde am 10. Tag des Monats Muharrem durch einen muslimschen Politiker, der die Herrschaft für sich beanspruchte, brutal massakriert. Auch Kinder und Frauen mussten in Kerbela ihr Leben lassen. Heute erinnern besonders Aleviten an dieses traurige Ereignis, aber auch immer mehr Sunniten nehmen sich die Traditionen der alevitischen Glaubensgeschwister zum Vorbild, denn das Massaker von Kerbela bewegt die Muslime bis heute. So fasten viele Muslime, vor allem Aleviten, die sogar 12 Tage lang auf klares Wasser verzichten. Sie trinken klares Wasser auch nach Sonnenuntergang nicht, weil Imam Hussein in seinen letzten Stunden verdursten musste.

Die Zeit des Trauerfastens und der spirituellen Besinnung endet am 12. Tag des Monats Muharrem mit einem speziellen Essen, das Aschure genannt wird, auch bekannt als die Suppe Noahs. Fatih Aktürk über diese besondere Speise.Nach der Legende soll Noah dieses Gericht auf seiner Arche mit Nüssen, Getreide, Kichererbsen, Feigen, Datteln und anderen getrockneten Früchten zubereitet haben. Dieses Gericht heißt Aschura. Diese süße Speise bereiten sowohl Aleviten, als auch Sunniten vor“, freut sich der deutsch-türkische Journalist auf die Aschure Suppe, die bei ihm zu Hause gekocht werden wird. 

Muharrem ein heiliger Monat

Anders als im Christentum, ist die Prophetenerzählung im Islam ist sehr weit gehalten. In einer Version ist die Rede von 124 Tausend Propheten, eine andere spricht gar von 224 Tausend Propheten im Laufe der Menschheitsgeschichte. Und in diesem Monat Muharrem seien besonders viele historische Ereignisse geschehen. Nicht nur, dass Noah die Sintflut überstanden hat, auch Hiob, ein Prophet, dessen Grab in der Türkei vermutet wird, soll in diesem Monat von seinen innerlichen Krankheiten, die ihn am Gebet zu seinem Schöpfer hinderten, erlöst worden sein. Das Bittgebet des Propheten Hiob ist bekannt und wird gerne von Gläubigen rezitiert („Rabbi inni meseniyedurru ve ente erhamürrahimin“). Der Prophet Abraham, Urahne von Moses und Mohammed, soll in diesem Monat auf die Welt gekommen sein. Und Moses, so glauben viele Muslime, habe das Schilfmeer im Monat Muharrem, genauer gesagt am Aschure Tag überquert haben. Diese Aufzählung aus dem Volksislam deckt sich mit dem, was Imam Taberani, ein bedeutender arabischer Hadith-Gelehrter in seinem großen Hadith-Lexikon niedergeschrieben hat. Die ersten Tage im Neujahr der Muslime bieten also reichlich Anlass, die Tage in einem religiösen Eifer zu verbringen. Während gläubige Sunniten die positiven Ereignisse aus den Prophetenerzählungen zum Anlass nehmen, konzentrieren sich Aleviten wegen des Massakers in Kerbela auf den Traueraspekt.

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