Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hielt auch dieses Mal an seiner nüchternen Verhandlungslinie fest. Die Sitzung begann wie immer mit der Feststellung der Anwesenden. Eine Prozedur, die bei rund 100 Prozessbeteiligten – Nebenklägern, Bundesanwälten, Sachverständigen, Rechtsanwälten und der Angeklagten – eine gewisse Zeit dauert.

Am langwierigen Beginn der Verhandlungstage kann es jedoch nicht liegen, dass die deutschen Medien das Interesse am Prozess gegen den „Nationalsozialistischen Untergrund“ verlieren. Die Presseplätze im Zuschauerraum sind verwaist. Immer weniger Journalisten berichten von dem seit mehr als einem Jahr andauernden Prozess.

Trotzdem ist das Interesse am Prozess gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte vor Ort unverändert groß. Er zieht viele normale Zuhörer bis hin zu Schulklassen an. Allein, repräsentativ sind diese Besucher nicht. Immer öfter bleiben die Sitze vis-á-vis der Hauptangeklagten Beate Zschäpe leer.

Mehr Interesse an Spielerfrauen als am NSU-Prozess

Mit dem Schweigen der Medien wird aber auch die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit immer geringer. In Zeiten, in denen sich alles um Fußball dreht und dem Streit zwischen zwei Spielerfrauen der deutschen Nationalelf mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als dem historischen Prozess in München, findet das Thema weder in Printmedien noch im Fernsehen statt.

Dabei hatten sich die größten Medienhäuser Deutschlands regelrecht um die Plätze im Zuschauerraum des Münchener Oberlandesgerichts gerissen. Nach langem Gezerre um die Presseplätze im NSU-Prozess hatte das Gericht Ende April 2013 das Los entscheiden lassen müssen.

Neuer Verdacht gegen Böhnhardt

Allein die Zahl der interessierten Journalisten versprach damals eine große Aufmerksamkeit für den Prozess: 324 Medien und Medienvertreter hatten laut Gericht an der Verlosung teilgenommen. Doch es sind nicht die deutschen Medien, die langen Atem beweisen. Einige wenige türkische Journalisten sind an jedem Verhandlungstag dabei – egal, ob gerade am anderen Ende der Welt Fußball gespielt wird oder nicht.

Dabei gibt es Grund für Medien zu berichten. Zuletzt war sogar ein neuer Verdacht aufgekommen: Der getötete NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt sei in einen ungeklärten Kindermordfall in Jena verwickelt, berichtete „Spiegel Online“, das dem Thema während der Fußballeuphorie nur einen Randplatz zusprach. Allerdings dementierte die Staatsanwaltschaft Gera Ermittlungen gegen Böhnhardt im Zusammenhang mit dem Kindsmord aus dem Jahr 1993.

„Der 1993 eingeleitete Verfahren läuft nach wie vor gegen unbekannt“, sagte Jens Wörmann, der Pressesprecher der Ermittlungsbehörde. Mutmaßungen des vorbestraften NSU-Vertrauten Enrico T. sind bislang offenbar das einzige Indiz für die neuen Verdächtigungen. Für die neuerlichen Ermittlungen gäbe es Wörmann zufolge allerdings „keinen konkreten Anlass“.

Existenz eines Unterstützernetzwerks immer wahrscheinlicher

Während viele Beobachter ein rechtsextremistisches Unterstützernetzwerk um die drei Rechtsterroristen des NSU seit Langem vermutetet hatten, verdichten sich Indizien, die dies beweisen könnten. Im Zentrum stehen zwei Neonazis aus Niedersachsen.

Der im NSU-Prozess Mitangeklagte Holger G. und der NPD-Kader Thorsten Heise sollen Möglichkeiten geprüft haben, wie Uwe Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe im Ausland untertauchen könnten. Heise, damals Anführer der Kameradschaftsaktivitäten im Kreis Northeim, hatte bislang fortwährend bestritten, Holger G. näher zu erkennen.

Führender NPD-Kader soll NSU-Flucht vorbereitet haben

Der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag beweist nun allerdings das Gegenteil. Ein Briefwechsel der beiden Neonazis hatte die Ermittler auf die Spur gebracht. Holger G. hatte vor Gericht lediglich zugegeben, sich „zwei, drei Mal“ gesehen zu haben. Heise ist hingegen noch nicht einmal als Zeuge durch das Oberlandesgericht München geladen.

Eine südafrikanische Telefonnummer lässt außerdem auf Fluchtpläne für die Mitglieder des NSU schließen. Akten der Staatskanzlei Hannover, die dies beweisen, liegen dem Gericht in München allerdings nicht vor. Nebenkläger-Anwälte kündigten allerdings an, die Dokumente anfordern zu wollen.

Dies beweist: Trotz eines regelrechten Medien-Desinteresses gibt es Neuigkeiten im und um den sogenannten NSU-Prozess. Die deutschen Massenmedien sollten nicht den Fokus auf das Wesentliche verlieren – Fußballleidenschaft hin oder her. Schließlich geht es um die schrecklichste Terrorserie in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg.