Mitarbeiter der Touristenattraktion

Der letzte Durchgang zur Vorrunde der Fußball-WM in Brasilien hat begonnen und ganz Deutschland freut sich über den recht gelungenen Start der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Ganz Deutschland? Nein, Jan Rübel meint in seinem Essay auf yahoo.com, Ausländer in Deutschland ballten „die Faust in die Hosentasche und hoffen insgeheim auf ein Ausscheiden, ohne es natürlich laut zu sagen“.

Er klagt über „die Häme und das Sticheln auf Deutschlands Straßen“ und meint, die Deutschen kriegten es einfach nicht hin, andere Länder mit Respekt zu behandeln. Und fühlten sich noch gut dabei.

Die Turniere von WM und EM seien Zeiten, in denen Deutsche Ausländer besonders spüren ließen, dass sie angeblich nicht dazugehörten. Man sei „im emotionalen Kriegszustand, und zwar so wie in keinem anderen Land“, sinne auf Rache für vergangene Niederlagen oder verfalle in Klischees.

Deutschland, so Rübel, übertreibe mit seiner Rivalität. „In unserer Abneigung gegen die Fans anderer Länderteams sind wir unerbittlich. (…) Wir müssen Menschen aus anderen Nationen unbedingt mitteilen, wie sehr wir die Niederlagen ihrer Teams genießen. Und das auch noch, wo wir nicht gerade mit dem feinsten Humor gesegnet sind.“

Der „Freitag“ sekundiert ihm dabei und doziert, „warum die Fußball-WM nationalistisch ist“. Der „Party-Patriotismus“ fördere die Ausländerfeindlichkeit und dies sei sogar wissenschaftlich belegt. Vor vier Jahren hätten Forscher um den Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer nachgewiesen, dass Personen, die nach der Fußball-WM befragt wurden, „nationalistischer eingestellt“ waren als diejenigen, die vorher befragt wurden.

Eiszeit zwischen Deutschland und Schweden nach dem Halbfinale 1958

Zweifellos gibt es Beispiele, in denen die hoch kochenden Emotionen und Nationalgefühle selbst dazu beigetragen hatten, dass das Klima zwischen einzelnen Ländern vergiftet war: So etwa 1958 nach dem Halbfinale im Ullevi-Stadion in Göteborg, wo Deutschland unter höchst zweifelhaften Begleitumständen gegen Gastgeber Schweden 1:3 verlor und sich daraufhin der nicht zuletzt auch von den Medien angestachelte Volkszorn in aufgestochenen Autoreifen an schwedischen Autos und Boykotten gegenüber schwedischen Touristen Luft machte.

Allerdings sind destruktive Begleiterscheinungen der nationalen Aufwallungen rund um bedeutende Fußballspiele kein deutsches Spezifikum. Deutschland ist oft genug auch selbst die Zielscheibe chauvinistischer Stimmungsmache – von den Beschwörungen der Kämpfe gegen die „Hunnen“ und Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg in der englischen Boulevardpresse, dem „Anti-Piefke“-Automatismus in Österreich, wo es als politisch korrekt gilt, bei Spielen der deutschen Elf immer zur jeweils anderen zu halten, der hasserfüllten Berichterstattung in Frankreich, wo antideutsche Journalisten beispielsweise der „Libération“ noch in den 80er-Jahren auf unterstem Niveau publizierten bis hin zu Provokationen aus den Niederlanden, wie im Zusammenhang mit Rijkaards Spuckattacken beim Achtelfinalspiel zur WM 1990.

Dass politische Ressentiments sich in den Sport fortpflanzen und dieser als Verstärker oder Katalysator wirkt, zeigte sich auch im Jahre 2005, als die Schweiz sich im Rückspiel der Relegationsrunde in Istanbul das WM-Ticket sicherte und es nach dem Spiel zu massiven Ausschreitungen im Kabinenbereich gekommen sein soll. Im Vorfeld hatte das Verhältnis zwischen der Schweiz und der Türkei einen Tiefpunkt erreicht, nachdem das Waadtländer Kantonsparlament, später auch Genf und der Nationalrat in der Armenierfrage die Ereignisse von 1915 als „Genozid“ qualifiziert und die Türkei daraufhin mehrere Staatsbesuche von Schweizer Ministern abgesagt hatte.

