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Von den USA im Stich gelassen, sind die Kurden im Norden Syrien erneut die Verlierer der internationalen Politik. Was ihnen nun droht, was sie planen und wer ihnen jetzt noch helfen könnte.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Mitte Dezember hatte US-Präsident Donald Trump den Abzug seiner Truppen aus Syrien bekanntgegeben. Insbesondere die Kurden im Norden des Landes traf diese Entscheidung plötzlich. DTJ-Online erklärt die unübersichtliche Lage, beantwortet die wichtigsten Fragen und gibt einen Ausblick darauf, was Ankara nun plant.

USA – warum die Kurden als Verbündete?

Die USA standen bislang an der Spitze einer internationalen Koalition, die den islamischen Staat (IS) in Syrien bekämpft. Die syrische Kurdenpartei PYD, die von unabhängigen Stellen als syrischer Ableger der Terrorgruppe PKK angesehen wird, war bis kurz vor Weihnachten der wichtigste US-Verbündete in Syrien. Militärisch koordiniert der bewaffnete Arm der PYD, die Kurdenmiliz YPG, bis heute gemeinsam mit anderen Gruppen, die als Syrische Demokratische Kräfte (SDF) hohes Ansehen genießen, den Kampf gegen den IS.

Die kurdischen Kämpfer galten, auch weil sie einen Großteil des früheren Herrschaftsgebietes des IS einnahmen und weiter gegen die Dschihadisten im Osten des Landes vorgehen, als eine der wenigen für den Westen verlässlichen Bodenkräfte in Syrien. Im Norden Syriens riefen sie das Autonomiegebiet Rojava aus, dass vielen Syrern bislang als sicheres Refugium Schutz vor Krieg und Elend bietet.

Warum kommt der US-Truppenabzug jetzt?

Der US-Truppenabzug kam nicht nur für die Kurden überraschend. Für viele Beteiligte und Beobachter in Washington und im Pentagon war dieser Schritt nicht vorsehbar. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass US-Präsident Trump seine Entscheidung allein traf und niemanden zuvor einweihte. Dieser Alleingang ist in erster Linie auf sein Credo „America first“ und den innenpolitischen Druck im Zuge seiner Mauerpläne an der Grenze zu Mexiko zurückzuführen. Der Abzug dient also als Manöver, um vom heimischen Shut-down-Dilemma abzulenken. Prinzipiell hatte Trump bereits vor Monaten den Anspruch aufgegeben, bei der Gestaltung des zukünftigen Syrien mitzureden.

Was plant Recep Tayyip Erdoğan?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan drohte kurz nach der Entscheidung der USA mit einer Großoffensive gegen die YPG. Die Frage ist nur, ob er das wirklich riskiert. Noch immer sind mehr als 200 Soldaten aus Frankreich, einem Nato-Partner der Türken, vor Ort im syrischen Kurdengebiet und die USA forderten jüngst eine Garantie aus Ankara, dass das türkische Militär nicht im Nachbarland interveniert.

Um Erdoğans Heer steht es indes nicht gut. Es kriselt  bei den Mehmetçik. Am Sylvestertag entließ der türkische Präsident per Dekret den Kommandanten für die Operationen in Syrien. Hinzukommt: Die Mehmetçik sind durch den Kampf gegen die Kurden in Afrin demoralisiert. Dort tobt seit Ende der „Operation Olivenzweig“ ein Guerillakrieg, der immer mehr Todesopfer unter den türkischen Besatzern fordert.

Das alles muss Erdoğan nicht daran hindern, doch in Syrien anzugreifen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass er in Sicherheitsfragen nicht immer rational agiert. Ein Sieg über die Kurden würde auch von der sich verschlechternden Wirtschaftslage am Bosporus ablenken. Nicht zu unterschätzen ist außerdem, dass der türkische Präsident eine Lösung für die rund drei Millionen syrischen Flüchtlinge in seinem Land sucht. Das Kalkül lautet: Je mehr Einflussbereiche die Türkei in Syrien kontrolliert, desto mehr Syrer können dorthin abgeschoben werden.

Was erwartet die Kurden nun?

Ein kurdische Sprichwort lautet: „Wir haben keine Freunde außer den Bergen“. Es ist zwar noch nicht soweit, dass sich die Kurden in die Berge zurückziehen müssten. Dennoch rüsten sich die YPG-Kräfte für den Kampf. Nach der Niederlage in Afrin rechnen sie mit dem Schlimmsten. In ihrer Verzweiflung baten sie sogar die Zentralregierung in Damaskus um Hilfe. Assad mobilisierte seine Truppen. Schon bald werden die ersten Soldaten des syrischen Regimes in Rojava eintreffen. Das Erdogan zeitgleich Truppen an der Grenze zusammenzieht, verheißt nichts Gutes.

Welche Rolle spielen Putin und Assad?

Wladimir Putin ist der wichtige Entscheider im Hintergrund. Von Moskau hängt alles ab. Schließlich kontrollieren die russischen Streitkräfte den Luftraum über Syrien. So entscheidet Russland über alle militärischen Aktivitäten vor Ort. Ohne Putins Zustimmung wäre auch die „Operation Olivenzweig“ in Afrin nicht möglich gewesen. Dass Moskau ein weiteres Mal den Türsteher für türkische Truppen gibt, ist indes unwahrscheinlich. Im kurdischen Manbidsch, der Stadt die zuerst von Erdoğans Militär angegriffen werden würde, sind russische Militärpolizisten stationiert. Putin schickte sie jüngst auf Patrouille Richtung türkische Grenze – ein klares Zeichen gen Ankara: Wer nach Syrien will, kommt an Russland nicht vorbei. Der Hintergrund: Eine Intervention der Türkei würde syrische Kräfte schwächen, die aktiv gegen den IS vorgehen. Wären sie zuhause im Norden im Kampf gegen die Türkei gefordert, würde der IS wiedererstarken. Putin will das unbedingt verhindern.

Baschar al-Assad dürfte die Bitte der Kurden um militärischen Beistand mit Wohlwollen vernommen haben. Der syrische Diktator verfolgt seit Monaten eine Kampagne zur eigenen Rehabilitation gegenüber seiner Landsleute. Zwar hat er kein Interesse an einem kurdischen Autonomiegebiet, mit einer Unterstützung der Kurden könnte er sich aber als Schutzherr der Minderheiten im Land inszenieren. Die Intervention fremder Truppen möchte er unbedingt vermeiden. Aus der Türkei wünscht er sich nur eines: Investitionen in die vom Krieg zerstörte Infrastruktur seines Landes.

Was bringt die nahe Zukunft?

Es scheint eine der tragischen Grundregeln im Nahen Osten zu sein: Die Kurden werden in jeden Konflikt involviert und enden immer als Verlierer. Die Lage vor Ort ist unübersichtlich. Das Schlachtfeld Syrien ist umgeben von windigen Partnern: Die USA wollen weg, die Türken fordern Einfluss, Assad wünscht sich Ruhe, die Kurden suchen nach Frieden und Putin giert nach Kontrolle.

Fakt ist: Dass im nordsyrischen Kurdengebiet schon bald wieder Bomben fliegen könnten, ist mit dem Abzug der US-Truppen wahrscheinlicher geworden.