Petrodollars sind Macht

Die Entfernung Mohammed Mursi aus dem Präsidentenamt in Ägypten wird in der Nahost-Region unterschiedlich bewertet. Der saudische König Abdullah pries das ägyptische Militär, das Mursi absetzte: „Aus einem finsteren Tunnel“ hätte es das bevölkerungsreichste arabische Land geführt. „Schande über die westlichen Regierungen“, twitterte hingegen der katarische Diplomat Nassir al-Chalifa, „dass sie zum Verbrechen eines Staatsstreichs schweigen, der einen gewählten Präsidenten ins Gefängnis brachte“.

Die Trennlinie ist relativ klar: konservative Monarchien wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) oder Jordanien begrüßten den erzwungenen Abtritt Mursis freudig. Die Golf-Monarchie Katar, die den Militärcoup verurteilte, stellt eine Ausnahme dar. Von islamischen Parteien regierte Republiken wie die Türkei oder Tunesien verurteilten den Sturz Mursis dagegen als „Militärputsch“. Die Haltungen erklären sich aus den Interessenlagen der jeweiligen Regime.

Muslimbruderschaft als Gegner der Monarchien gefürchtet

Die Kader der Muslimbruderschaft sind zumeist muslimische Laien oder einfache Prediger. Ihr religiös gefärbtes politisches Konzept fordert den absoluten Machtanspruch der Golfmonarchen heraus, die sich auf die jeweils eigene klerikale Hierarchie stützen. Zellen der Muslimbrüder werden in Saudi-Arabien polizeilich verfolgt. In Jordanien bildet der politische Arm der Bruderschaft die Opposition im relativ machtlosen Parlament. Die vom Westen als „gemäßigt-islamische Kräfte“ betrachteten Regierungen in Tunesien und der Türkei empfinden wiederum eine gewisse ideelle Verbundenheit mit den ägyptischen Muslimbrüdern. Bei der türkischen Haltung mag auch die Rivalität mit Saudi-Arabien um die Vormachtstellung in der Region mitspielen.

Katar nahm bislang eine Sonderrolle ein. Das kleine, an Erdgas reiche Golf-Emirat unterstützte die Muslimbruderschaft nach Kräften. Mursis Regierung erhielt Hilfen in Höhe von acht Milliarden Dollar. Der pan-arabische Fernsehsender Al-Dschasira, der seinen Hauptsitz in Katar hat, nahm unverhohlen für die Muslimbruderschaft Partei. Den Gestalter dieser Politik, Scheich Hamad Chalifa al-Thani, mag das Motiv geleitet haben, sich gegenüber dem großen Saudi-Arabien zu positionieren. Doch zehn Tage vor dem Umsturz in Kairo dankte der Emir zugunsten seines Sohns ab.
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Saudische Außenpolitik: Geld für politischen Einfluss

Nun ist die Front der Gegner der Muslimbrüder mit den Geldgeschenken dran. Wie am Mittwoch bekanntwurde, machen Saudi-Arabien fünf, Kuwait vier und die VAE drei Milliarden Dollar für die vom ägyptischen Militär bestimmte Übergangsregierung locker. Ägypten hat das Geld bitter nötig, denn das Land steht nach der Misswirtschaft der letzten chaotischen Jahre am Rande des wirtschaftlichen Kollaps.

Derartige Summen fließen, selbst bei reichen Ölstaaten, nicht aus reiner Menschenliebe. „Bestimmt wird sich jemand, der Geld dieser Art hergibt, einen gewissen Einfluss erwarten“, vermutete der ehemalige ägyptische Finanzminister Samir Radwan. Tatsächlich zeigen der Sturz Mursis und die nachfolgenden Entwicklungen, wie sich die Kräfteverhältnisse in der arabischen Welt verschieben.

Saudi-Arabien dürfte jedenfalls in Kairo bald mehr zu sagen haben als die USA, die jährlich gerade mal 1,5 Milliarden Dollar an Ägypten geben – davon 1,3 Milliarden an Militärhilfe. Washingtons Diplomaten hatten ein recht gutes Verhältnis zu Mursi entwickelt. Jetzt mussten sie peinlichst darauf achten, nicht das Wort „Putsch“ zu verwenden. Andernfalls wären die USA vom Gesetz gezwungen, die Militärhilfen einzustellen.

„Katar wird bald der Linie Riads folgen“

Auch andere Anzeichen sprechen für ein Erstarken der Position Riads. Innerhalb der zersplitterten syrischen Opposition setzen sich zunehmend von Riad favorisierte Kräfte durch. Die Allianz der Oppositionskräfte in Syrien wählte am vergangenen Wochenende beispielsweise einen neuen Präsidenten. Der Stammesführer Ahmed Assi al-Dscharba war der Favorit des Königreichs. Der Chef der Schattenregierung dieser Allianz, Ghassan Hitto, ein Mann Katars, trat wenig später zurück.

Aber selbst im kleinen Golfemirat könnten Veränderungen eintreten. Der neue Emir, Scheich Tamim bin Hamad bin Chalifa al-Thani, betonte in seiner Antrittsrede, die Außenpolitik seines Landes gründe „auf Beziehungen zu Staaten, nicht Organisationen“. Sein Kabinett schloss sich in der vergangenen Woche dem Aufruf Saudi-Arabiens an, die neue ägyptische Übergangsregierung zu unterstützen.

„Katar wird bald der Linie Riads folgen“, meinte Peter Harling, ein Berater der International Crisis Group, in der „New York Times“. „Die Ereignisse erlauben es Saudi-Arabien, eine regionale Führungsrolle zu spielen, die im Augenblick sonst niemand spielen kann.“ (dtj/dpa)