Jörg Ziercke, Präsident des BKA

Der 100. Prozesstag zur Klärung der Terrorserie des sog. „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) ist verstrichen. Im Gerichtssaal ist eine gewisse Routine eingekehrt. Zum Alltag gehören in dem Verfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht insbesondere der Streit zwischen den Opfervertretern und dem Gericht und das ständige Gerangel um Anträge.

Der „NSU-Prozess“ fördert kaum neue Erkenntnisse zu Tage. Das mediale Interesse hält sich in Grenzen. Indes läuft der Thüringer Untersuchungsausschuss weiter, ohne dass er viel Beachtung findet. Obwohl er die angebliche NSU-Terrorserie in der vergangenen Wochen um ein weiteres brisantes Detail bereichert hatte.

Obduktionsbericht nährt Zweifel

Ein Obduktionsbericht lässt ernsthafte Zweifel an der offiziellen Selbstmordversion der beiden mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt aufkommen. Nach einem erfolgreichen Banküberfall im thüringischen Eisenach sollen die beiden Neonazis in einem Wohnmobil, nachdem sie das Fahrzeug in Brand gesteckt hatten, Suizid begangen haben.

Dem gerichtsmedizinischen Obduktionsbericht zufolge fanden sich allerdings weder Rußpartikel in der Lunge Böhnhardts noch in der von Mundlos. Im November 2011 hatte Jörg Ziercke (Foto), seines Zeichens BKA-Präsident, allerdings zu Protokoll gegeben, dass solche Rußpartikel maßgeblich die Selbstmordthese bewiesen hätten. Sie würden bezeugen, dass das Feuer vor dem Tod der Flüchtigen entzündet worden wäre.

Wurden systematisch Beweise unterschlagen?

Kaum etwas ist hingegen bekannt über das Wohnmobil, in dem Böhnhardt und Mundlos angeblich Suizid begangen haben. Der Leiter der zuständigen Polizeistation in Gotha, Michael Menzel, sagte vor dem Untersuchungsausschuss in Thüringen aus, dass er nach seinem Eintreffen am Tatort als erstes die Speicherkarte der Kamera eines Feuerwehrmannes beschlagnahmt hatte.

Der Feuerwehrmann hatte Aufnahmen vom Inneren des Wohnmobils gemacht. Warum der Leiter einer Polizeidirektion in der Provinz sich gezwungen sah, solch drastische Mittel anzuwenden, konnte er selbst nicht erklären. Ungeklärt bleibt außerdem, warum die Fotos nicht in den Ermittlungsakten auftauchen. Sie sind verschwunden. Die Karte ist nie wieder aufgetaucht.

Die Spurenlage im Wohnmobil war nicht ausschließlich wegen der Brandstiftung schwierig für die Beamten. Beim Abtransport des Fahrzeugs geriet das Fahrzeug außerdem so sehr in Schräglage, dass die ursprüngliche Situation im Inneren gänzlich verändert wurde. Noch vor Aufdecken der anegblichen NSU-Morde hatte die Polizei bei der Spurensuche geschlampt.

Für eine Verschleierungstaktik spricht allerdings, dass Menzel bereits am 4. November 2011 die Vermisstenakte zu Uwe Mundlos anforderte, nachdem er behauptet hatte, erst am 5. November über die Identität von Mundlos informiert worden zu sein.

Die Rolle des früheren Gothaer Polizeichefs Menzel ist ein Schlüsseldetail in der Aufklärung der Mordanschläge des sog. NSU. Der Suizid der beiden Terroristen wirft weitere Fragen auf. Wie kann erklärt werden, dass Böhnhardt und Mundlos handelten, wie sie handelten: Sie hätten flüchten können, hatten sie doch den Polizeifunk abgehört und mitbekommen, dass die Fahndung nach ihnen eingestellt wurde. Außerdem waren sie bis an die Zähne bewaffnet und hätten Widerstand gegen eine etwaige Festnahme leisten können. Sie werden als kaltblütige Mörder verdächtigt, wieso sollten sie sich nach einem erfolgreichen Banküberfall selbst umbringen?

Dem Verdacht der Beteiligung einer weiteren Person an dem Vorfall ging die Polizei in Gera nicht nach. Menzel sprach in diesem Zusammenhang von „keinerlei Beweisen“, obwohl Augenzeugen eine weitere Person gesehen haben wollen. Der ehemalige Geraer Polizeichef wirkte so, als rede er sich heraus. Wichtige Details bleiben auch weiterhin ungeklärt.

Rußpartikel als Zünglein an der Waage

Doch zurück zu den Rußpartikeln: Ohne diese Partikel in der Lunge kann weder Böhnhardt noch Mundlos das Wohnmobil nicht selbst angezündet haben. Sie müssen vor dem Ausbrechen des Feuers bereits die Atmung eingestellt haben. Brisant an dem Obduktionsbericht ist außerdem, dass er den Untersuchungsausschuss in Thüringen erst nach zwei Jahren erreicht hatte und BKA-Präsident Ziercke in seiner Vernehmung also falsche Angaben dazu gemacht hat.

Wenngleich bürokratische Prozesse eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, zwei Jahre sind eine lange Zeit für dieses zentrale Detail. Sollten sich die beiden angeblichen NSU-Terroristen tatsächlich nicht selbst getötet haben, wer war es dann? Gibt es vielleicht ganz andere Hintergründe, als die bisher öffentlich erörterten?

Der Obduktionsbericht schürt Gerüchte und ist Futter für sogenannte „Verschwörungstheorien“. An der offiziellen Version der deutschen Behörden darf jedoch gezweifelt werden. Es scheint, als habe es neben den bereits viel beachteten Ermittlungsfehlern weitere unglaubliche Fehler im Zusammenhang mit den angeblichen NSU-Morden gegeben.

Die Leidtragenden sind die Angehörigen der Opfer

Ob dahinter System steckt, bleibt bis heute unklar. Fakt ist, die Ermittlungsfehler und Verzögerungen sind mehr als eine Farce. Insbesondere gegenüber den Angehörigen der Opfer müssten sich die deutschen Behörden zur Aufklärung verpflichtet fühlen. Nachdem sie erst als Drogendealer, Mafiamitglieder und Kriminelle beschimpft wurden, hatten sie große Hoffnungen in die Aufklärung der Terrorserie gesetzt und werden immer häufiger vom deutschen Staat enttäuscht.

Das „NSU“-Verfahren in München ist zu einer Peinlichkeit geworden, die den Familienmitgliedern mehr Leid als Hoffnung bringt. Dies könnte dazu führen, dass eine ganze Generation an jungen Migrantenkindern das Vertrauen in den deutschen Staat verliert. Das darf nicht passieren. Es wird höchste Zeit, dass endlich eine bedingungslose Aufklärung der angeblichen NSU-Mordserie beginnt.