Rohstoffpolitik: Erdgas-Pipeline von Israel in die Türkei?

Der Energiebedarf der Türkei wächst schnell – es ist davon auszugehen, dass die Türkei Großbritannien als Europas drittgrößten Stromverbraucher innerhalb des nächsten Jahrzehnts überholen wird. Ein Großteil der Energie wird in der Türkei durch Erdgas erzeugt.

Da die Türkei über keine nennenswerten eigenen Vorkommen verfügt, ergibt sich daraus für Ankara eine starke Abhängigkeit von ausländischen Rohstofflieferanten, wie etwa vom russischen Konzern Gazprom. Ohne genügend Erdgasimporte droht der türkische Wirtschaftsaufschwung ins Stocken zu geraten.

Entschuldigung Netanjahus ermöglicht Energie-Deal

Doch die Entschuldigung des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu für die blutige Erstürmung der Gaza-Flotille im Jahre 2010 eröffnet der Türkei nun möglicherweise eine Möglichkeit ein lukratives und längerfristiges Energieabkommen zum Import von Erdgas zu schließen.

Das „WallStreetJournal“ berichtete, Israel könnte nach Einschätzung von Analysten durch den Bau einer Pipeline in die Türkei Gas im Wert von mehreren Milliarden Dollar in die Türkei exportieren. Im Stillen hätten Israel und die Türkei schon seit Monaten über die Gas-Lieferungen verhandelt, so die Zeitung. Alon Liel, ein früherer israelischer Gesandter in der Türkei, erklärte, beiden Seiten sei stets klar gewesen, dass ein bedeutender Verhandlungsfortschritt erst zu erzielen ist, wenn Jerusalem und Ankara ihren seit 2010 andauernden politischen Streit beilegen.

Im östlichen Mittelmeer sollen Schätzungen zufolge bis zu zwei Milliarden Barrel Erdöl und 34 Billionen Kubikmeter Erdgas liegen. Zypern, Israel, der Libanon und Syrien konkurrieren um die Ausbeutung der Vorkommen. Da die beiden genannten arabischen Staaten auf Grund von militärischen Konflikten und der damit einhergehenden wirtschaftlichen und politischen Schwäche momentan als Förderer ausscheiden, waren es vor allem Israel und der griechische Teil Zyperns, die die Pläne zur Ausbeutung der Rohstoffe vorantrieben.

Nikosia erhielt jüngst eine Warnung aus Ankara, das im Mittelmeer liegende Erdgas nicht eigenmächtig zu verkaufen.

Nach der Pleite: Zypern scheidet als Partner aus – Chance für die Türkei

Israel kann wegen der politischen Feindschaft zu seinen arabischen Nachbarn keine Überland-Piplines nach Europa errichten. Geplant war deshalb eine israelisch-zyprische Kooperation bei der Exploration der Vorkommen und dem Aufbau eines hochmodernen Flüssiggas-Terminals für Schiffe auf Zypern. Doch die aktuelle finanzielle Lage Zyperns dürfte diese Zusammenarbeit bis auf Weiteres verzögern. Liel kommentierte: „Zypern kollabiert wirtschaftlich. Israel hat verstanden, dass es seine Exportpläne nicht mit der Hilfe des Landes umsetzen kann.“

Eine Bestätigung von Seiten der Regierungen gibt es bislang nicht, doch deutete ein türkischer Offizieller bereits an, dass „nach der Normalisierung (…) eine echte Option (besteht), israelisches Gas in die Türkei zu transportieren“.

Die Türkei würde durch den Import von israelischem Gas profitieren, da sie so die eigene Energieversorgung zu wahrscheinlich günstigen Konditionen diversifizieren kann.

Für Israel bietet eine Pipeline in die Türkei ebenfalls eine lukrative Alternative zur bislang geplanten Kooperation mit dem griechischen Teil Zyperns. Da in der Türkei bereits eine Pipeline-Infrastruktur besteht, wäre der Transport in die Türkei erheblich billiger als nach Zypern. Das in die Türkei gepumpte Gas könnte von dort außerdem über weitere oberirdische Pipelines weiter nach Westeuropa transportiert werden.

Neben den Gasvorkommen im Mittelmeer sind für die Türkei auch die großen Rohstoffvorkommen des Nordiraks von Bedeutung. Gemeinsam mit dem US-Außenminister John Kerry kam kürzlich eine US-Delegation in die Türkei, um mit dem türkischen Energieminister unter anderem über die Situation im Irak zu sprechen.