Operation „Gladio

Das Field Manual FM 31-15 der US Army vom Mai 1961 beschrieb präzise das operative Vorgehen eigener Elemente gegen irreguläre Kräfte. Als zulässige Mittel wurden einmal mehr bezeichnet: Propaganda, wobei die Diskreditierung der feindlichen Sache und der Personen, die hinter ihr stehen, im Vordergrund stehe. Beispielsweise erschienen Berichte über Uneinigkeit, Egoismus, schlechte Versorgungssituation oder Lebensbedingungen innerhalb der irregulären Kräfte als hilfreich. Die zivile Unterstützung umfasste entweder durch die eigenen Einheiten durchgeführte oder zusammen mit Personen, Organisationen, Kirchen, Schulen usw. aus der Bevölkerung selbst umgesetzte Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensbedingungen und zur Bekämpfung der Wurzeln der Unzufriedenheit, die zum Rückhalt der feindlichen Gruppen in der Bevölkerung beitrugen. In diesem Zusammenhang sprach man z.B. landwirtschaftliche Verbesserungen, Unterstützung bei der Versorgung oder Hilfe nach Naturkatastrophen an.

Klassische polizeiliche oder militärische Maßnahmen wie Observationen, Verhöre, Repressionsmaßnahmen oder Kriegshandlungen würden hingegen erst im Falle einer tatsächlichen bewaffneten Auseinandersetzung zum Tragen kommen.

Ziffer 31 des Manuals gab Anweisungen hinsichtlich des Zurückgreifens auf lokale Einheiten, um den Einsatz eigener militärischer Kapazitäten minimieren zu können. In diesem Zusammenhang sollte dann auf Polizeieinheiten, Selbstverteidigungseinheiten, Übersetzern, Analysten bis hin zu Guerillagruppen zurückgegriffen werden, die von US-Einheiten trainiert werden und vor allem die Aufrechterhaltung der Ordnung in urbanen Gegenden oder die Versorgung mit Waffen und Nahrungsmitteln sichern sollten.

Ein bereits in den 60er-Jahren in sicherheitssensible Agenden eingeweihter Offizier der US-Armee in Europa gab DTJ gegenüber an, dass die Spekulationen über eine Verwicklung oder gar Steuerung politischer Attentate in Europa durch amerikanische Stellen oder die NATO ins Reich der Legenden verbannt werden sollten. Die „Gladio“-Einheit in Deutschland habe sich aus ganz normalen Bürgern zusammengesetzt, die im Beobachten und Funken ausgebildet waren. Sie hatten sich aus Sorge vor einer kommunistischen Aggression freiwillig für diese Art der Unterstützungstätigkeit gemeldet. Die „Stay-Behind“-Aktivitäten in Deutschland beschränkten sich nach Angaben der DTJ-Quelle auf britische und amerikanische Pläne für allfällige Kampfhandlungen östlich des Rheins. Spätestens ab Beginn der 70er-Jahre wären diese Strukturen nicht mehr unterhalten worden, da Westdeutschland – mit Ausnahme Westberlins – nicht mehr als gefährdetes Gebiet betrachtet worden war.

Nur Griechenland nützte „Gladio“-Plan für Putsch

Dass es natürlich Strukturen innerhalb der politischen Kräfte der betreffenden Länder gegeben haben konnte, die sich selbstständig gemacht und dabei auch auf vorhandene Waffen- und Munitionsbestände zurückgegriffen haben könnten, wäre durchaus denkbar. Neben linksextremen Terrorgruppen oder zum Teil sogar aus dem kommunistischen Block gesteuerten paramilitärischen Einheiten wie der „Gruppe Ralf Forster“ der DKP gab es selbstverständlich auch rechtsextreme Kräfte, die – auch unabhängig von Regierungen – auf kriegserfahrene Kräfte zurückgreifen konnten. Fakt ist, dass Regierungen eigenständig ihre Geheimdienste genutzt hatten, um gegen Bedrohungen im Inneren vorzugehen – beispielsweise Spanien mit Blick auf den Terror der ETA oder Italien angesichts der Sprengstoffanschläge im Zusammenhang mit dem so genannten „Südtiroler Freiheitskampf“ Ende der 60er-Jahre.

Länder wie die Schweiz, Österreich, Schweden oder Finnland, die eigentlich neutral waren und somit über keine großen Armeen verfügten, hatten völlig selbstständig entsprechende Pläne für den Fall einer möglichen Besatzung erarbeitet. Einzig Griechenland hatte sehr zum Missfallen der NATO einen der vielen vorhandenen Pläne genutzt, die für den Fall eines möglichen Umsturzes während eines Kriegs vorgesehen waren, um den Militärputsch im Jahre 1967 zu rechtfertigen.

Dass ausgerechnet Luxemburg in den frühen 80er-Jahren zum Exerzierfeld für „Gladio“-Aktivitäten geworden sein soll, erscheint in doppelter Hinsicht als unwahrscheinlich. Zum einen hielt sich die politische, militärische und strategische Bedeutung des Kleinstaates auch zu Zeiten des Kalten Krieges generell in überschaubaren Grenzen, zum anderen befand sich die Kommunistische Partei des Landes im freien Fall und war seit ihrem besten Ergebnis von 13,1% bei den Parlamentswahlen im Jahre 1968 auf nur noch 4,9% im Jahre 1979 abgestürzt.

Und auch wenn es rund um das Attentat auf das Oktoberfest noch zahlreiche Ungereimtheiten und offene Fragen geben mag, gibt es bei genauerer Betrachtung keinen Anhaltspunkt für einen Bezug zum „Gladio“-Netzwerk. Abgesehen davon, dass dieses mit Offizieren, die Informationen über streng geheime Kommandoangelegenheiten an ihre 12-jährigen Söhne weiterreichen, wohl kaum in der Lage gewesen wäre, überhaupt eine militärische Operation zu vollenden.

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