Pöfftirik Şahin, das polarisierende Gastarbeiterkind

Seit Jahrzehnten schauen Türken in Deutschland türkische Serien, vermutlich auch, weil sie dadurch ein wenig Heimatgefühl erleben. Das kann ich nachvollziehen. Doch mich verwundert es sehr, dass fünf- bis 15-jährige Kinder und Jugendliche, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, eine türkische Serie gucken, die doch irgendwo hochpolitisch ist. Beim Versuch, dies zu verstehen, erkenne ich bei den Rezipienten unter anderem eine parasoziale Identifikation mit einem bestimmten Schauspieler.

Es geht um die beliebte türkische Serie „Die 80er“, in der es einen Charakter gibt, der mir anfangs gehörig auf die Nerven ging. Mit der Zeit habe ich mich an ihn gewöhnt.

Gründe für die Medienrezeption

Da eine Serie auch immer eine instrumentelle Funktion (Fernsehen beim Bügeln) neben den Gründen des Eskapismus (Realitätsflucht), der Entspannung, Unterhaltung und Wissensaneignung hat, fand ich in Gesprächen schnell heraus, dass gerade diese Figur eine große Beliebtheit erfährt.

Bei dem angesprochenen Charakter handelt es sich um den jungen Mann Şahin (Foto), der allein auf Grund seiner Vokuhila-Frisur (VOrne KUrz HInten LAng) auffällt. Sein Markenzeichen ist aber, dass er zu allem und in jeder Situation „Pöff“ zu sagen pflegt. Vielleicht vermuten einige Zuschauer hinter diesem Ausdruck eine deutsche Floskel, liegen aber mit dieser Mutmaßung daneben. Ich habe recherchiert: „Pöff“ bedeutet so viel wie „Oh shit“, „Ist das armselig“, „Ich bin völlig K.O.“, „Ich bin entsetzt/überrascht“, oder auch „Ich bin überfordert“.

Şahin, der Deutschland in Richtung Türkei verlassen hat, lebt bei seiner Tante. Er redet mal deutsch, mal türkisch; gut beherrschen tut er weder die eine noch die andere Sprache. Er geht in der Serie selbst vielen anderen Charakteren auf den Leim, etwa seinem Schwager, den Beamten oder dem Bäcker. Seine Tante mag ihn sehr und verteidigt ihn immer gegenüber ihren Mann, falls dieser etwas zu meckern hat. Die Kinder seiner Tante nehmen ihn herzlich auf, doch machen sie sich auch immer wieder über ihn lustig. Er ist in seiner ganzen Art eigenartig und hat nicht wirklich gute Manieren und leistet sich einen Fauxpas nach dem anderen.

Vergleich der Gepflogenheiten in Deutschland und der Türkei

Beispielsweise ist die Szene mit der Trauerfeier, während der sich Şahin auffällig rücksichtslos verhält, auf Youtube sehr beliebt.

Er spricht ein katastrophales Türkisch und fragt in jedem Gespräch, was das Gesagte bedeutet, weil sein Türkisch nicht ausreicht.

Umgekehrt ist es genauso: er baut immer wieder deutsche Wörter in seine türkischen Sätze ein, als handele es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit.

Er ist in die Bäckerstochter verliebt, kommt aber mit der Situation, nicht mit ihr ausgehen zu dürfen, nicht klar. In Deutschland ist es schließlich normal, dass man seine „Flamme“ auf einen Drink einlädt. Er zieht ständig einen Vergleich zwischen den Gepflogenheiten in der Türkei und denen in Deutschland. Für ihn sind die Türken in der Türkei zu konservativ.

Der Bäcker ist sein größter Feind; Şahin bezeichnet ihn als „Erol Taş Baba“. Erol Taş ist der böseste Charakter unter den Klassikern des alten türkischen Kinos, auch Yeşilçam Cinema genannt.

Nach einer Zeit erlaubt ihm der Bäcker schließlich, kurz mit seiner Tochter unter vier Augen zu sprechen. Şahin muss nämlich zum Militärdienst. Er hat große Angst davor und wünscht sich, dass seine Familie und Freunde auch mitkommen. „Pöfftirik Şahin“ wünscht es sich nicht nur, sondern fragt tatsächlich auch alle, ob sie nicht mitkommen wollen. Er ist naiv, nervenaufreibend, anstrengend und hat das Glück, dass ihm viele mit Geduld und Hilfsbereitschaft entgegenkommen. Der ganze Kiez verabschiedet ihn letztlich feierlich, bevor er zum Militärdienst aufbricht.

In der Serie geht es auch um Kenan Evren, den Putsch-General

Neben den vielen Folter-Szenen aus der Zeit des Putsch-Regimes von 1980 versucht die Serie, mit einer Mischung aus viel Parodie und Geschichtsverarbeitung den Verantwortlichen Kenan Evren aufs Korn zu nehmen. Immer wieder werden demokratische und menschliche Mängel der Zeit um die 80er Jahre geschickt thematisiert.

Die Serie ist gut konzipiert, da in ihr neben dem Gastarbeiterkind „Şahin“ viele andere Figuren vorkommen, mit denen sich fast jeder identifizieren kann. Die Hauptfiguren sprechen unterschiedliche Dialekte, sodass sich viele Zuschauer an ihre eigene türkische Heimat bzw. an die ihrer (Groß-)Eltern erinnert fühlen, dabei ausgiebig lachen und abschalten können.

In einer globalisierten Welt ist es nicht verwunderlich, dass besonders in der Türkei und Deutschland Filme und Serien gedreht werden, die sich immer mehr an den Bedürfnissen der Menschen orientieren, die mit beiden Orten vertraut sind. Diese Menschen bilden den Schnittpunkt zwischen der Türkei und Deutschland. Şahin wird in der Serie zu einer Brücke zwischen Deutschland und der Türkei stilisiert.

Bei dieser Serie wird gemäß der Rezeptionsforschung das alltägliche Leben raffiniert inszeniert, ähnlich wie beim „Dschungelcamp“. Doch „Die 80er“, die eine Aufarbeitung des damaligen Militärputsches mit vielen witzigen Charakteren überspielt, sorgen gleichzeitig für sehr gute Unterhaltung, ohne dabei in das Skurrile überzugehen – der Einschaltquoten wegen, wohlgemerkt.