"Beute" heißt das neue Buch von Ayaan Hirsi Ali. Bild: picture alliance / dpa | Ennio Leanza

Die „Islamkritikerin“ Ayaan Hirsi Ali vertritt in ihrem neuen Buch eine deutliche Meinung: Starke Zuwanderung von Muslimen bedrohe die Rechte von Frauen in westlichen Demokratien. Dafür findet sie Zustimmung bei einigen Feministinnen – erntet aber auch Kritik.

Die Silvesternacht von Köln 2015/2016 hat sich inzwischen schon in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben. In einer Menschenmenge wurden damals zahlreiche Frauen sexuell angegriffen. Viele der Täter waren Zuwanderer. Damals brach eine Diskussion los über die Integration muslimischer Männer in Deutschland und deren Sicht auf die Frauen in diesem Land.

Diese Diskussion ging der Feministin und erklärten Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali (51) nicht weit genug – ganz im Gegenteil. „Diejenigen, die öffentlich über das berichtet hatten, was ihnen widerfahren war, wurden daraufhin als „Rassistinnen“ bezeichnet, weil sie auf die ethnische Herkunft oder den Migrantenstatus der Täter verwiesen hatten“, schreibt die in Somalia geborene und einst selbst in die Niederlande eingewanderte Autorin in ihrem neuen Buch. Das hat sie „Beute“ genannt weil das aus ihrer Sicht das ist, was europäische Frauen für viele muslimische Männer sind. Untertitel: „Warum muslimische Einwanderung westliche Frauenrechte bedroht“.

„Gute und schlechte“ Frauen im Islam?

„Der Islam gibt ja nicht die Vollmacht, rauszugehen und zu vergewaltigen“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur. „Aber er legt die Unterscheidung zwischen guten und schlechten Frauen fest. Und so erscheint es zwar sündhaft, kriminell oder falsch, Frauen zu attackieren, die gut und keusch erscheinen – aber nicht die Frauen, die als schlecht, unanständig und nicht tugendhaft angesehen werden.“

Die Autorin ist nicht unumstritten. Kritiker werfen ihr vor, den Islam zu pauschal anzugreifen, sozio-kulturelle Aspekte auszublenden, provozierend und zuweilen polemisch aufzutreten. Für ihre Aussagen erhielt sie auch Gewaltdrohungen. Gemeinsam mit dem niederländischen Regisseur und Islamfeind Theo van Gogh drehte sie den Kurzfilm „Submission“ (deutsch: Unterwerfung). Als van Gogh in Amsterdam von einem muslimischen Extremisten ermordet wurde, fand sich auf seiner Leiche ein Zettel mit Todesdrohungen gegen sie.

Aus den Niederlanden in die USA

2006 zog sie sich aus den Niederlanden, wo sie zeitweise für die Partei VVD des heutige Ministerpräsidenten Mark Rutte im Parlament gesessen hatte, zurück und ging in die USA. Zuvor hatte sie in den Niederlanden eine Regierungskrise ausgelöst, als sie ihre Einbürgerung unter unkorrektem Namen eingestand. Zudem hatte sie verschwiegen, über ein „sicheres Drittland“ eingereist zu sein.

Deutschlands wohl bekannteste Feministin, Alice Schwarzer, bewundert Ali, wie sie der dpa sagt: „Sie hat ja selber einen muslimischen Hintergrund und ist vor einer Zwangsverheiratung nach Westeuropa geflohen. Sie weiß also, wovon sie redet.“ Viele muslimische Männer hätten „ein extrem rückwärtsgewandtes Frauenbild“. „In ihren Herkunftsländern sind Frauen schließlich Menschen zweiter Klasse, und auch nach dem Gesetz entrechtet.“

Schwarzer: „Respekt einfordern“

Schwarzer teilt also die Argumentation der Autorin. Sie glaubt auch, dass die deutsche Gesellschaft es den Männern schwer mache, sich zu integrieren: „Wir müssten sie stärker fordern – und Respekt vor unseren so mühsam erkämpften Werten der Aufklärung und der Frauenbewegung fordern. Gleichzeitig müssen wir die mit eingewanderten Frauen und Kinder schützen. Beides haben wir nicht ausreichend getan. Und das rächt sich jetzt“, betont die Herausgeberin der feministischen Zeitschrift „Emma“.