Allerdings war es auch hier nicht der Sport und auch nicht der Patriotismus, sondern Politik und Medien, die zu den negativen Begleiterscheinungen beitrugen. Und es ist zweifelhaft, ob gerade sie eine Lösung darstellen.

Linke Deutsche belehren Einwanderer über die Gefahren des Patriotismus

Gerade dass nicht wenige Sozialwissenschaftler, Politiker und Journalisten sich in der Rolle des Spielverderbers gefallen, die selbst angesichts des temporär eng beschränkten Party-Patriotismus in Deutschland zu WM-Zeiten das Gespenst des Nationalismus im Lande umgehen sehen, könnte jedoch selbst entscheidend dazu beitragen, dass sich die Begeisterung für die eigene Nationalmannschaft im Wege der Reaktanz zu Chauvinismus auflädt, der dann das Zusammenleben stört.

Nicht nur autochthone Deutsche, auch Einwanderer reagieren nicht selten genervt auf die immer wiederkehrenden Mahnungen und Belehrungen seitens meist linksgerichteter Politiker oder der GEW, die regelmäßig im Umfeld von großen Fußball-Turnieren an den damit verbundenen patriotischen Aufwallungen Anstoß nehmen. Nicht selten sind es auch Einwanderer wie der türkische Kioskbesitzer in Berlin-Kreuzberg, der seiner Begeisterung für die DFB-Elf und seiner Verbundenheit mit dem Land durch das Hissen einer großen Deutschlandfahne Ausdruck geben wollte und prompt Probleme mit dem Ordnungsamt bekam. Darüber hinaus klagten viele türkische und arabische Familien in Berlin während der WM 2010 darüber, dass autonome Linksextremisten ihre Fahnen auf Autos und Häusern zerstörten.

In diesem Zusammenhang stellt sich zudem die Frage, warum, wenn Patriotismus im Umfeld von Sportveranstaltungen so gefährlich sein soll, dann beispielsweise in den USA, wo Patriotismus täglich allgegenwärtig ist und die Nationalfahne alleine schon dadurch täglich in jedem Haus präsent ist, dass sie alltägliche Dinge wie Verpackungen für Frühstückscerealien schmückt, keinerlei negative Auswirkungen auf das Zusammenleben innerhalb der bunt gemischten Bevölkerung zu verzeichnen sind. Abgesehen davon sind es auch in Deutschland neben den linksliberalen oder linksradikalen Bedenkenträgern nicht zuletzt auch die Nationalisten selbst, die keine Begeisterung für die deutsche Nationalmannschaft aufzubringen vermögen – ihnen wiederum tragen zu viele Einwanderer das deutsche Nationaltrikot.

Medien und Politik tragen wesentlich stärker zu Ressentiments bei

Können etwa nur Europäer nicht mit Nationalgefühl umgehen? Nun, immerhin trug in Mittelamerika ein Fußballspiel im Juli 1969 sogar zu einem dreitägigen Krieg zwischen El Salvador und Honduras bei, nachdem es am Rande des WM-Qualifikationsspiels zum Turnier in Mexiko 1970 zu Ausschreitungen und Flaggenschändungen gekommen war. El Salvador marschierte daraufhin in eine honduranische Provinz ein – allerdings war nicht Fußball der ausschlaggebende Moment für diese Eskalation, sondern ein bereits seit Längerem bestehender Konflikt zwischen beiden Ländern rund um illegale Einwanderer aus El Salvador, die brachliegendes Land auf honduranischem Territorium in Besitz genommen hatten.

Vielleicht liegt es ja weniger am Patriotismus selbst, dass Ereignisse wie die Fußball-WM Ressentiments laut werden lassen, die auch schon vorher da gewesen sein müssen. Es könnte auch daran liegen, dass europäische Politiker und Journalisten diese – auch abseits des Sports und abseits der Turniere – permanent am Kochen halten oder anfachen. Insbesondere waren ja auch sie es – und nicht die Fans -, die erst zu Beginn des Jahres die Olympischen Spiele in Sotschi zu wochenlangen, politisch motivierten Herabwürdigungen der Gastgeber genutzt hatten.