Menschen flüchten in Massen aus ihrer Heimat… ins Unbekannte… mit Booten. In ihren Booten sind sie bloße Menschenmassen. Ständig Berichte im Fernsehen über Boote, die zu Särgen werden. Und über viele Leben, die in den dunklen Tiefen des Mittelmeeres enden…

Wer ist schuld? Wer hat die Hoffnung dieser Menschen aus aller Herren Länder gestohlen? Sind es die Boote oder die Tritte der Tyrannen? Vom Türkischen „Boot des Brotes“ entlehnt, möchte ich hier den Ausdruck „Boot der Hoffnung“ verwenden. Flüchtlinge fliehen vor Hunger, Gewalt, Chaos, Krieg und Tyrannei und wagen sich mit einem Boot der Hoffnung auf wilde Gewässer. Warum sonst sollten Menschen tausende Kilometer lebensgefährlichen Weges auf sich nehmen, weg von der geliebten Heimat, wo ein verhasstes Leben sie zum Aufbruch zwang? Eine Flucht ins Unbekannte…

Ach, ihr Boote, auf denen so viele vom Unglück Heimgesuchte Zuflucht suchen, nachdem sie ihre Träume daheim begraben mussten… Ach wüssten wir nur, welch tragische Geschichten übereinander gestapelt sich eurem Schutz anvertraut haben. Menschen, deren einzig Hab und Gut ihr Leben war!

Berichte machen aus tragischen Einzelschicksalen kalte Statistik

Ach, könntet ihr doch sprechen und davon erzählen! Von den Träumen, Gefühlen, Wünschen hilfloser junger Menschen… Vielleicht verstünden wir dann, dass auch sie Menschen sind wie wir. Dass sie das Leben mit Würde genießen möchten wie wir, dass sie sich freuen und lachen möchten wie wir…

Doch die Berichte bestehen allein aus kalten Fakten und gesichtslosen Zahlen… Erneut ein Bootsunglück… 200, 300, 600, 900 Flüchtlinge im Mittelmeer verunglückt. Was wir dabei empfinden? Bloße Wörter, machtlos das Ausmaß des Schreckens wider zu geben: Boot, Flüchtling, Mittelmeer…

O du Menschheit! Was tust du dir nur an mit deiner Selbstzerstörung? Nicht Boote voller Flüchtlinge kentern, sondern deine Seele ist es, die im Meer ertrinkt.

Was sich dort auf dem Meer abspielt, ist wahrhaftig eine Tragödie der Menschheit.

Sprecht nur, wer ist der Regisseur dieser schändlichen Aufführung?

Sprecht, wer hat diese Menschen aus ihren geliebten Ländern ins Unbekannte getrieben?

Eigentlich tragen diese Boote unser aller Sünden – die so schwer sind, dass die Boote die Lasten nicht mehr tragen können und mit jeder weiteren Sünde zum Boten des Todes werden. Orient und Okzident haben große Sünden begangen und begehen sie weiterhin. Wie schrecklich die Sünde von Hiroshima! Wie schrecklich das Verhungern in Afrika! Sünden, für die der tiefste Höllenschlund vorgesehen ist, begangen von den Nazis! Und die Blutbäder des Terrors – sind nicht auch sie sündige Früchte von Orient und Okzident? Wie könnte das Ausmerzen von Millionen Menschenleben wie Ungeziefer je Vergebung finden?

Das Boot ist voll? – Unserer Unmenschlichkeit sollten wir uns schämen!

Wer könnte wirklich stolz auf seine Zivilisation sein? Was wir als Zivilisation betrachten, ist längst am Hindukusch, in den Wüsten und Steppen von Afrika, im Opferfeuer des Nahen Osten zugrunde gegangen und letztlich mit den Tausenden geflüchteten Seelen, die ihre ganze Hoffnung an die Boote banden, im Mittelmeer auf Grund gelaufen.

Das Boot ist voll und droht auch auf dem Ozean unseres Gewissens zu sinken… Wem nützt es noch, wenn wir uns unserer eigenen Unmenschlichkeit schämen!? Welchen Sinn hat das noch, nach so vielen schändlichen Taten? Ein ärmliches Boot bricht von einer Mittelmeerküste ins Unbekannte auf, während wir uns mit unzähligen Luxusgütern vergnügen. Kinder aus Afrika bemühen sich, einen winzigen Platz in den Todesbooten zu ergattern, während unsere größte Sorge es ist, wie wir unsere Kinder vor der digitalen Sucht bewahren können.

Lasst uns daher stets daran erinnern, dass vor genau 70 Jahren in Hiroshima innerhalb weniger Minuten 140.000 Menschen von einer Atombombe brutal vernichtet und verbrannt wurden. Lasst uns auch daran erinnern, dass in beiden Weltkriegen Städte mit Millionen Menschen dem Erdboden gleich gemacht wurden. Diese menschenverachtende Mentalität ist nicht tot, sie weilt unter uns. Daher gilt es genau zu überlegen, was unsere Mitschuld an diesen Verbrechen ist.

Hin und wieder zumindest wird ein Boot entdeckt, bevor es kentert. Diesmal zählt ein einjähriges palästinensisches Kind zu den glücklichen Geretteten. Aber mehr als 200 Menschen werden vermisst! Was macht es da aus, dass die Passagiere aus Bangladesch, Libyen, Afghanistan, Syrien, Irak oder Somalia stammen? Es sind doch Menschen, sagt man sich! Aber anscheinend ist dem nicht so. Denn diejenigen, die aus ihren zerstörten Heimatländern flüchten müssen, werden nicht als wertvolle Individuen betrachtet, sondern als Massen ohne Namen.

Im Gegensatz zu uns im Westen: Wir sind Individuen, Menschen im wahrsten Sinne des Wortes, teure und wertvolle Menschen. Aber jene in Booten Flüchtenden sind fleischgewordene Massen. Analog zu dem, was der bekannte türkische Dichter Necip Fazil zu sagen pflegt: „Menschen im Kerker sind bloße Ziffern; bekleidete Knochen, behemdetes Fleisch“, muss man nur „Kerker“ durch „Boot“ ersetzen…

In Booten Gedemütigte haben keine Gefühle, Familien und Träume! So wertlos, dass man sie nur in Zahlen zu erwähnen braucht. Ja, solange Ungerechtigkeit, Gewalt, Krieg und Aufruhr in der Welt herrschen und Heuchler, Tyrannen und Despoten das letzte Wort haben, werden noch viele Boote der Hoffnung ins Unbekannte aufbrechen und als Todesboote untergehen.

Doch die Flüchtlinge werden sich bis zum Ende der Welt(en) nicht davon abhalten lassen, Boote der Hoffnung zu besteigen, in dem Glauben, auf sie würde eine bessere Zukunft irgendwo in Europa warten.