PKK-Führer Öcalan: Vom Marxisten zum „islamischen Demokraten“

Wie sollte man die Hauptthesen des Briefes von Öcalan, der am 21. März 2013 in Diyarbakır verlesen wurde, deuten?

Die politische Bedeutung der begonnenen Friedensverhandlungen, die Vorgehensweise und auch das hoffentlich gute Ergebnis, das an deren Ende stehen wird, sind das eine Thema. Doch das andere, mit dem wir uns befassen sollten, ist UNSERE künftige Rolle in dieser Welt, mit Blick auf die nahe und mittelfristige Zukunft der gesamten Region. Es geht um den Willen, den wir entwickeln werden; die Vision, die wir kreieren können und ihre geistig-politisch-psychische Umsetzung. Aus dem Aufruf Öcalans vom 21.März haben viele eine unerwartete Vision entnommen.

Öcalan sagt, dass wir dabei seien, „zu einer neuen Türkei, einem neuen Nahen Osten zu erwachen“. Er verweist auf eine dramatische Phase, an der er auch selbst beteiligt war und erklärt, dass durch „westliche imperialistische Interventionen, Repression und Leugnen von Erkenntnissen“ versucht worden wäre, die türkischen, persischen, kurdischen Gemeinden in kleinen Nationalstaaten und virtuellen Grenzen einzuengen und in künstlichen Problemen zu ertränken.

Öcalan lädt nun Kurden, Turkmenen, Assyrer, Araber und andere Völkerschaften zu einer aus dem entzündeten Newroz-Feuer entspringenden Unabhängigkeit von diesen Verhältnissen ein. Neben den Völkern des Mittleren Ostens appelliert Öcalan auch an die Völker Asiens: „Das Paradigma, welches ignoriert und ausgrenzt, wurde zerstört.“ Er fügt hinzu: „Das Paradigma der Moderne hat das Blut der Kurden, Türken, Lasen und Tscherkessen fließen lassen. Wir sind nun am Ende dieser Entwicklung angelangt. Ethnische und nur aus einer Nation bestehende Regionen zu erschaffen, ist ein unmenschlicher Akt.“

„Eine passende Form der Modernität suchen“

Wir müssen die Phase, dessen Frist abgelaufen ist, hinter uns lassen, so der früher über lange Zeit selbst den modernitären Ideologien wie Marxismus-Leninismus und Nationalismus verschriebene PKK-Führer. „Es ist nicht die Zeit des Konflikts, der Auseinandersetzung, der gegenseitigen Verachtung, sondern die Zeit der Vereinigung, der Umarmung und des Verzeihens. Die Türken und Kurden, die im Çanakkale-Krieg Schulter an Schulter zu Märtyrern wurden, haben den Befreiungskrieg zusammen überwunden. Die Wahrheit, entstanden aus unserer gemeinsamen Vergangenheit, erfordert, dass wir zusammen eine Zukunft aufbauen. Ich rufe all die unterdrückten Völker; Klassen- und Kulturvertreter; Frauen; unterdrückten Rechtsschulen, Orden, Arbeiterklassen; alle, die aus dem System ausgeschlossen wurden, dazu auf, in der neuen Option eines Auswegs, dem demokratischen System, einen Platz einzunehmen. Der Nahe Osten und Zentralasien sind auf der Suche nach einer passenden Form von Modernität. Diese Suche nach einem neuen Modell ist genauso notwendig geworden wie Brot und Wasser.“

Unter Verweis auf „die üblichen Verdächtigen und Täter“ macht Öcalan folgende Ansage: „Aus Trotz gegen diejenigen, die uns spalten wollen, werden wir uns einigen.“ Seine Referenzen seien „die Wahrheiten aus den Botschaften der Propheten Moses, Jesus und Muhammad“. Als Basis des politischen Kampfes auf der Grundlage der Botschaft, die aus der gleichen Quelle der drei großen Propheten stammt, betrachtet er eine „islamisch-demokratische Politik“. Er beschwört dabei das einigende Band zwischen Türken und Kurden: „Das türkische Volk muss wissen, dass das ungefähr tausendjährige Zusammenleben mit den Kurden unter der Flagge des Islam auf dem Gesetz der Brüderlichkeit und Solidarität beruht.“

Der einzig gute Nationalismus ist ein nicht vorhandener Nationalismus

In Anbetracht seiner bisherigen Tradition und Haltung überrascht Öcalan mit dieser Kehrtwende wohl Freund und Feind gleichermaßen. Als jemand, der sein Leben lang ähnliche Ideale verkündet hat, sehe ich es als erforderlich, folgende Punkte nochmals hervorzuheben:

1. Die Zeit, in welcher der Westen die Geschichte schreibt, geht zu Ende – wir befinden uns an der Schwelle zu einer neuen Welt.

2. Die Aufklärung, die verordnete Modernisierung und das Konzept des Nationalstaats sind zusammengebrochen.

3. Wenn nicht alle Völker der Region zusammenkommen und den Willen zum Zusammenleben und die Fähigkeit beweisen, hierfür ein Modell zu entwickeln, werden sie unter der Hegemonie der Weltmächte in Schmach leben und darüber hinaus viel an wechselseitigem Blutvergießen erleben.

4. Die neue Welt, die aus dem Neo-Imperialismus, dem Nationalstaat und dem schweren historischen Erbe heraus entstehen wird, können wir nicht unter Bezugnahme auf die Omayyaden, Abbasiden, Safawiden oder Osmanen gründen.

5. Sunniten, Schiiten, Wahhabiten, Salafisten können nicht allein das verbindende Dach über den Völker dieser Region erbauen – jede Rechtsschule muss damit einverstanden sein, in ihrem eigenen natürlichen Bereich zu existieren.

6. Neue Strukturen auf der Grundlage von Rasse, Ethnizität, Nation, Region wären eine Neuauflage des Alten. Gar kein Nationalismus ist unschuldiger, besser oder positiver als jede auch nur modifizierte Form desselben.

7. In jenen Gebieten, in denen der Islam die oberste Richtschnur darstellt, müssen alle Nichtmuslime als Partner in der neuen politischen Union Platz finden können.

Autoreninfo: Ali Bulaç (Foto), Soziologe, Theologe, Journalist und Buchautor, ist Kolumnist bei „Zaman“ und „Today’s Zaman“ und moderiert Polit-Talks im türkischen Fernsehen.