Mahmut Özdemir vor dem Reichstag in Berlin.

Mahmut Özdemir hat sich ein alkoholfreies Weizenbier bestellt. Auf der Terrasse des „Cafe Museum“ in der Duisburger Innenstadt strahlt der frischgebackene Bundestagsabgeordnete mit der milden Herbstsonne um die Wette. Als ihm der Kameramann eines türkischen TV-Senders mit seinem Objektiv zu nahe kommt, schiebt Özdemir fix das Bierglas außer Sichtweite. Seine Wähler sollen kein falsches Bild bekommen von dem forschen Nachwuchspolitiker, der den Wahlkreis 116 (Duisburg II) bei der Bundestagswahl am 22. September mit 43,2 Prozent haushoch vor seinem CDU-Konkurrenten gewonnen hat und künftig mit 26 Jahren als jüngster Abgeordneter im Berliner Reichstagsgebäude sitzt.

Nicht alle politischen Probleme lassen sich für Özdemir in diesen Tagen so einfach wegräumen wie das Weizenbierglas. Wochenlang hat der junge SPD-Politiker gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Unionsparteien Wahlkampf gemacht und jetzt steht ihm in Berlin womöglich eine große Koalition bevor. Natürlich habe er sich Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wenn Merkel am Ende erfolgreicher Koalitionsverhandlungen gemeinsam von Christ- und Sozialdemokraten zur Bundeskanzlerin vorgeschlagen würde, gesteht der Deutsch-Türke und grinst: „Da freut man sich, dass die Abstimmung geheim ist.“Er wolle sich bei der Kanzlerwahl ausschließlich an seinen Wahlversprechen messen lassen. „Die Leute haben Schwarz-Gelb abgewählt. Wir haben einen Politikwechsel versprochen.“

Mit 14 wollte er Außenminister werden

Der angehende Jurist, der unmittelbar vor seinem zweiten Staatsexamen steht, riskiert gern eine kesse Lippe – nicht nur gegen den politischen Gegner. In seinem Parteibezirk hatte sich der wortflinke Jungpolitiker gegen sechs Mitbewerber durchgesetzt. Özdemir entstammt einer türkischen Arbeiterfamilie, die vor mehr als 25 Jahren in Duisburg-Homberg zwischen Hochöfen und Schloten heimisch geworden ist.Er spricht exzellentes Deutsch mit leichtem Ruhrpott-Slang. Auf seine türkischen Wurzeln deuten allenfalls seine pechschwarzen Haare hin. Seine Blitzkarriere hat er nicht als Quoten-Türke oder Proporz-Migrant gemacht, sondern mit seinem zupackenden Politikstil als Kümmerer in seinem Kiez. Dabei hat er sich stets hohe Ziele gesetzt. „Mit 14“, gesteht er, „wollte ich Außenminister werden.“Bedenken älterer Parteigenossen wegen seiner jungen Jahre wischte er beredt beiseite. „Die Demokratie vertraut dem Laien.“ Junge Leute machten keine schlechteren Gesetze als die 50- oder 60-Jährigen. „Ich will die Stimme der Jungen sein.“

Bereits in seiner Pubertät wurde Özdemir politisch angefixt. Ursprünglich wollte er damals nichts weiter als mit seinen Freunden Inlineskater fahren, die er von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte. Wenig später besaß er auch ein Skateboard. Doch Mahmut und seine Freunde fanden in ihrem Homberger Stadtquartier keinen Ort, an dem sie voller Adrenalin Skateboard fahren konnten. Etliche Bau- und Supermärkte vertrieben die Kids von ihren Parkplätzen. „Mein vertrauter Hausarzt gab mir den Tipp, mich mit meinen Freunden zusammenzutun und für unsere Rechte zu kämpfen“, erzählt Özdemir. Der Arzt war SPD-Mitglied. Der 12-jährige Mahmut und seine Freunde landeten schließlich bei den sozialdemokratischen Falken und später beim SPD-Nachwuchs, den Jusos.Dort kämpften sie für eine Skateboard-Bahn, engagierten sich aber auch für andere soziale Projekte. Da reifte in dem ehrgeizigen Özdemir sein Berufswunsch heran: er wollte Staatsanwalt werden. Jetzt sitzt er erst mal als Anwalt des Volkes im Deutschen Bundestag

Nicht den Alibi-Migranten geben

Im Bundestagswahlkampf hat Özdemir nie mit seiner Zuwanderungsgeschichte um Stimmen gebuhlt. „Ich habe meine Herkunft weder verleugnet noch aufgeputscht“, sagt der SPD-Politiker. Zur Heimat seines Vaters Zeki und seiner Mutter Aynur in der ägäischen Stadt Denizli hat er eine emotionale Bindung. Regelmäßig liest er türkische Zeitungen. Dem türkischen Rekordmeister Galatasaray drückt er ebenso die Daumen wie dem in seinem Wahlkreis beheimateten Drittligisten MSV Duisburg. Zudem gilt seine Fußballleidenschaft dem VfL Wolfsburg, weil er als manischer Schrauber ein Faible für VW entwickelt habe, wie der Passat-Fahrer Özdemir bekennt.

