Obama prüft kompletten Rückzug aus Afghanistan

US-Präsident Barack Obama prüft im Zusammenhang mit Meinungsverschiedenheiten, die zwischen ihm und dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai bestehen, die Möglichkeit eines beschleunigten Truppenabzugs aus Afghanistan sowie Varianten, bei denen im Land ab 2015 kein einziger US-Soldat bleiben würde, meldet die New York Times am Dienstag.

Die Beziehungen zwischen den beiden Präsidenten verschlechterten sich nach einem misslungenen Versuch der USA, Kontakte zur Taliban-Bewegung herzustellen, was den Unmut Karsais ausgelöst hatte. Bei einer Videokonferenz mit Obama am 27. Juni warf ihm der afghanische Präsident den Versuch vor, mit Pakistan und den Taliban Separatabmachungen zu treffen. Als Antwort erinnerte der US-Präsident Karsai daran, dass amerikanische Soldaten bei der Unterstützung der afghanischen Regierung ums Leben kommen, so die Zeitung.

Infolge des Gesprächs begann man in Washington die „Null-Variante“, bei der die USA nicht einmal die Hilfseinheiten in Afghanistan belassen, ernsthaft zu prüfen.

Korruption, wachsende Taliban-Sympathien und politische Ränkespiele

Neben den Verhandlungen der USA und der Taliban und den künftigen Sicherheitsgarantien für das Karsai-Regime gibt es auch andere Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Regierungen. Karsai wirft den USA vor, verantwortlich für das Wachstum der radikal islamistischen Stimmungen in der Region zu sein. In Afghanistan selbst bleibt die politische Instabilität erhalten. Die USA verdächtigen Karsai, das Verfassungsverbot umgehen und nach Ablauf der zweiten Amtszeit an der Macht bleiben zu wollen.

Derzeit befinden sich 63 000 US-Soldaten in Afghanistan. Bis Februar 2014 soll ihre Zahl auf 34 000 zurückgehen. Geplant ist, gegen Ende 2014 das US-Truppenkontingent komplett aus Afghanistan abzuziehen.

Unterdessen kam es im Laufe der letzten Woche wiederum zu zahlreichen blutigen Zwischenfällen, welche die anhaltend prekäre Sicherheitslage im Land unterstreichen. So waren bei einem Angriff auf ein Logistikzentrum für NATO-Truppen in Kabul mindestens elf Menschen ums Leben gekommen. In der Provinz Helmand gab es vor einigen Tagen außerdem tödliche Schusswaffenattacken auf eine der wenigen weiblichen Polizistinnen des Landes und auf vier Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren, die gerade Trinkwasser aus einem Fluss schöpfen wollten. (RIA Novosti/afghanistan.de)