Die Titelseite des Nokta-Artikels zeigt mehrere bewaffnete Kämpfer der Terrormiliz
Die türkische Wochenzeitschrift „Nokta“ erhebt schwere Vorwürfe gegen den türkischen Geheimdienst MİT. Dieser soll 60 IS-Rekruten aus einem türkischen Gefängnis direkt nach Syrien gebracht haben - darunter auch einen Deutschen.

Die türkische Wochenzeitschrift „Nokta“ erhebt in einem am 3. August veröffentlichten Bericht schwere Vorwürfe gegen den türkischen Geheimdienst Millî İstihbarat Teşkilâtı (MİT). Nokta zufolge transportierte der MİT insgesamt 60 Personen, die sich der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) in Syrien anschließen wollten, über die Grenze ins Herrschaftsgebiet des IS. Zuvor hatte die türkische Polizei dem Bericht zufolge die 60 Personen auf Grund des Verdachtes in kriminelle, terroristische Aktivitäten verwickelt zu sein, inhaftiert. Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes hätten die Festgenommenen dann aus dem Gefängnis geholt und sie in der Grenzstadt Akçakale bekannten Schleusern übergeben, damit sie nach Syrien gebracht würden.

Die 60 ausländischen IS-Rekruten wurden dem Bericht zufolge zwischen April und September 2014 von der türkischen Polizei in der südtürkischen Provinz Şanlıurfa festgenommen. Die Polizei informierte den Geheimdienst über die Verhaftungen und übergab sie den Mitarbeitern des Nationalen Sicherheitsdienstes MİT. Der zuständige Polizeichef von Şanlıurfa, Eyüp Pınarbaşı, sei in die Übergabe-Aktionen eingeweiht gewesen. Sicherheitskameras seien zum Zeitpunkt der Übergabe der Personen an die IS-Mittelsmänner abgeschaltet und Grenzposten vom Treffpunkt nahe Akçakale entfernt worden, so im Nokta-Bericht zu lesen.

Die Zeitschrift veröffentlichte eine Liste der Personen, die vom türkischen Geheimdienst aus dem Gefängnis in Şanlıurfa zum IS nach Syrien gebracht wurden.

Die Liste enthält (von links nach rechts): den Namen, das Geburtsdatum, den Geburtsort, den Namen der Mutter, den Namen des Vaters, Ethnie, Staatsangehörigkeit und Ausweis-/Reisepassnummer.
Die Liste enthält (von links nach rechts): den Namen, das Geburtsdatum, den Geburtsort, den Namen der Mutter, den Namen des Vaters, Ethnie, Staatsangehörigkeit und Ausweis-/Reisepassnummer.

Die 60 IS-Rekruten stammen aus der ganzen Welt

Vier aus Makedonien, einer aus Pakistan, einer aus Saudi Arabien, zwei aus Ägypten, einer aus dem Sudan, einer aus Aserbaidschan, einer aus der russischen Republik Dagestan, einer aus Tadschikistan, zwei aus Afghanistan, drei aus Libyen, zwei aus Usbekistan, zwei aus Georgien, 21 aus Russland (davon sieben ethnische Tschetschenen, zwei ethnische Inguschen, vier ethnische Turkmenen/davon zwei Frauen), einer aus Katar, zwei aus dem Libanon und acht Angehörige der uigurischen Minderheit aus China.

Auch IS-Rekruten aus westlichen Staaten sind auf der Liste enthalten: der Deutsche Staatsbürger Toni Neukirch, Mohomed Ameen Mohamed Unais aus Österreich (geboren in Sri Lanka), Daniel Rye Ottosen aus Dänemark, Mahmud Boudouaia und Illiess el Alami – zwei Franzosen mit algerischen Wurzeln, Johan Castillo Boens aus den USA, der schwedische Staatsbürger mit jemenitischen Wurzeln Fadhle al-Sallami.

Schwerer Vorwurf gegen den türkischen Geheimdienst

Bei Toni Neukirch – dem einzige Deutschen auf der Liste – handelt es sich um einen 27-Jährigen aus dem brandenburgischem Strausberg. Der Mann hatte sich im Juni 2013 offenbar ohne Wissen seiner Familie über die türkische Provinz Hatay nach Syrien abgesetzt.  Die Märkische Allgemeine berichtete in einem Artikel über Neukirch, dieser sei in Syrien vom IS gefangen genommen und im „Juni 2014 nach rund einem Jahr in der Hand der Terrorgruppe freigelassen und türkischen Polizeibeamten“ übergeben worden. Anschließend kehrte Neukirch nach Deutschland zurück.

Der Nokta-Bericht ist nicht die erste Anschuldigung gegen die türkische Regierung und den Geheimdienst mit Bezug auf eine Unterstützung des IS. Die türkische Tageszeitung „Cumhuriyet“ berichtete im Juni 2015, dass der MİT am 9. Januar 2014 mehrere IS-Kämpfer von einem Flüchtlingslager in der syrischen Ortschaft Atme mit zwei gemieteten Bussen erst in die türkische Stadt Reyhanlı in der Provinz Hatay und anschließend über Akçakale nach Syrien brachte. Die Zeitung veröffentlichte ein Foto der Busse, die nach einem Hinweis von der Polizei gestoppt wurden. Ermittler fanden in den Bussen neben den IS-Kämpfern dem Cumhuriyet-Bericht zufolge auch Munition und Waffen.