Es ist Pfingstsonntag. Ein großgewachsener Ochse mit gewaltigen Hörnern steht auf dem Dorfplatz. Sein Kopf ist geschmückt. Mit frischgepflückten Wiesenblumen, die der Frühling brachte. Mit Bändern, mit einem Geschirr um den Kopf, auf dem ein Kreuz mit feinem, goldenem Faden gestickt wurde. Die Dorfbewohner treiben ihn nun mit Gesang und bedachten Schritten durch das Dorf. Nach dem langen Winter soll er das erste Mal auf die Weide, wo er im Grünen grasen kann. Er führt seine Herde und einen feierlichen Umzug an. Das nicht mehr sehr weit verbreitete Ritual mit anschließender Schlachtung und Grillen des Ochsen geht wohl auf Opferdarbietungen zurück. Pfingsten ist also ein Frühlingsfest. Das schöne Wetter hat endlich gesiegt. Pfingsten fällt auf die Zeit, nach der es nach alten Bauernregeln keinen Bodenfrost mehr gibt und daher mit der Aussaat begonnen werden kann. Und das feiern die Dorfbewohner. Sie feiern die Überwindung des Winters und beten für die Fruchtbarkeit ihrer Aussaat.

Pfingsten ist also ein Frühlingsfest? Irgendwie schon. Ein Frühlingsfest für den Glauben der Christen, ein Frühlingsfest für die christliche Kirche. Es ist die Geburtsstunde der christlichen Urgemeinde. Von nun an breitete sich der Glaube an Christus aus. Pfingsten (von dem altgriechischen Wort pentekostē [hēmera], „der fünfzigste Tag“) geschieht, wie der Name schon sagt, 50 Tage nach Ostern und dem jüdischen Pessachfest. So wie das schöne Wetter gesiegt hat, so hat Jesus über den Tod gesiegt. Nun kann mit der Aussaat begonnen werden:

Ein Kreis schließt sich

Anhänger und Anhängerinnen Jesu hatten sich nach Christi Himmelfahrt zum jüdischen Fest Schawuot in einer Synagoge versammelt, um die Offenbarung der Tora zu feiern. Während ihrer Trauer um Jesus und Verwirrtheit was an Karfreitag, an Ostern und Christi Himmelfahrt geschah, geschieht das sogenannte Pfingstwunder: „Pfingsten passiert etwas Besonderes. Plötzlich ist allen klar: Doch, er lebt! Jesus ist nicht ein für alle Mal gestorben und hat die Welt desorientiert zurückgelassen. Plötzlich verstehen sie den Zusammenhang: Am Karfreitag: Jesus wird am Kreuz zu Tode gefoltert. Gott leidet mit seinem Sohn. Ostern: Der Tod hat nicht das letzte Wort, Jesus Christus wird auferweckt. Und jetzt – die Jüngerinnen und Jünger spüren: Gott ist mitten unter uns. Das Leben siegt. Er ist auferstanden!“ – Margot Käßmann (evangelisch-lutherische Theologin, Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017) in einer Predigt zu Pfingsten.

Sie begannen also zu verstehen, warum Jesus leiden und sterben musste. Sie begannen nicht nur zu verstehen, ihnen wurde auch die Gabe gegeben, es zu erklären. In vielen verschiedenen Sprachen. Als sie sich versammelten, tat sich laut Apostelgeschichte ein heftiger Sturm auf und wirbelte durch die gesamte Synagoge. Jeder einzelne – egal welches Geschlecht, egal welcher Beruf – wurde vom Heiligen Geist erfüllt. „Und unter diesen Fischern und Huren und Zöllnern und Hausfrauen bricht es heraus: Gott ist da, Gott sagt unserem Leben Sinn zu. Genau wie Christus es versprochen hat, begleitet uns Gott auf unserem Weg. Der Heilige Geist gibt uns Kraft zum Leben und Mut zum Sterben. Das haben die Jüngerinnen und Jünger erkannt, gemeinsam in all ihrer Unterschiedlichkeit“, spricht Käßmann weiter in ihrer Pfingstpredigt.

Die Geburtsstunde einer lebendigen, christlichen Gemeinde

Gott hat seinen heiligen Geist über den Gläubigen ausgesendet. Es ist wie das Verteilen von Saatgut im Frühling. Der Heilige Geist wurde auf fruchtbaren Boden – auf die Gläubigen ausgesendet, mit der Zeit wird ihr Glauben Früchte tragen. Der Samen des Glaubens, wird zur Pflanze, wird zum Baum des Glaubens. Und weil die Menschen durch die Aussendung des Heiligen Geistes schließlich die Botschaft Jesu verstanden hatten, konnten sie nun hinausgehen, diese verkünden und die Glaubensgemeinschaft wuchs wie eine Pflanze. Es ist die Geburtsstunde einer lebendigen, christlichen Gemeinde. Und ein Frühlingsfest des Glaubens.

Etwa 2000 Jahre nach diesem Pfingstwunder feiert der Großteil der Christenheit am Sonntag und Montag dieses Ereignis. Sie wollen sich an diese Botschaft und ihre Aufgabe erinnern. Dabei geht es nicht ausschließlich um die Verbreitung der Worte Jesu. Denn Pfingsten ist ein Fest der Verständigung und damit des Friedens. Es ist nicht nur der Abschluss der Osternzeit, sondern auch ein (neu-)Beginn. Als die Jünger und Jüngerinnen beieinander saßen und der Heilige Geist ausgesendet wurde, verstanden sie plötzlich einander. So sollen Christen und Christinnen auch heute diese Aussendung zulassen und mit allen Ländern und Glaubensrichtungen in Frieden leben.

In einem weltweit bisher einmaligen Projekt soll dieser Gedanke übrigens bald auch in Berlin Früchte tragen: Juden, Christen und Muslime wollen gemeinsam im House of One unter einem Dach lehren und beten. Eine Moschee, eine Synagoge, eine Kirche und zentral ein Begegnungsraum, in dem die Religionen zusammen kommen, sich austauschen und gemeinsam feiern können. Ein Ort der Verständigung entsteht. Verständigung, wofür auch das Pfingstfest steht. Verständigung, wonach wir uns in diesen Tagen sehnen.