NSU-Trio
NSU-Trio

Gab es im Raum Heilbronn eine bislang unbekannte militante Organisation? Dieser Frage ging der NSU-Untersuchungsausschuss im Stuttgarter Landtag am Montag nach. Berichte über eine ominöse rechtsradikale Miliz namens „Neoschutzstaffel“ (NSS) hatten in den vergangenen Wochen nicht nur baden-württembergische Sicherheitsbehörden beunruhigt und Gerüchte über eine Mittäterschaft an der Mordserie der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) geschürt. Wieder einmal häuften sich die Zweifel an der Ermittlungsleistung der Polizei.

Der entscheidende Tipp zur NSS kam von Florian H.: Der frühere Neonazi starb im Herbst 2013 in seinem brennenden Auto. Die Todesumstände erscheinen bis heute insbesondere verdächtig, weil Florian H. kurz vor seinem Ableben berichtete, er kenne die Mörder der vom NSU nachweislich im September 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin Michèle Kiesewetter. Außerdem hatte er den Ermittlern einen Hinweis auf eine rechtsextreme Miliz, den NSS, gegeben.

NSU-Prozess als „Farce“ bezeichnet

Die angeblich geheim agierende Truppe militanter Neonazis und deren Anführer „Matze“ erwähnte Florian H. noch kurz vor seinem mutmaßlichen Freitod. Matthias K., wie „Matze“ mit bürgerlichem Namen heißt, konnte erst vor Kurzem identifiziert werden.

Um „Matze“ rankten sich zuvor viele Gerüchte. So soll er bei der Bundeswehr gearbeitet haben und ein NSS-Tattoo tragen. Florian H.’s Vater sagte aus, dass sein Sohn den NSU-Prozess als „Farce“ bezeichnete, denn auf der Anklagebank müssten mehr Terroristen sitzen, unter anderem Matthias K.

„Matze“ ist ein schmächtiges Bürschchen

Am Montag sagte Matthias K. dann endlich vor dem NSU-Untersuchungsausschuss aus. Doch es kam anders als gedacht: „Matze“ ist kein erfahrener Soldat. Der junge Mann ist 21 Jahre alt und von schmächtiger Statur. Er erscheint nicht wie der Kopf einer Gruppe militanter Neonazis. In seiner Aussage vor dem Stuttgarter Landtag verstrickte er sich in Widersprüche.

Florian H. hatte von einem Treffen in Öhringen nahe Heilbronn berichtet. Dort seien der NSS und der NSU vorgestellt worden. Matthias K. will davon nichts wissen: Zwar sei er Anfang 2011 auf einer Dresdener Demonstration von einem Mann angesprochen worden, der ihn per Unterschrift zum NSS-Mitglied machte. Danach habe er aber nie wieder von dem Mann oder der Organisation gehört. Auch andere Freunde von Florian H. wollen von dem Treffen in Öhringen nichts mitbekommen haben.

NSS – ein Hirngespinst?

Er habe dennoch aus „Dummheit“ und „jugendlichem Leichtsinn“ angeworben, gab Matthias K. am Montag zu Protokoll. Dabei zeichnete sich ab: Der NSS oder eine andere militante Neonazi-Organisation bestand wohl eher in der Phantasie ihrer Mitglieder – und das waren wohl lediglich zwei: „Matze“ und Florian H. Kaum zu glauben, dass die beiden Jugendlichen in Kontakt mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe standen.

Der NSS erscheint wie ein Hirngespinst zweier rechtsradikaler Jugendlicher, so sieht es auch der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, Wolfgang Drexler (SPD). In einem Zwischenfazit bilanziert er: „Dann spielt der NSS gar keine Rolle.“

Die schreckliche Bilanz des NSU

Die Terrorgruppe des sogenannten NSU soll von 2000 bis 2011 aus Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos bestanden haben. Die beiden mutmaßlichen männlichen Mitglieder der Gruppe sollen acht türkischstämmige und einen griechischen Händler sowie eine Polizistin getötet und 14 Banken in Chemnitz, Zwickau, Stralsund und Arnstadt überfallen haben.

Zschäpe ist seit 2013 wegen Mittäterschaft in zehn Mordfällen, besonders schwerer Brandstiftung und Mitgliedschaft in und Gründung einer terroristischen Vereinigung vor dem Münchener Oberlandesgericht angeklagt. Seit mehr als drei Jahren sitzt sie in Untersuchungshaft.

Mittlerweile haben die Taten des sogenannten NSU fünf Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigt und unzählige Entlassungen und Rücktritte verursacht. Wirkliche Erkenntnisse bleiben jedoch rar, Verschwörungstheorien beliebt.