Wer glaubt, mit Schweigen Probleme lösen zu können, hält sich auch die Augen zu, um unsichtbar zu werden! Das hat Merve Gül am Samstagmorgen auf ihrer Facebookseite gepostet. Reden statt schweigen, anpacken statt aus dem Weg gehen, so ihr Appell.

Denn Merve und ihre Freundin Esra Yılmaz laden heute in Stuttgart zu einer Gesprächsrunde ein, los geht es um 16 Uhr auf dem Rotebühlplatz.

Hintergrund ist der wieder aufgeflammte Konflikt in der Türkei zwischen der Terrororganisation PKK und der türkischen Armee, der auch zunehmend zu einem gesellschaftlichen Konflikt wird, wie der Anschlag am vergangenen Samstag zeigte. Spätestens seit der Geschichte um die dm-Spendenaktion haben die Ereignisse auch Deutschland erreicht.

„dm war schon der konkrete Auslöser für die Gesprächsrunde, aber die Idee bestand schon länger“, berichtet Merve. In Esra habe sie dann „Mut und eine zuverlässige Partnerin“ gefunden.

Massenschlägerei, Primark und Israel

Tatsächlich stand die Drogeriemarktkette zum zweiten Mal in diesem Jahr im öffentlichen Fokus. Doch im Gegensatz zum ersten Mal, wo es um die Abschaffung von Plastiktüten in dm-Filialen ging, wurde dieses Mal schwereres Geschütz aufgefahren.

dm geriet in Verdacht, die PKK zu unterstützen, in den Augen der Türkei und Deutschlands eine Terrororganisation. Der Aufschrei war groß. Die User schrieben sich ab Samstagabend auf Facebook und Twitter die Finger wund. Die Spendenaktion, die für den heutigen Samstag geplant war, wurde schließlich abgesagt.

„Die Hemmschwelle, einen anderen öffentlich zu degradieren und die Menschenwürde mit Füßen zu treten, ist so unglaublich niedrig. Menschen zu pauschalisieren und sich dann abzukapseln und sich vor anderen Meinungen zu versperren. Das ist alles einfach. Wenn sich aber auf einmal zwei Menschen gegenüber stehen und sich darüber austauschen müssen, was ihnen auf den Sack geht, dann ist das nicht mehr so einfach mit Begriffen und Aussagen wie: „Du Nazi, du Hurensohn, du Dreckskurde, du Terrorist!“ Und erst recht nicht, wenn dir der Mensch vorher erzählt, was er sonst so im Leben treibt“, fasst Merve die Debatte in den sozialen Medien und den Unterschied zwischen „Digital vs. Echtes Leben“ zusammen.

Auch sie und ihre Freundin hätten sich nach Bekanntmachung der heutigen Gesprächsrunde einiges anhören müssen. Massenschlägereien seien vorhergesagt worden, andere hätten sie nicht für kompetent genug gehalten, über das Thema zu reden („Wollt ihr über Primark und Schminke reden?“).  Auch seien sie als Israel-Agenten angefeindet worden. Wie kommt man damit klar?

„Hast du auch daran gedacht, die Gesprächsrunde abzusagen?“, wollten wir wissen. „Nein“, widerspricht Merve. „Wir bekommen auch unzählige positive Nachrichten und nicht aus Stuttgart nein, sondern aus ganz Deutschland. Und darin sehen wir, dass wir etwas Wichtiges angesprochen und angepackt haben.“

„Jeder von uns könnte morgen zu den Unterdrückten gehören“

Merve wünscht sich oft, dass solche Gesprächsrunde auch in der Türkei stattfinden. „Doch das ist fast unmöglich.“ Die Fronten sind wieder verhärtet, das Thema kommt regelmäßig hoch. Die Kurden haben die repressive Politik in den Anfangsjahren der türkischen Republik nicht vergessen, die Türken die unzähligen Terroranschläge der PKK nicht. Merve dazu: „Die Leute haben zu viel Angst. Und ich meine wirklich ANGST. Angst vor einem unabhängigen Kurdistan, Angst vor einem erneuten Massaker, Angst vor religiöser oder ethnischer Unterdrückung. Ich meine, wir kennen doch die Türkei. Politisch ging es dem Land nie besonders gut. Mal trifft es die einen, mal die anderen und jeden von uns könnte es als nächstes treffen. Jeder von uns könnte zu den Unterdrückten gehören. Morgen darf ich kein Kurdisch sprechen, übermorgen kein Kopftuch mehr tragen und heute mischt sich jemand ein und sagt mir, was ich anzuziehen und zu denken haben. Ich verstehe die Leute. Aber ich will, dass sie einander auch verstehen.“

Die Berichterstattung hat in dieser Woche ebenfalls nicht zur Deeskalation beigetragen. Befürworter der türkischen Position kritisieren, dass die Mehrheit der deutschen Medien die PKK als „kurdische Arbeiterpartei“ bezeichnen. Kurden wiederum sehen es nicht ein, dass sie in jedem Zusammenhang mit der PKK in Verbindung gebracht werden.

Und was erhoffen sich die beiden von der heutigen Gesprächsrunde?

„Die Aktion wird nicht die Welt retten. Sie wird auch nicht die Türkei retten. Sie wird auch nicht den Konflikt, der in der Türkei herrscht, lösen“, ist Merve ihrer begrenzten Möglichkeiten bewusst.

„Aber wir machen an diesem Tag einen richtigen und wichtigen Schritt. Wir machen das, was in der Türkei so gut wie unmöglich ist. Wir setzen alle zusammen und hören ihnen zu. Wir bauen Vorurteile ab. Wir bekehren keinen, sondern respektieren nur. Wir müssen das, sonst gibt es kein friedliches Miteinander“, so die Studentin aus Mannheim, die gebürtige Stuttgarterin ist.

Warnung an Provokateure

Ein friedliches Miteinander, das soll es auch am Samstag in Stuttgart geben. Das meinen Merve und Esra auch ernst. „Jeder, aber auch jeder, ohne Gnade, der mit einer flagge oder anderen politischen Symbolen auftaucht, darf nicht teilnehmen und bekommt einen Platzverweis. Jeder, der meint während der Veranstaltung im Chor irgendwelche Slogans zu singen und zu provozieren, wird die Veranstaltung verlassen. Wir werden alle rechtlichen Konsequenzen ziehen. Wir leben in einem Rechtsstaat. Hier ist jede Meinung frei, solange sie sich im Rahmen des Grundgesetzes befindet. Wir lassen uns weder von extremen Türken, noch von extremen Kurden den Mund verbieten. Strafanzeigen und Screenshots über potenzielle Bedrohungen und angekündigte Straftaten wurden bereits an die Polizei weitergegeben“, heißt es auf Facebook auf der Seite, die eigens für die Veranstaltung ins Leben gerufen wurde.

„Respekt“, sagt Merve, müsse man haben, auch wenn einem die Meinung des Gegenüber nicht gefalle, das verlange unser Grundgesetz. Und wie schafft man Respekt?

„Reden, reden und nochmal reden. Klar, macht das müde und klar, ist das anstrengend. Und wenn dein Gegenüber einfach nur doof ist, dann macht das auch keinen Spaß. Aber solche Menschen gibt es und wir müssen mit ihnen friedlich zusammen leben können.“

Reden – das ist auch das Motto heute: „Lass uns reden“.