NSU, Gladio, etc. - Tiefe Spuren in Krimi-Romanen?

NSU, Gladio, Tiefer Staat, Oktoberfestattentat, Luxemburg-Prozesse, Verbindungsstelle 61, etc. – allein diese Stichworte können schon Schwindelgefühle hervorrufen. Ein Durch- und Überblick im deutschen Blätterwald ist hier fast schon nicht mehr möglich. Viele Tageszeitungen schrecken vor verlässlichen Aussagen zum Gesamtbild zurück und verschreiben sich lieber der Einzeltäter-Theorie. Doch Romanautoren, besonders des Genres Krimi und Thriller, sind da mutiger. Sie greifen solche Ereignisse auf und brüten in ihre stillen Kämmerchen manchmal etwas Sensationelles aus.

Vielfach erzählen sie eine Geschichte, die nicht immer alltäglich ist, aber plausibel klingt. In dieser Hinsicht wird in deutschen Krimi-Romanen beispielsweise die These vertreten, dass parallel zu anderen Ländern in Europa auch in Deutschland ein so genannter Tiefer Staat durchaus möglich ist.

Freilich werden in Romanen NSU-artige Attentate jenen tiefen Kreisen zugeschrieben, die unsichtbare, aber umso mächtigere Verbindungen unterhalten. Darin schimmert mal eine transnationale Verbindung zum italienischen Gladio und mal eine zum türkischen Ergenekon durch. Die Frage, ob denn in Krimis nicht der Status quo mutiger dargestellt wird als in vielen Tagezeitungen, bleibt offen.

Erschrocken fragt man sich als Leser weiter, wenn das alles in diesen Ländern passieren konnte, ob wir uns denn in Deutschland davor überhaupt verschont wissen können? Und ehe man sich versieht, wird in Romanen auch die Spur eines tiefen Staates mit Bezug zu tatsächlichen Attentaten aufgenommen. Doch letztlich entscheidet der Leser, in welchem Maße Romane der Wirklichkeit nahe kommen. Sind Helden und Ereignisse in Romanen allein der Fantasie geschuldet oder sind es in Prosa gekleidete Realitäten?

Ganz gleich, wie die Antwort ausfällt, darin vermittelte Bilder und Botschaften beeinflussen die Gedanken- und Ideenwelt der Leser und rufen bei ihm ein „Oder” mit großem Fragezeichen hervor. Die folgenden drei Romane konkretisieren die tiefen Spuren – ohne dass wir zu viel vom Inhalt verraten wollen:

A. Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott

Im Jahre 1980 wird auf dem Oktoberfest in München ein blutiger Bombenanschlag verübt. Der Täter stirbt noch am Tatort nach der Detonation der 1,5 kg schweren TNT-Bombe. Resultat: 13 Tote und über 200 Schwerverletzte. Die Staatsanwaltschaft schließt die Akte, weil sie von einem Einzeltäter ausgeht. Nach 30 Jahren wird das ganze Verfahren wieder aufgerollt. Im Zuge der Nachforschungen kommt einiges ans Tageslicht: Verdächtige Personen wurden am Tatort beobachtet. Die Zeugen starben alle an einem mysteriösen Herzinfarkt. Der verstorbene Attentäter hingegen unterhielt Beziehungen zur paramilitärischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, die wiederum verboten wurde. Indessen beunruhigt die Wiederaufnahme der Forschungen in der Angelegenheit den Verfassungsschutz. Davon unbeirrt suchen die Schnüffler weiter und erkennen letztlich die Silhouette des NATO-patentierten Gladio, das Beziehungen nach Italien, in die USA und in die Türkei unterhält. In der Schwarzmeerküstenstadt Trabzon nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Zeitgleich erfährt der Leser von der Gefahr einer islamistischen Wahlsabotage in Deutschland… (Wolfgang Schorlau, Das München-Komplott: Denglers fünfter Fall, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 334 Seiten, November 2009)

