Brigitte Böhnhardt, Mutter die Mutter des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt, kommt am 06.06.2013 in Erfurt (Thüringen) zur Vernehmung durch den Thüringer Neonazi-Untersuchungsausschuss - dpa

Brigitte Böhnhardt hat ihr Leben lang um ihren Sohn gekämpft. Und sie hört auch jetzt nicht damit auf, da er längst tot ist und sie berichten soll, wie Uwe Böhnhardt zu dem Menschen wurde, der er am Schluss wohl war: Ein Neonazi, der aus Hass auf Ausländer und Staat zehn Menschen ermordete. Einer der drei Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU).

Mit unsicheren Schritten betritt die 65-Jährige am Dienstag den Verhandlungssaal des Oberlandesgerichts. Beate Zschäpe, die ehemalige Freundin ihres Sohnes, schaut sie zunächst nicht an. Als sie sich 2002 das letzte Mal sahen, lebten die drei schon im Untergrund – Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos waren 1998 abgetaucht, nachdem die Polizei bei einer Durchsuchung Sprengstoff in einer Garage gefunden hatte.

Eine Weile hält Uwe Böhnhardt noch Kontakt zu seinen Eltern. Über Mittelsmänner unterstützen sie ihn mit Geld. „Wir haben ihm Geld gegeben, dass er sich was zum Essen kaufen kann, weil wir nicht wollten, dass er klaut”, sagt die Mutter. Und noch immer versucht sie, ihren Sohn zu schützen: Welche Parole die Mittelsmänner nennen mussten?, will der Vorsitzende Richter wissen. Daran könne sie sich nicht mehr erinnern. Schließlich aber verrät sie sich doch: Es sei ein spezielles Wort, auf das kein Außenstehender komme. Nun will Manfred Götzl ihr nicht mehr glauben, dass sie sich daran nicht erinnern kann. Und entlockt ihr das Codewort, einen Spitznamen ihres Sohnes.

Uwe war der dritte Sohn der Böhnhardts. „Ein Nachzügler – wenn Sie so wollen, ein Wunschkind”, sagt die pensionierte Lehrerin. Die Probleme beginnen in der 5. Klasse. Uwe kommt in der Schule nicht mehr richtig mit, schwänzt den Unterricht. Er muss eine Klasse wiederholen, kommt auf die Förderschule. Er begeht Diebstähle. 1993 sitzt er zum ersten Mal in Untersuchungshaft. Und er wird eine der führenden Figuren der Jenaer Neonazi-Szene, neben Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben. „Wir mochten seine Freunde”, sagt Brigitte Böhnhardt, „das waren alles höfliche nette Leute und leider auch alle arbeitslos. Sie hatten also viel Zeit.”

„Beate und Uwe waren bereit, sich zu stellen”

Sie könne nicht sagen, wann ihr seine „rechten Tendenzen” zum erstem Mal auffielen. „Das war ein schleichender Prozess.” Sie hätten das nie akzeptiert. Uwe durfte zu Hause keine rechten Poster aufhängen und keine rechtsextreme Musik hören. Die Mutter verteidigt ihren Sohn, und sie verteidigt sich selbst.

Die Schuldigen sucht sie woanders: Lehrer, die sich nicht kümmerten. Schulen, die ihn nicht aufnahmen. Und die Behörden, denen sie eine Mitschuld gibt, dass die drei sich nicht gestellt haben. Gleich im ersten Telefonat nach dem Untertauchen habe sie die drei aufgefordert, sich zu stellen. „Mutti, das geht nicht, ich will nicht ins Gefängnis”, habe ihr Sohn geantwortet.

Später sei ein Anwalt auf sie zugekommen. Es gebe ein Angebot des Verfassungsschutzes – man werde sich für eine milde Strafe einsetzen, wenn sich die drei stellen. „Beate und Uwe – mein Uwe – waren bereit sich zu stellen, Uwe Mundlos noch nicht.” Mundlos habe den Behörden nicht getraut. „Er sollte ja auch recht behalten”, meint die Mutter. Der damals zuständige Oberstaatsanwalt in Gera – das ist durch andere Aussagen belegt – lehnt letztlich einen Deal ab.

„Ich stelle mir immer wieder vor, was alles hätte verhindert werden können”, meint Brigitte Böhnhardt. „Dann hätten alle drei sich vielleicht gestellt. Dann wäre alles, weshalb man sie hier anklagt, nicht erfolgt.” Dass es dennoch die Entscheidung der drei war, sich nicht zu stellen, weiterzumachen, Menschen zu töten – das blendet sie aus.

„Mutti, das musst Du nicht wissen”

Wo sie sich aufhielten, habe ihr Sohn nie verraten. „Mutti, das musst Du nicht wissen”, habe er gesagt. 2002 hätten sie sich zum letzten Mal gesehen. Zu diesem Zeitpunkt sollen Mundlos und Böhnhardt bereits vier Menschen erschossen haben. Insgesamt sollten es zehn werden. Sie sei davon ausgegangen, dass die drei ins Ausland gehen wollten, sagt Brigitte Böhnhardt. „Das war unser letztes Treffen, unser letztes Beisammensein und wir haben nie wieder von ihnen gehört.”

Erst am 5. November 2011 hört Brigitte Böhnhardt wieder von Beate Zschäpe. Morgens gegen sieben ruft sie an, so steht es in den Akten. Am Tag zuvor sollen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschossen haben. An der Selbstmordtheorie wurden zuletzt allerdings Zweifel laut. (dpa/dtj)