In der Geschichte der türkischen Republik geriet die Demokratie aufgrund mehrerer Militärputsche ins Stolpern. In den vergangenen Jahren sorgten die Ergenekon- und Balyoz-Prozesse für Aufsehen. In der Geschichte der Türkei sind derartige gewaltsame Eingriffe des Militärs in das politische Geschäft keine Seltenheit.  Man kann hierbei sogar von einer „Putschtradition“ sprechen, die weit bis in die osmanische Zeit zurückreicht.

Ihren Anfang hat diese bereits im 15. Jahrhundert. Mit dem Aufstand von Buçuktepe gegen den späteren Eroberer Konstantinopels, Sultan Fatih Mehmed II. (1432-1481) in dessen erster Amtszeit (1444-1446) fängt auch die Zeit der Militäreingriffe an. Sie endet mit dem Übergriff auf die Hohe Pforte im Jahre 1913. Das Osmanische Reich endet offiziell kurz vor der Gründung der Republik Türkei (1923). Die Militärs sehen sich fortan als Wächter der „laizistischen und zeitgemäßen“ Republik und übernehmen bis zuletzt mehrmals die Macht.

Bei den oft misslungenen militärischen Aufständen gegen die Sultane spielten die Janitscharen eine Schlüsselrolle. In der Anfangszeit waren sie noch ein Faustpfand des Sultans, jedoch nutzten sie später ihre Position und Macht aus, um in die Innenpolitik einzugreifen. Allein zwölf von 36 Sultanen dankten in der Folge eines Putsches oder Aufstandes ab, die Janitscharen waren oftmals nicht unbeteiligt. Das Problem erkannte auch der refomerische Sultan Mahmud II. (1808 – 1839). Er baute auf der einen Seite eine neue Militäreinheit nach europäischem Vorbild auf, auf der anderen Seite suchte er nach einer Gelegenheit, um die Janitscharen zu beseitigen. Diese Gelegenheit sah er im Jahre 1826 gekommen. In der Zeit vom 16. bis zum 19. Juni 1826, also vor etwa 188 Jahren.

Die verheißungsvolle Tat (Vaka-i Hayriye)

Sultan Mahmud II. leitete eine landesweite Hexenjagd gegen den Bektaschi-Orden ein, in dem viele führende Janitscharen Mitglied waren. Mahmud II. hatte erlebt, wie sein Cousin und Vorgänger im Amt, Sultan Selim III. (1789-1807), und sein erster Großwesir Alemdar Mustafa Paşa (1808) schon ganz am Anfang seiner Amtszeit von den Janitscharen ermordet wurden.

Da er Einfluss auf den Janitscharenkorps hatte, versuchte er in den Anfangszeiten seiner Regierung wohlweislich und geduldig mit ihnen umzugehen. Er wollte sich ein Ende, wie es seinem Cousin widerfahren war, ersparen. Die einst glorreichen Helden der Osmanen, die zum großen militärischen Erfolg dieser viel beigetragen hatten, hatten nun einen „tiefen Staat“ geschaffen und bedrohten damit nicht nur den Sultan, sondern gefährdeten auch den inneren Frieden im Reich.

Die Janitscharen sahen in der Modernisierung des Militärs eine Gefahr für ihre politische Macht und organisierten einen Aufstand gegen Sultan Mahmud II.  Der Sultan sah seine Gelegenheit gekommen und setzte nun seinerseits den Plan um, um die Janitscharen zu beseitigen. Er rief seine Untertanen, einschließlich der Zivilbevölkerung, unter der Fahne des Propheten Muhammad zum Krieg gegen die Janitscharen auf. Die Tore Istanbuls wurden geschlossen und das gesamte Eigentum des Bektaschi-Ordens, unter dem die Janitscharen organisiert waren, wurde entweder zerstört oder vereinnahmt. Gar nichts sollte mehr an sie erinnern.

Verschiedene Janitscharen

Die Janitscharen: von Helden zur Vaterlandsverrätern

Die überwiegende Mehrheit der Janitscharen („Yeni çeri“, neuer Soldat) stammte aus der sogenannten Knabenlese vom Balkan. Wenige von ihnen wurden auch aus Anatolien oder dem Kaukasus rekrutiert. Auch wenn das genaue Gründungsdatum des Janitscharnkorps nicht genau festzustellen ist, wird das Gründungsjahr des Elitekorps als 1361 angegeben. Einige Historiker sehen in der Knabenlese (türk. „Devşirme“) den Versuch, christliche Kinder, welche von den Osmanen gegen den Willen ihrer Eltern entführt worden sein sollen, zu islamisieren. Wegen der gegenseitigen Feindseligkeit fand diese These Verbreitung  in der westlichen Öffentlichkeit.

Bestechungsgelder für die Ausbildung als Janitschar

Die Befürworter dieser These berücksichtigen jedoch nicht, dass es sich bei den Janitscharen um eine Eliteeinheit des Sultans handelte. Für so eine Einheit wurde nicht willkürlich ausgewählt und ausgebildet, es gab bestimmte Kriterien. Das Durchschnittsalter der ausgewählten Janitscharkandidaten lag bei 15 Jahren. Es gab strikte Regeln für die Auswahl aus dem Anwerberkreis. Beispielsweise spielten die Größe, Begabung oder auch die Bildung eine große Rolle für die Entscheidung. Nicht aufgenommen wurden Einzelkinder. In einigen Fällen waren die Eltern bestrebt, ihre Kinder in das Ausbildungssystem der Janitscharen aufnehmen zu lassen, in dem sie sogar bereit waren, Bestechungsgelder zu zahlen.  Der Grund dafür war, dass die Kinder so die Möglichkeit bekamen, eine Karriere als Staatsbediensteter zu starten, die sie im besten Fall zum Großwesir des Staates machte.  

Nichttürken als Großwesir im Osmanischen Reich

In der sechs Jahrhunderte währenden Geschichte des Osmanischen Reiches dienten insgesamt 217 Großwesire. 101 von ihnen waren ethnische Türken. Die größte nichttürkische Gruppe unter den Großwesiren bildeten die Albaner, diesen folgten die Bosnier/Serben, Georgier und die Griechen.

Sokollu Mehmed Paşa (1505-1579), der Neffe eines serbisch-katholischen Pfarrers, ist wohl der berühmteste nichttürkische Großwesir. Er diente insgesamt unter drei Sultanen 14 Jahre lang als Großwesir, darunter unter Süleyman I. (dem Prächtigen). Der Geburtsort dieses wichtigen Staatsmannes befindet sich im Osten Bosniens, in Sokolovici.