„Rassismus schlägt Sexismus. Viele gestehen den „Fremden“ etwas zu, was sie den eigenen Männern nicht zugestehen würden. Im Namen einer anderen Kultur oder Religion. Und genau das ist rassistisch: Menschen aus anderen Kulturen mit anderen, scheintoleranten Maßstäben zu messen.“

Kaddor: Ali geht es um „Übertreibung“

Religionspädagogin Lamya Kaddor sieht Ali dagegen aus einer anderen Perspektive. In einem „Zeit“-Artikel schrieb sie 2015, Aktivisten wie ihr gehe „es offensichtlich nur um Zuspitzung, Übertreibung, Pauschalisierung und Diffamierung“.

Ali führt in ihrem Buch Statistiken an, Zahlen, die ihre These belegen sollen. Fakt ist aber, dass etwa die Zahlen aus der deutschen Kriminalitätsstatistik aus der Zeit vor und nach der Asylzuwanderung von Muslimen um das Jahr 2015 herum schwer vergleichbar sind, weil es da Änderungen im Strafrecht gab.

Straftaten haben zugenommen

Seit November 2016 macht sich nach dem Grundsatz „Nein heißt Nein“ nicht nur derjenige strafbar, der Sex mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt. Es genügt vielmehr, dass sich der Täter – meistens ein Mann – über den „erkennbaren Willen“ des Opfers hinwegsetzt.

Daher lassen sich die Daten der Jahre vor und nach der Gesetzesnovelle nur eingeschränkt vergleichen. Doch auch wenn man auf die Zeit nach 2017 blickt, stellt man fest, das die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung zugenommen hat. Laut Bundeskriminalamt (BKA) wurden im Jahr 2017 knapp 68 Fälle pro 100.000 Einwohner registriert, im Jahr 2020 waren es 98 Fälle. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass die #MeToo-Debatte auch hierzulande einen größeren Anteil von Frauen dazu bewogen hat, solche Straftaten zur Anzeige zu bringen.

Bei den Fällen von Vergewaltigungen, die aufgeklärt werden konnten, mit mindestens einem tatverdächtigen Zuwanderer lag der Anteil der deutschen Opfer im Jahr 2019 laut Polizeistatistik bei 62,7 Prozent. Als Zuwanderer wurden hier Asylbewerber gezählt, Flüchtlinge und andere anerkannt Schutzberechtigte, sowie Menschen, die sich unerlaubt oder mit einer Duldung im Land aufhielten.

„Anpassung“ als Bedingung für die Einreise

Ali hat einen Vorschlag für eine andere Asylpolitik, die die aus ihrer Sicht so schwierige Situation besser machen soll. Die lautet – verkürzt gesagt: nur die ins Land rein und hier lassen, die bereit sind, sich anzupassen. „In dem Moment, in dem die Menschen hier ankamen, bei den Sicherheitsüberprüfungen hätte man den Flüchtlingen klar machen müssen, dass sie eine andere Zone betreten, was dort von ihnen erwartet wird – und dass sie wieder gehen müssen, wenn sie sich daran nicht halten“, sagt sie.

Eine Einstellung, die der SPD-Innenpolitiker Helge Lindh für falsch hält: „Umerziehung und Paternalismus“ sei der falsche Weg, um Frauenrechte in den Köpfen männlicher Zuwanderer zu verankern, sagt der Bundestagsabgeordnete aus Nordrhein-Westfalen. Erfolgversprechender sei es beispielsweise, die Position von zugewanderten Frauen zu stärken. Dass manch ein Politiker, der sich für Vielfalt und Migration engagiert, „schwertut mit Themen wie Kriminalität und Gewalt“, sei verständlich, „aufgrund der massiven Verunglimpfung von Muslimen durch Rechte und Populisten“.

Alice Schwarzer hat nach der Silvesternacht von Köln ein Buch dazu verfasst. „Dass so etwas nun auch mitten in Europa passiert ist, hat die ganze westliche Welt schockiert. Und das Schlimmste war: Man durfte es nicht benennen, das galt als Rassismus“, sagt sie. „Ein Aberwitz.“ Nach dem Buch sei sie von manchen Linken und auch anderen Feministinnen als Rassistin bezeichnet worden. „Das Thema wird zum Tabu – und das Problem immer größer.“

dpa/dtj