Florian H. verbrennt in seinem Auto kurz bevor er als Zeuge zum NSU aussagen wollte. Damals gehen die Ermittler schnell von einem Suizid aus. In seinem verbrannten Auto finden Angehörige nun plötzlich eine Pistole.
Florian H. verbrennt in seinem Auto kurz bevor er als Zeuge zum NSU aussagen wollte. Damals gehen die Ermittler schnell von einem Suizid aus. In seinem verbrannten Auto finden Angehörige nun plötzlich eine Pistole.

Ein junger Mann aus dem baden-württembergischen Eppingen verbrennt in seinem Auto im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Und das, nur wenige Stunden bevor er bei der Polizei zum mutmaßlichen Mord des sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) an der Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter aussagen sollte.

Monate vor Auffliegen von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe hätte dies das vorzeitige Ende der rechtsradikalen Terrorgruppe bedeuten können. Doch die Sicherheitskräfte reagieren nicht: Der damals 21-Jährige hat sich umgebracht, vermutet die Polizei sofort.

Aussteiger stirbt vor Aussage zur rechten Szene

Der Fall ist bequem und wird schnell zu den Akten gelegt. Die Familie des Opfers will das nicht akzeptieren. Sie geht davon aus, dass Florian H., der wenige Monate zuvor aus der rechten Szene ausgestiegen war, massiv von seinen ehemaligen Kollegen unter Druck gesetzt worden war.

Wurden seine Insiderkenntnisse dem Sohn zum Verhängnis? Familie H. begibt sich auf die Suche nach Anhaltspunkten – mit Erfolg. Anderthalb Jahre später finden Angehörige des Opfers allerlei Dinge in dem ausgebrannten Auto: Einen Schlüsselbund, eine Machete, eine Pistole, ein Feuerzeug, zwei Mobiltelefone, der Deckel eines Tankkanisters und Tablettenhülsen des Schmerzmittels Buscopan.

Auto wäre verschrottet worden – Kritik am Vorgehen der Polizei

Florian H.s Familie übergibt die Sachen dem NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg. All diese Beweisstücke will die Polizei damals nicht bemerkt haben. Besonders pikant dabei: Der Wagen von Florian H. wäre nur einen Tag nach seinem Suizid verschrottet worden, hätte seine Familie das Auto nicht abgeholt. Bis heute ist das ausgebrannte bei Freunden der Familie untergestellt.

Haarsträubende Mängel in der Polizeiarbeit oder systematische Vertuschung? „Wir können uns keinen Reim darauf machen, warum die Polizei diese Gegenstände nicht gefunden hat“, sagt der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag Wolfgang Drexler. Das müsse die Polizei nun erklären.

Welle der Empörung

Sofort bricht eine berechtigte Welle der Empörung los: Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall (SPD) steht derzeit im Auge des Sturms. Die Bundes- und Landespolitik fordert Aufklärung von ihm. Gall schweigt bislang und verweist auf die laufenden Ermittlungen. Der Landespolizeipräsident Gerhard Klotter kündigte indes eine weitere genaue Prüfung des Autos an.

Im Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag selbst soll nun dringend geklärt werden, wie es zum Tod Florian H.s kam und was er wirklich wusste. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Matthias K., Rufname „Matze“.

Der Rechtsradikale wurde erst durch den Untersuchungsausschuss bekannt und soll Hinweise zum NSU geben.

Welche Rolle spielt die Neoschutzstaffel?

Insbesondere soll im Landesparlament geklärt werden, welche Rolle die Gruppe „Neoschutzstaffel“ (NSS) im Zusammenhang mit dem sog. NSU spielte. Die angeblich geheim agierende Truppe militanter Neonazis und „Matze“ erwähnte Florian H. noch kurz vor seinem mutmaßlichen Freitod.

Einige Experten vermuten zwar eine Verbindung zwischen den beiden Neonazi-Organisationen. Ob die NSS dem NSU beim Mord an der Polizisten Kiesewetter half, ist unklar. Beweise sind bislang rar. Höchste Zeit, dass endlich Licht ins Dunkel des NSU gebracht wird. Der baden-württembergische Untersuchungsausschuss scheint auf einem guten Weg zu sein.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat mittlerweile die Ermittlungen zum Feuertod von Florian H. wieder aufgenommen. Grund der Wiederaufnahme seien neue Erkenntnisse, die im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags zutage gefördert worden seien, teilte eine Behördensprecherin am Montag mit.

Die schreckliche Bilanz des NSU

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, Verschwörungstheorien beliebt.