Der renommierte türkische Schriftsteller und Kolumnist Ali Bulaç.

MEINUNG Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu erklärte nach dem Angriff auf den Gazastreifen: „Im Kampf gegen die Feinde der Menschheit sitzen Israel und die USA im selben Boot. Wenn wir unsere Maßnahmen nicht treffen, werden sich Kräfte wie Hisbollah, Hamas, Iran und IS nicht mit dem Nahen Osten begnügen, sondern sich in Europa, den USA und auf der ganzen Welt verbreiten.“

Die Worte Netanyahus sind eine Bestätigung für die Allianz zwischen dem Westen und dem israelischen Zionismus; beide Seiten sind natürlich in derselben Reihe. Jedoch ist die Rhetorik, dass diese Allianz darauf gerichtet sei, die Verbreitung „des globalen Bösen“ zu verhindern, nicht mehr so überzeugend wie früher. Nun erfahren die nicht enden wollenden Massenmorde sowohl vom Westen als auch von türkischen Juden Widerspruch. Zum Beispiel unterstrich der Oberrabbiner Joel Weber Veiss, der sich seit 25 Jahren gegen den Zionismus engagiert, gegenüber POSTA212, einem türkischsprachigen Nachrichtenportal in den USA, dass Judentum und Zionismus nicht gleichzusetzen seien: „Aufgrund der israelischen Gewalt gegen die Bevölkerung in der Region werden die Juden in der ganzen Welt unberechtigter Weise beschuldigt. Sowohl die Gründung Israels als auch seine Politik sind eine große Ungerechtigkeit für die Menschen in der Region und für die Juden auf der ganzen Welt. Der Zionismus ist ein Konzept, welches nicht dem Judentum, sondern ganz den politischen Interessen dient. Indem der Staat Israel den Glauben an einen Gott ausnutzt, wovon wir auch in anderen Religionen Beispiele sehen können, sieht er es auf Menschenleben ab und stellt uns vor der Weltöffentlichkeit falsch dar. Kein Staat und kein Politiker hat das Recht, das Judentum und unser heiliges Buch unter sein Monopol zu nehmen. Weder Gott noch wir würden dies erlauben.“

Juden keine homogene Gruppe

Genauso, wie bei Anhängern aller anderen Religionen handelt es sich bei Menschen jüdischen Glaubens oder dem jüdischen Volk nicht um eine homogene Gruppe. Unter ihnen gibt es Unterschiede, die zu beachten sind. Vielleicht sollte man die Juden der Gegenwart als „Zionisten und Anti-Zionisten“ in zwei Gruppen unterteilen. Die Gründungsväter Israels haben zwar das Judentum als Grundlage für den neuen Staat genommen, ein wichtiger Teil von ihnen war aber nicht religiös. Dass eine Religion als Legitimation für die Gründung eines Nationalstaates dient, bedeutet nicht, dass sie tatsächlich die Grundlage für den Geist des Staates und für die rechtliche Ordnung darstellt. Muhammad Ali Dschinnah und seine Mitstreiter zum Beispiel hatten zum ersten Mal in der Geschichte den Islam als Legitimation für den Nationalstaat „Pakistan“ benutzt. So war es möglich, die Muslime von den Hindus zu spalten, obwohl ihre Sprache, Geschichte, Traditionen und Heimat identisch war. Allerdings hat Pakistan weder Frieden gefunden, noch konnte es seine Einheit und Gemeinschaft wahren.

Der Staat Israel war nicht nur ein Wunsch der Zionisten und den Juden, die in der westlichen Geschichte verachtet und allerlei schlechten Behandlungen ausgesetzt waren, sondern und vielleicht sogar viel mehr ein Projekt des Westens (der USA), welches für den Nahen Osten erdacht war. Wie seit der Gründung zu beobachten ist, kontrolliert der Westen und insbesondere die USA diese Region um Israel. Weil Israel dort existiert, a) können Diktatoren, Monarchen und autokratische Regime fortbestehen; b) werden die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft nicht für das Wohl der Region genutzt, sondern fließen in den westlichen Markt; c) kann keine Einheit zwischen den islamischen Ländern entstehen und d) geraten der Islam und die islamische Welt in die Lage des entfremdeten Angst- und Hassobjekts im globalen System.

Israel wichtig für US-Interessen

Für die christlichen Zionisten ist Israel die Heimat der Juden, die am Ende der Zeit für ihre Rettung geopfert werden. Aus diesem Grunde unterstützen sie den Prozess, dass sich Juden, die weltweit zerstreut leben, im Heiligen Land versammeln. Aber für die Führungseliten der USA und des Westens ist Israel ein praktisches Hilfsmittel, um ihre imperialistische Herrschaft in der Region aufrechtzuerhalten. Der säkulare Westen und die Evangelikaler missbrauchen (Israel) für ihre eigene Religion und Interessen. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, kann man sagen, dass nicht Israel den Westen, sondern der Westen Israel ausnutzt und instrumentalisiert. US-Politiker lassen keine Gelegenheit aus, um zu betonen, dass „Israels Sicherheit mit dem der USA gleichzusetzen ist“. Der US-Vizepräsident Joe Biden, der freimütigste unter den amerikanischen Politikern, sagt über die Bedeutung Israels für die US-Interessen in der Region: „Wenn es kein Israel gäbe, dann hätten wir vielleicht eins gründen müssen, um unsere Interessen zu wahren.“

Hier entsteht für Muslime und anti-zionistischen Juden – egal ob laizistisch oder religiös – die Notwendigkeit, das palästinensisch-jüdische Problem neu zu reflektieren.