YPG-Kämpferinnen aus Rojava. Ankara betrachtet die YPG als Terroristen und verlängerten Arm der PKK.

Lange war es ruhig im Norden Syriens. Doch die Kurden dort fürchten den nächsten Einmarsch – und das türkische Militär berichtet von Kämpfen mit der YPG. Die Gefahr eines bewaffneten Konflikts wächst.

Im Norden Syriens ist es ruhig. Die kurdischen Selbstverwaltungskräfte schufen mit ihrem De-facto-Staat „Rojava“ eine kleine Insel des Friedens im Bürgerkriegsland Syrien. Nach ersten Offensiven der türkischen Streitkräfte gegen die Kurdenmiliz YPG ist wieder Ruhe eingekehrt. Wie lange das noch so bleibt, ist fraglich.

Vor Ort wächst die Angst eines erneuten Einmarschs der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdoğan macht keinen Hehl aus seiner tiefen Abneigung gegenüber dem Kurdenstaat an seiner Landesgrenze. Bereits im Oktober hatte er bekräftigt: Die Türkei habe „legitime Gründe“, jederzeit „einzugreifen und Terroristen zu vernichten“. Mit Terroristen meint er die kurdischen Selbstverwaltungskräfte.

Truppenbewegungen und Sicherheitskorridor

Dazu passt: Einheiten der türkischen Armee haben laut Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur „Anadolu“ am 7. Dezember drei kurdische Kämpfer in Nordsyrien „neutralisiert“. Bei den drei Kämpfern soll es sich um „Terroristen mit Verbindungen zur YPG“ gehandelt haben. Vertreter der Selbstverwaltung berichten indes vermehrt über Truppenbewegungen. Bewaffnete Scharmützel häuften sich.

Die Türkei hatte im Oktober vergangenen Jahres einen „Sicherheitskorridor“ installiert. Der 120 Kilometer lange und 30 Kilometer breite Streifen dient als Pufferzone zwischen der Türkei und den kurdischen Kräften. US-Präsident Donald Trump soll über das Eingreifen der Türkei informiert gewesen sein. Die USA fungierten zuvor als Schutzmacht der Kurden, mit denen sie gemeinsam den IS in Syrien zurückdrängten.

Fluchtbewegungen und Dschihadisten

Doch der abgewählte US-Präsident Trump könnte den schwelenden Konflikt in Nordsyrien nun instrumentalisieren und die Gewalt vor Ort anfeuern. Damit würde er es seinem Nachfolger Joe Biden besonders schwer machen. Der neugewählte US-Präsident strebt nämlich eine politische Lösung des Konflikts an.

Hinzu kommt: Nordsyrien spielt auch für die EU eine entscheidende Rolle. Vor Ort sind nicht nur hunderttausende Geflüchtete in Camps untergebracht, sondern auch hunderte ehemalige IS-Kämpfer interniert. Die Kurden betreiben ihre Gefängnisse mit finanzieller Unterstützung aus Brüssel. Durch Instabilität in Folge eines türkischen Einmarschs in der Region könnten also nicht nur neue Fluchtbewegungen entstehen, sondern hochgefährliche Dschihadisten in Freiheit gelangen.

Dass Erdoğan eine türkische Beteiligung an brenzligen Konflikten nicht scheut, hat er bereits in Libyen und im Bergkarabach-Konflikt unter Beweis gestellt.