Der selbstbewusste Deutsch-Türke will im Bundestag nicht den Alibi-Migranten geben.Integrationsbeiräte hält er längst für überflüssig. Die seien dazu da, „sich bald überflüssig zu machen“. Dagegen hält er ein Ministerium für Integration durchaus für sinnvoll, „um den Dialog aufrecht zu erhalten“. Özdemir verfolgt einen ganzheitlichen Politikansatz. „Die Emanzipation des Proletariats erfolgt durch Bildung“, zitiert er August Bebel, einen seiner sozialdemokratischen Urgroßväter. Der Bundestagsabgeordnete aus Duisburg will keine Nischenpolitik machen, sondern strebt einen Sitz im Arbeits- und Sozialausschuss an, womöglich auch im Innen- oder Finanzausschuss. Als seine politischen Vorbilder nennt er den ehemaligen Kanzler Gerhard Schröder und den früheren SPD-Parteichef Franz Müntefering.

Prominenter Namensvetter

Dagegen hat Özdemir nach eigenem Bekunden seinem prominenten Namensfetter, dem grünen Parteichef Cem Özdemir, der für viele Menschen türkischer Herkunft eine Vorbilds-Funktion hat, nie nachgeeifert. Zufällig begegneten sich die beiden Deutsch-Türken wenige Tage nach der Bundestagswahl auf den Treppenstufen des Reichtages. „Wir beglückwünschten uns“, erzählt der Sozialdemokrat Özdemir, „vielmehr war da aber auch nicht drin.“ Um Verwechselungen zu vermeiden werde der Grüne bei der Bundestagsverwaltung als Özdemir, Cem geführt und er als „Özdemir, Mahmut Duisburg“.

Dass es der Duisburger als Bundestags-Novize unter den 630 Abgeordneten gleich zu medialer Berühmtheit bringen werde, dämmerte ihm am Wahlmontag nach der Ankunft in Berlin. „Ich hatte mein Handy im Flieger auf lautlos gestellt“, erzählt er. Erst im Hotelzimmer habe er wieder sein Display geschaut und dort „25 Anrufe in Abwesenheit“ registriert. „Da wusste ich, dass ich der jüngste Abgeordnete bin.“ Dessen Eltern sind stolz auf ihren Filius. „Alle sagten, dass er irgendwann mal irgendwas wird, nur keiner hatte gedacht, dass es so früh passiert“, sagt seine MutterAynur, die jahrelang in einer Blechdosenfabrik malochte. Özdemirs 19-jährige Schwester Merve Deniz ist als Duisburger Juso-Vorsitzende längst in die Fußstapfen ihres großen Bruders getreten. Eine politikverrückte Familie, die immer noch unter einem Dach zusammen wohnt. „Wer sich von einem Zeitvertrag zum nächsten hangelt“, erklärt der junge Abgeordnete, „gründet doch keine Familie oder erwirbt ein Eigenheim.“

Penibel sorgt Özdemir für Transparenz. Seinen vorläufigen Ausweis als Bundestagsabgeordneter postete er ebenso bei Facebook wie seine neue Fahrkarte Erster Klasse. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Warum 1. Klasse, unverschämt“, schrieb einer seiner Follower. Dennoch setzt Özdemir weiterhin auf Offenheit. „Ich stand schon immer für Transparenz.“ Schließlich sei die Parteibasis „der Trainer des Abgeordneten und wir sind nur die Spieler“. Künftig werde er auch seine Einkommensteuererklärung ins Internet stellen, Nebentätigkeiten wolle er nicht ausüben, „Dies habe ich den Wählern so versprochen“. In Berlin wird er in den berüchtigten„Schließfächern“ wohnen, wo die meisten Bundestagsabgeordneten ihren Zweitwohnsitz haben. Aus praktischen Gründen. „Zu Fuß brauche ich nur zwölf Minuten zum Reichstagsgebäude“, sagt Özdemir. Aber richtig heimisch werde er in der Bundeshauptstadt wohl nicht werden. „In Berlin bin ich als arbeitender Mensch angekommen. Ich fühle mich im Ruhrpott wohler.“ Dort in Duisburg-Homberg steht auch heute noch die von ihm einst initiierte Skaterbahn. Die Menschen dort trauen Özdemir jedenfalls einiges zu. Spöttisch-respektvoll nennen sie ihn „Kanzler“.