Wenn man durch die Straßen von New York läuft, fallen einem sogleich die Feuertreppen auf, die an den Flanken der Häuser angebracht sind, sich mitunter aber auch an jener Hauswand befinden, die zur Straße hin liegt. Für den Passanten sind sie unerreichbar, weil sie nach oben hin abgeklappt sind, eine praktische, gut funktionierende Lösung, das Zusammenleben auf engstem Raum für den Notfall zu organisieren. In deutschen Städten wird man vergeblich nach einer solchen Lösung suchen, die zudem den Vorteil hätte, preiswert zu sein. In dem Haus, in dem ich wohne, wurde unlängst der Vorschlag gemacht, eine Feuertreppe à la New York zu installieren. Die zuständige Baubehörde sagte erstaunlicherweise ja, verlangte jedoch, eine so breite Metalltreppe einzubauen, dass auf ihr zwei Sanitäter einen Patienten im Notfall auf einem zwei Meter langen Bett nach unten transportieren können. Das kam jedoch einem Verbot gleich.

Ich könnte eine lange Liste derartiger Beispiele aus dem Alltag nennen, die unser Leben erschweren. Das Ausfüllen ellenlanger, kaum verständlicher Formulare, das Verharren in langen Telefonschleifen, ohne am Ende den passenden Gesprächspartner bei der Bahn oder der Telekom zu erreichen. Ich finde diese Entwicklung zu immer komplizierteren Abläufen im Alltag – milde formuliert – erstaunlich, aus mindestens zwei Gründen. Wir leben in einem Europa, das immer mehr zusammenwächst. Ich kann mir kaum vorstellen, wenn ich durch EU-Staaten reise, dass diese Länder flächendeckend deutsche Standards einführen werden. Das Problem einer Feuertreppe wird in Frankreich, Italien oder Griechenland anders gelöst als bei uns. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass nun überall in der EU Programme für Wärmedämmung bei Häusern und Wohnungen aufgelegt werden oder überall Busse im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden, deren Plattform sich absenkt, wenn der Fahrer die Tür öffnet.

Wust an Vorschriften ist auch ein Integrationshindernis

Ich wundere mich über den deutschen Perfektionismus aber auch, weil sich das Land zurzeit stark verändert. Es ist ein Einwanderungsland geworden. Viele gehen nach kurzer Zeit, viele bleiben, und die Krisen auf der Welt rücken immer näher an uns heran. Die dritte und vierte Generation der Einwanderer rückt macht- und eindrucksvoll in das Bewusstsein der Gesellschaft. Sie wünscht eine echte Teilhabe. Zu ihr gehört auch und vor allem, die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der aufnehmenden Gesellschaft zu begreifen, und das fängt bei den Dingen des Alltags an. Es ist höchste Zeit, dass die Bundesrepublik dies realisiert, dass auf allen Gebieten zunächst danach gefragt wird: Ist dies notwendig, ist dies zu verstehen, bringt es Fortschritt, ist es auch in Zeiten schwächerer Konjunktur bezahlbar und – ganz wichtig – ist es europakompatibel?

In der Praxis heißt das, Gesetze zu vereinfachen, Vorschriften drastisch zu reduzieren, Formulare verständlich abzufassen, Behörden so umzuwandeln, dass dort auch Menschen mit geringen Deutschkenntnissen die Dokumente ausgestellt bekommen können, die sie benötigen. Hier kann man viel von den Vereinigten Staaten von Amerika lernen, wo jedermann seine Steuererklärung selbst ausfüllen muss und dies auch in kürzester Zeit schafft. Auch in der Schule muss eine Menge passieren. Statt Theorielastigkeit und Abstraktion werden künftig Fähigkeiten gefragt sein, die Kinder in den Stand versetzen, sich in der neuen Gesellschaft der Bundesrepublik zu orientieren. Das wird auf ein System hinauslaufen, das dem der amerikanischen High School mehr ähnelt als dem bisherigen zwei- oder dreigliedrigen Aufbau des deutschen Bildungssystems. Gleichzeitig wird die Zahl von privaten Schulen und Schulträgern wachsen, leider verbunden mit erheblichen Kosten für die Eltern.

Lichtblicke in der Debatte um die „Arbeitsstättenverordnung“

Somit zeichnet sich eine künftige Gesellschaft ab, die mehr als die jetzige Dinge selbst in die Hand nimmt, die den Gesetzen und Regeln der Zivilgesellschaft zwar vertraut, ihre Stärke aber auch aus dem Zusammenhalt von Menschen bezieht, die sich bei ihrer täglichen Arbeit auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Dass es ihn in der Bundesrepublik noch immer gibt, zeigt sich gerade an der Debatte um die sogenannte „Arbeitsstättenverordnung“. Die übereifrige Arbeitsministerin wurde bei dem Versuch gestoppt, die Umgebung eines normalen deutschen Arbeitsplatzes so zu perfektionieren, dass ihn viele Unternehmer gar nicht einrichten könnten. Tageslicht und der Blick durchs Fenster nach außen sind schön und wünschenswert. Aber gerade jetzt kommen viele nach Deutschland, die Licht am Ende eines langen Tunnels sehen.