B. Martin Maurer: Terror

Ein Berliner Kameramann wird in einem norditalienischen Dorf Zeuge unerklärlicher Vorfälle. Ein unter der Beobachtung der Polizei befindlicher Marokkaner wird von Polizisten und einigen deutschsprachigen Personen gefoltert. Nach intensiven Nachforschungen erkennt der Kameramann, dass italienische Sicherheitsleute und deutschsprachige Personen Teil eines transnationalen Terrornetzwerks sind. Ihre Spuren lassen sich bis in die deutsche Politik und in die Verteidigungsindustrie verfolgen. Schließlich wird die Organisation Gladio, made by NATO, aufgedeckt, die in der Türkei unter dem Namen Ergenekon agiert. Währenddessen deckt der Kameramann sogar auf, dass Gladio unschuldige Menschen geopfert hat, um den Kampf gegen den Kommunismus zu legitimieren. Dabei wird auch das Oktoberfestattentat in München diskutiert. Ob diese Wahrheit jemals das Licht der Öffentlichkeit erreicht, bleibt abzuwarten? Doch plötzlich verwandelt sich das verschlafene Dorf in einen blutigen Schauplatz… (Martin Maurer, Terror, Dumont Buchverlag, 384 Seiten, Januar 2011)

C. Andreas Franz: Eisige Nähe

Ein gewöhnlicher Mordfall? Nach dem Auftauchen einer mysteriösen DNA-Spur kommen immer mehr Fragen auf. Auf dieselbe DNA-Probe war man schon an anderen Tatorten gestoßen. Könnte es sich um einen Serienmörder handeln? Wenn ja, was verbindet all diese Morde miteinander? Zwei Polizisten werden mit der Aufklärung beauftragt. Im Zuge ihrer Nachforschungen erkennen sie eine im Hintergrund agierende Organisation, die dahinter vermutet wird. Der Verfassungsschutz versucht alles in seiner Macht stehende, um diese zu verschleiern. Deutschland wird plötzlich Schauplatz eines Kampfes zwischen Sicherheitsbehörden. Denn der Verfassungsschutz scheint ein Teil der Organisierten Kriminalität zu sein. Deren Macht reicht bis in die Politik und in die Staatsanwaltschaft. Werden die beiden Polizisten dieser Organisation das Handwerk legen können? Es kommt zu einer Schießerei. Ein ums Leben gekommener Unschuldiger wird für alles verantwortlich gemacht. Kurzerhand werden die mysteriösen DNA-Proben als Folge verschmutzter Wattestäbchen deklariert… (Andreas Franz, Eisige Nähe, Knaur HC Verlag, 592 Seiten, Februar 2010)

Das DNA-Phänomen im Andreas Franz’ Roman ähnelt dem Fall des NSU-Opfers Michèle Kiesewetter. Denn am Tatort ließ die Polizei zunächst verlauten, man sei auf eine mysteriöse Frauen-DNA gestoßen. Mit derselben DNA-Probe habe man es auch an insgesamt 35 weiteren Tatorten in Österreich, Frankreich und auch vielerorts in Deutschland zu tun. Auch in Verbindung mit der Terrororganisation „Sauerlandgruppe“ stieß man darauf. Einige Medien vertraten sogar das folgende Szenario: Die Polizei habe den NSU infiltriert. Der Verfassungsschutz habe davon Wind bekommen und wollte dies auffliegen lassen mit der Folge einer toten Polizistin. Diese und ähnliche Szenarien machen inzwischen die Runde. Wer weiß, vielleicht ist der Mord an der Polizistin wirklich der neuralgische Punkt, von wo aus sich der Knoten auflösen wird. Doch die Staatsanwaltschaft erklärte, wahrscheinlich, um keiner weiteren Spekulationen Raum zu bieten, die DNA gehöre einer Frau, welche die Wattestäbchen beim Verpacken verunreinigt habe. Indessen starb Romanautor Andreas Franz einen unerwarteten Herztod, ähnlich wie die Zeugen aus dem Roman „Das München-Komplott“.

Während man die Romane von Martin Maurer und Wolfgang Schorlau liest, erkennt man die Ähnlichkeit zwischen dem NSU und der rechtsextremen paramilitärischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“, von denen zumindest Angehörige in die Oktoberfestattentate von 1980 verwickelt sein sollen (wobei sich natürlich auch die Frage stellt, was einen rechtsextremen Fanatiker wie Karl-Heinz Hoffmann, der sogar den Dienst in der Bundeswehr verweigert hatte, weil er den Staat BRD ablehnt, dazu bewogen haben sollte, ausgerechnet mit Organen dieses Staates im Interesse der NATO zu kooperieren). Die Ähnlichkeit wird zudem noch durch verschiedene Behauptungen, sie unterhielten Verbindungen zu Sicherheitsapparaten, umso mehr untermauert. Aufmerksame Leser werden wohl viele weitere Ähnlichkeiten erkennen.

Doch beachten sollte man trotzdem, dass all die Personen und Institutionen in Romanen der reinen Fantasie entspringen und sie mit dem wahren Leben nicht im Geringsten zu tun haben könnten…