Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien hat begonnen und der Gastgeber hat das Auftaktspiel gegen Kroatien klar mit 3:1 für sich entschieden. Nicht nur der Fußball als Sport, sondern auch das Geschäft rund um den Ball erlebt Hochsaison und die Läden sind voll mit schwarz-rot-goldenen Fan-Artikeln. Wir laufen mit meiner Tochter, die in die zweite Klasse geht, an einem dieser Läden in Berlin vorbei. Da stellt sie mir die Frage „Papa, kaufst Du mir einen schwarz-rot-goldenen Hut oder eine Fahne?“ Auf die Frage „Warum?“ antwortet sie: „Na, um die deutsche Mannschaft in Brasilien zu unterstützen!“ Ich muss zugeben: Die Frage und die Antwort kamen für mich etwas überraschend.

Zum einen war ich bisher kein glühender Anhänger irgendeiner Nationalmannschaft. Natürlich hatte ich mich über die Siege der türkischen Nationalmannschaft gefreut, obwohl diese in den letzten Jahren immer weniger Anlass zur Freude bot. Aber das Gesicht mit weiss-roter Farbe anzumalen oder mit der türkischen Fahne zu marschieren, das ging für mich zu weit.

Das gleiche in schwarz-rot-goldenen Farben kommt für mich auch nicht in Frage – dazu fühle ich mich nicht deutsch genug. In den Augen der deutschen Umgebung ist man der Türke – was ich nicht beklage -, egal, wie lange man in Deutschland lebt.

Immer dem nicht-deutschen Spieler zujubeln

Dabei ist dieser Zustand nicht mal der schlechteste – ich erinnere mich an noch schlechtere. Vor ca. 15 Jahren hatte ich in Duisburg vor, einem Kick-Box-Wettbewerb beizuwohnen. Da kämpften Sportler unterschiedlicher Herkunft um den Sieg. Die Veranstaltung war gut besucht.

Das für mich Überraschende: Die jugendlichen Einwanderer jubelten da immer nur für den Sportler, der gegen einen deutschen Sportler kämpfte. Das war damals neu für mich und machte mir klar, dass in diesem Land damals wohl etwas falsch laufen muss.

Seither ist in Deutschland viel passiert. Das Gesetz zur Staatsbürgerschaft wurde geändert, in Deutschland geborene Einwanderer-Kinder sind automatisch Deutsche. Mittlerweile müssen viele von ihnen nicht mehr auf den Pass ihrer Eltern verzichten.

Der Satz des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff, dass inzwischen auch der Islam zu Deutschland gehöre, mag seine Amtszeit erheblich verkürzt haben, in den Augen der Einwanderer war er jedoch ein großer Schritt für die Kultur der Akzeptanz in Deutschland.

Auch die Rede vom jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck bei einer Einbürgerungsfeier anlässlich des 65-jährigen Bestehens des Grundgesetzes im Schloss Bellevue vor drei Wochen ist ein Meilenstein: Der Bundespräsident öffnet für die Einwanderer symbolisch die Arme, ohne von ihnen zu verlangen, das bisherige, was sie ausgemacht hat, abzulegen.

Diese Rede mit Leben zu füllen – das ist Willkommenskultur!

Kein Gefühl der Entfremdung mehr

Ich weiß nicht, wie und wem heute Einwanderer-Jugendliche beim Kick-Boxen oder ähnlichen Veranstaltungen zujubeln. Kampf- und Motor-Sportarten sind nicht meine Sache. Guten Grund, für die Mannschaft von Joachim Löw zu jubeln hätten sie, spiegelt doch diese Mannschaft eigentlich die Gesellschaft in ihrer Vielfarbigkeit wider.

Diese Schritte werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Auch ich selbst habe diese Rede und die Entwicklungen der letzten Jahre mit Zufriedenheit wahrgenommen. Trotzdem würde ich heute von schwarz-rot-goldenen Fan-Artikeln nicht Gebrauch machen, obwohl ich mich für die Siege der Mannschaft aus Deutschland freue.

Aber das Interesse meiner Tochter für diese Fan-Artikel stört mich nicht und ich empfinde dies nicht als eine Entfremdung zwischen mir und meiner Tochter.