Von Clinton bis zum Iran - Die Politische Nutzbarmachung von Sexaffären

Durch Ködern oder Erpressung der Person, welche in diese Falle getappt ist, wird gesichert, dass sie sich in bestimmten Entscheidungsprozessen willfährig verhält oder Dokumente liefert. In jedem Fall wird durch das Aufzeichnen verhindert, dass der nunmehrige Geheimdienstsklave die Befehle verweigert. Die Enthüllungen bringen den Erpressten an den Rand des Abgrundes und er findet keinen Weg mehr aus seiner Lage heraus.

Ein neu im Timaş-Verlag veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Die Honigfalle und 165.386 beschlagnahmte, geheime Dokumente“ befasst sich mit dem oben genannten Begriff und geht dabei auf die Bedeutung von „Honigfallen“ im historischen Kontext ein. Der Journalist Cevheri Güven hat in vielen Fällen – davon zahlreichen, von denen wir ausgingen, wir würden sie längst kennen – erfasst, was uns entgangen ist.

Als jemand, der sich als ein guter Beobachter der Fälle betrachten würde, gab es viele Informationen im Buch, die selbst mich überraschten. Zunächst einmal möchte ich die Ziffer im Buchtitel erklären. Es ist eine auf eine Begebenheit in Istanbul verweisende Zahl, welche sich auf den Ordner bezieht, der sich mit einem Fall der Militärspionage befasst, in die auch eine Gruppe von Prostituierten involviert war. Dort hieß es an einer Stelle: „Die Anzahl der während der Untersuchung beschlagnahmten geheimen Dokumente, deren Besitz, Änderung oder eigennütziger Gebrauch eine Straftat darstellen würde, beträgt 165.386.“

Ja, genau 165.386. Mit diesem Warnhinweis des Generalstabschefs und des TÜBITAK (Wissenschafts- und Technologieforschungsrat der Türkei) wurden die meisten der noch nicht einmal in den Anklageschriften platzierten Dokumente der Justiz übergeben. Ob sie nach ihrer Wichtigkeit aufgelistet sind, weiß ich nicht, zahlenmäßig jedoch befinden sie sich unter den Rekorden, was Aktenstärke anbelangt.

Von Clinton bis zur iranischen „Zeitehe“

Am Ende eines Prozesses wurde festgestellt, dass militärisches Personal aller Ränge in Fallen gelockt wurde. Die auf die ursprünglich verfolgten Straftaten selbst bezogenen Freisprüche hatte man in den Medien aufzubauschen versucht und somit eine Verzerrung der Tatsachen bewirkt. Dass die Ankläger einen Schritt zurück gehen mussten, um nicht noch mehr an geheimem Material an die Öffentlichkeit dringen lassen zu müssen, hat dieses Ergebnis verursacht – und es war eine Entscheidung, die man nachvollziehen kann. Ein ähnlicher Prozess wird derzeit in Izmir fortgesetzt. Gegen einige Organisatoren von Honigfallen wurden jedoch schwere Strafen verhängt und auch in Izmir findet derzeit ein Prozess statt, der eine solche Falle zum Anklagegegenstand hat.

Auch auf Beispiele auf internationaler Ebene ist Cevheri Güven in seinem Buch mit zahlreichen Einzelheiten eingegangen. So erregen beispielsweise die schmerzhafte Erfahrung Bill Clintons und seine Abwehrstrategie Aufmerksamkeit. Es wird auch behauptet, dass der iranische Geheimdienst die Muta-Ehe (Zeitehe; wörtlich „Ehe des Genusses“; eine zeitlich begrenzte Ehe, die bei schiitischen Muslimen Anwendung findet) als Mittel zur Erpressung von Entscheidungsträgern anwendet.

Es wird erzählt, wie Mara Hari den Leiter des französischen Geheimdienstes Georges Lodoux erwischt und wie die Geschichte beider vor dem Exekutionskommando endet. Auch die Geheimdienstgeschichte Israels, wie man in einem sechstägigen Krieg die Armeen von drei Ländern stürzt, ist nach Güvens Darstellungen sehr lehrreich. Immerhin wurden damals fast alle 341 Flugzeuge der ägyptischen Luftwaffe zerstört, noch bevor sie die Möglichkeit hatten, zu starten. In sechs Tagen hat Israel sein Land auf das Vierfache vergrößert und die Armee von drei Ländern eliminiert – wobei man, wie es der Leiter des Geheimdienstes beschreibt, „von menschlichen Schwächen profitiert“ haben will.

Auch die Affäre des früheren Britischen Kriegsministers Profumo wird beleuchtet. Sie ist zwar kurz, doch umso beachtenswerter, da sie aufzeigt, welches Ausmaß die „Honigfalle“ annehmen kann.

„Islamistische“ Kronzeugin war gemietete Prostituierte

Wenn wir den Blick wieder auf die Türkei richten, können wir sagen, dass auch unser „tiefer Staat“ ziemlich geschickt war. Auch wenn wir von ihren“Erfolgen“ nach außen nichts erfuhren, erinnern wir uns trotzdem sehr gut an den Prozess des 28. Februars. Wir sind uns aber auch der Funktion von Fadime Şahin bewusst, um die Junta und den postmodernen Putsch zu legitimieren. 1996 trat sie wortgewaltig im Niqab als Strategin der islamischen Eroberung des Staates auf und belastete damit die Organisation „Müslüm Gündüz“ schwer. Doch dass all dies, bis hin zu den grünen Linsen ihrer Augen, ein durchdachtes und inszeniertes Projekt war und die Betreffende in Wahrheit in einem Hostessenservice gearbeitet haben soll, erfahren wir erst jetzt. Auch über Mehmet Ali Ağcas angeblich „nationalistisch-konservative“ Ex-Verlobte Rabia Kazan ist im Buch eine interessante Interpretation enthalten.

Ich gebe es zu, am Anfang habe ich mich beim Lesen etwas gelangweilt. Ich ging davon aus, dass das Buch von ohnehin schon bekannten Themen handle. Als ich es zu Ende gelesen hatte, war ich jedoch etwas überrascht, wie viele Seiten des Buches ich dann als besonders aufschlussreich markiert habe.

Autoreninfo: Bülent Korucu ist Chefredakteur der wöchentlich erscheinenden türkischen Zeitschrift „Aksiyon“.