Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat mit einer sehr streitbaren Aussage für Irritationen gesorgt und Kritik auf sich gezogen. In einer Rede auf dem 37. Zionistischen Weltkongress in Jerusalem sagte er am Dienstagabend, Adolf Hitler habe eigentlich gar nicht vorgehabt, die Juden auszurotten, sondern habe sie nur ausweisen wollen.

Netanjahu zufolge soll der Großmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, bei einer Unterredung mit Hitler im November 1941 in Berlin den deutschen Diktator davon überzeugt haben, die Juden zu vergasen. Laut der linken israelischen Zeitung „Haaretz“ ist in Historikerkreisen noch nicht einmal sicher, dass dieser Wortwechsel je stattgefunden hat.

Al-Husseini habe die Befürchtung geäußert, die Juden würden alle nach Palästina emigrieren, wenn Hitler sie aus Europa ausweise. Somit sei er maßgeblich dafür verantwortlich, dass Hitler die Endlösung bevorzugt habe.

Geschichtswissenschaft weist These zurück

Diese These ist nicht neu, wird aber von der modernen Geschichtswissenschaft abgelehnt. Dagegen spricht auch das Buch „Mein Kampf“, in dem Hitler seine Pläne zur Vernichtung der Juden detailliert niederschrieb.

Um muslimische Verbündete zu gewinnen, entwickelten die Nazi-Ideologen umfassende und absurde Pläne. In diesen Plänen spielten nicht nur die wenigen Muslime, die damals in Deutschland lebten, eine wichtige Rolle. Führungspersönlichkeiten aus der islamischen Welt, wie der Mufti von Jerusalem, sahen in den Nazis natürliche Verbündete im Kampf gegen die Engländer und Russen, die als Kolonialmächte muslimische Länder über Jahrzehnte hinweg besetzten und ausbeuteten.

Volker Popp, Autor des Buches „Hitlers Muslime“, merkt dazu an: „Der Islam war die beherrschende Religion in den arabischen Staaten, die von den westlichen Kolonialmächten kontrolliert wurden. In weiten von Deutschland besetzten Regionen der Sowjetunion und Südosteuropa bekannte sich desgleichen die große Mehrheit der Bevölkerung zum Islam.“ Die Nazis hätten den Muslimen, die mit ihnen zusammenarbeiteten, für die Zeit nach dem „Endsieg“ zudem eigene souveräne Staaten versprochen. Bei diesen machtpolitischen Kalkulationen und der Propaganda, deren Teil es auch war, Hitler den Muslimen als den „erwarteten Erlöser“ (Mahdi) zu verkaufen, habe der Antisemitismus aus Sicht der Muslime und die rassistische Nazi-Ideologie eine sekundäre Nebenrolle gespielt, ist sich Popp sicher.

Israelischer Oppositionsführer: „Gefährliche Verzerrung“

Israels Oppositionsführer Izchak Herzog rief Netanjahu nach Medienberichten dazu auf, seine Äußerungen zurückzuziehen. Es handele sich um eine „gefährliche Verzerrung der Geschichte, die den Holocaust trivialisiert“. Zevaha Galon von der linken Meretz-Partei übte noch harschere Kritik. Auf ihrer Facebookseite schrieb die Politikerin laut der Jerusalem Post, Netanjahus Äußerungen zeigten, „wie weit dieser Mensch gesunken ist“.

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will sich am Mittwoch bei einem Treffen mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu für eine Deeskalation der Lage in Israel einsetzen. Hintergrund ist die jüngste Gewaltwelle zwischen Israelis und Palästinensern. Merkel und Netanjahu wollen die Öffentlichkeit gegen 19.00 Uhr über ihre Gespräche im Kanzleramt in Berlin informieren und anschließend bei einem Abendessen weiter beraten. Die jüngsten Äußerungen Netanjahus dürften nun einen großen Schatten auf seinen Deutschland-Besuch werfen.