NRW: „Keine aufwiegelnde Tendenz“ in türkischen Lehrbüchern

Der Gutachter gibt den Schulbüchern schlechte Noten. „Eine oft erdrückend moralisierende, naiv und kitschig wirkende Darstellung“ sei in den von türkischen Regierungsstellen an nordrhein-westfälischen Schulen in Umlauf gebrachten Unterrichtsbüchern zu finden, urteilt Hacı-Halil Uslucan (Foto), der Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI). Allerdings, so fährt der Professor für moderne Türkeistudien in seinem Gutachten für das Düsseldorfer Schulministerium fort, könne er nicht erkennen, dass die umstrittenen Lehrbücher „den Schulfrieden stören und deshalb aus dem Verkehr gezogen werden müssen“. Die in den Schulbüchern für den muttersprachlichen Türkisch-Unterricht präsentierten Inhalte seien „nicht falsch“ und beinhalteten „keine aufwiegelnde Tendenz“ gegen andere Völker und Nationen. Dennoch dürften die Lehrbücher an NRW-Schulen allenfalls eingeschränkt eingesetzt werden und müssten mit zusätzlichem Lehrmaterial ergänzt werden.

Im Mai dieses Jahres hatte das türkische Konsulat in Düsseldorf bestätigt, dass die vierbändige Schulbuchreihe „Türkçe ve Türk Kültürü“ („Türkisch und die türkische Kultur“), die für unterschiedliche Alters- und Klassenstufen herausgegeben wird, im Auftrag des Ministeriums für nationale Erziehung an nordrhein-westfälischen Schulen kostenlos verteilt werde. Da sich nach dem Optionsmodell ein Teil der jungen Migranten im Alter zwischen 18 und 23 Jahren für die türkische Staatsbürgerschaft entscheide und damit bedauerlicherweise die deutschen Staatsbürgerschaft verliere, sei es das „natürliche Recht“ für Schüler türkischer Herkunft, „ihre Kultur und Sprache kennen zu lernen“, verteidigte Vizekonsul Hüseyin Emrah Kurth den Vertrieb der Schulbücher. Hinzu komme, dass gegenwärtig nur ein kleiner Teil der bundesweit 900.000 muslimischen Schüler islamischen Religionsunterricht erhalte. Deshalb beinhalteten die türkischen Lehrbücher auch „kurze Abschnitte über Religion“.

Bedeutung im Unterricht bislang überschaubar

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) reagierte aufgeschreckt. Zuvor hatte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Alarm wegen der türkischen Schulbücher geschlagen. „Diese Bücherreihe gefährdet den Schulfrieden und die Freiheit des Unterrichts.“ In den Unterrichtsbüchern würden geschichtliche Zusammenhänge verfälscht und „Volksgruppen in der Türkei diskriminiert“. Die Verfasser der Schulbücher wenden sich nach Auffassung der Lehrergewerkschaft GEW gegen „Geschlechterdemokratie“ und „interkulturelle Öffnung“. Stattdessen werde ein „heroischer Mythos vom heldenhaften Türkentum beschrieben“. Türkische Regierungsstellen versuchten, mit eigenen Lehrbüchern „Einfluss auf den deutschen Schulunterricht“ zu nehmen, beklagte die GEW, die eine verdeckte Indoktrination witterte.

Ein Sturm im Wasserglas? Die Schulbuchreihe „Türkçe ve Türk Kültürü“ wird nach Recherchen der Schulaufsicht im Unterricht an Rhein und Ruhr nur vereinzelt eingesetzt. „Den Schulleitungen sind keine herkunftssprachlichen Lehrkräfte bekannt, die beim türkischen Generalskonsulat einen ganzen Klassensatz bestellt haben“, heißt es im Prüfbericht von Schulministerin Löhrmann an den Düsseldorfer Landtag. „Wenn es überhaupt zum Einsatz der türkischen Schulbücher komme, dann diene das von einem Teil der Lehrkräfte besorgte einzelne Lehrerexemplar dazu, einzelne Passagen als isolierte Bausteine im Unterricht einzusetzen.“ Bisher hat es nach Kenntnis des NRW-Schulministeriums „keinerlei Probleme“ damit gegeben.

Eine eingeschränkte Nutzung der türkischen Lehrbücher will Löhrmann auch künftig an NRW-Schulen zulassen. Mehr aber nicht. Ein vollständiger Einsatz dieser Bücher im muttersprachlichen Türkisch-Unterricht sei unzulässig, weil sie nicht den geltenden Lehrplänen entsprechen, teilte die Ministerin im Schulausschuss des Landtags mit. Über die Schulaufsicht seien die Lehrkräfte „explizit darauf hingewiesen“ worden, dass Lernmaterial des türkischen Ministeriums für nationale Erziehung an den Schulen in NRW „nur für den punktuellen unterrichtlichen Einsatz geeignet“ seien. Den türkischen Schulbüchern fehle eine „thematische Multiperspektivität“.

Atatürk zu wenig genderbewusst, um sich als Vorbild zu eignen

Bei den „Türkçe ve Türk Kültürü“-Büchern handele es sich nicht um für den Unterricht an NRW-Schulen zugelassene Lernmittel, erklärte Löhrmann. Eine Anerkennung als Schulbuch sei von dem herausgebenden Ministerium für nationale Erziehung bisher nicht beantragt worden. Allerdings hätte ein solcher Antrag kaum Erfolgsaussichten, weil der „patriotische Sprachstil“ der türkischen Schulbücher „befremdlich“ wirke und nicht den „didaktisch-methodischen Standards“ in Deutschland entspreche. Zudem sei fraglich, ob die Unterrichtsmaterialen den Schülern eine freie Meinungsbildung ermöglichten.

Dies stößt auf energischen Widerspruch bei der Föderation Türkischer Elternvereine in NRW. Die Schulbuchreihe vermittele „einen nationalen Stolz und die Glorifizierung der Person Mustafa Kemal Atatürks“, die sich in nichts von der „Glorifizierung des ersten amerikanischen Präsidenten George Washington in den USA“ unterscheide. Dieser werde ebenso als „Vater der Nation“ bezeichnet. Die Repräsentanten der Elternvereine empfinden es als anmaßend, Schülern mit türkischem Migrationshintergrund, „die Möglichkeit des Erlernens der Nationalhymne und die Prinzipien der Staatsgründung zu untersagen“. Schließlich werde dies auch englischen, französischen oder amerikanischen Schülern in Deutschland nicht vorenthalten.

Der Gutachter Uslucan findet in den Schulbüchern „primär nicht so sehr das Gesagte und Dargestellte kritikwürdig“, sondern „vielmehr das Ausgelassene“. Konflikte zwischen Sunniten und Aleviten sowie Türken und Kurden würden in der umstrittenen Schulbuchreihe ebenso wenig thematisiert wie „die faktische Geschlechterungerechtigkeit zwischen Mann und Frau“. Im Gegensatz zur GEW wendet sich der renommierte Türkeistudien-Wissenschaftler aber gegen einen Totalverriss der türkischen Schulbücher. „Obwohl sie vielfach naiv und kognitiv anspruchslos wirken, die von ihnen ausgehende Botschaft ist eine humanistische.“