screenshot HÖH Erdogan
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Als vor wenigen Wochen die deutsche Öffentlichkeit in einem ZDF Frontal 21-Beitrag den durch Vertreter der türkischen AKP kontrollierten, rockerähnlichen Osmanen-Germania-Boxclub kennenlernte, war noch nicht klar, dass es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs handelte. 

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Recherchen türkischer Investigativjournalisten und Aussagen von Experten beweisen, dass die Regierung Erdoğan vermehrt auf paramilitärische Organisationen setzt und in diese hohe Summen investiert. Ein neues Beispiel für diese politische Strategie ist die sogenannte „HÖH“.

von Zeynel Ali Canogul

Seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 herrscht in der Türkei Ausnahmezustand. Im Zuge des mehrfach verlängerten Notstands regiert der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan per Dekret. Sie haben Gesetzeskraft, sind bindend und vor Gericht nicht anfechtbar. Das letzte Notstandsdekret von Ende Dezember beinhaltete jedoch eine Neuerung, die heftig kritisiert wurde.

Erdoğans ehemaliger Weggefährte und Ex-Staatschef Abdullah Gül twitterte, das Dekret sei „problematisch“. Er hoffe auf eine Überarbeitung. Meral Aksener, Chefin der neuen oppositionellen Iyi-Partei, meldete sich ebenfalls via Twitter: „Das neue Dekret bedeutet, das Land in den Bürgerkrieg zu zerren“. Denn das Dekret besagt, dass Handlungen der Zivilbevölkerung gegen den Putschversuch und die „terroristischen Taten“ vom Juli 2016 sowie gegen „die Fortsetzungen oder putschversuchähnlichen Handlungen“ nicht mehr bestraft werden. Die AKP-Regierung und der türkische Staatspräsident hingegen sehen eine weitere Verschwörung von Feinden. Das Notstandsdekret beziehe sich ausschließlich auf die Putschnacht, so Erdoğan und Co. Die Kritiker wollen dem keinen Glauben schenken und vermuten hinter dem Dekret vielmehr ein Schlupfloch für loyale Paramilitärs und paramilitärische Strukturen?

Metin Külünk, Shisha-Bar und die Osmanen Germania

Der Istanbul-Abgeordnete der AKP, Metin Külünk, war zwischen 2013 und 2016 mehrere Monate in Deutschland und in seinen Nachbarländern unterwegs. Der langjährige Erdoğan-Vertraute hat tausende Türken in der Diaspora getroffen, sie auf einen Tee, manche Jugendliche auf eine Wasserpfeife eingeladen und mit ihnen auf Augenhöhe kommuniziert. Mit dieser persönlichen Nähe wurde er vor allem durch die Jugend als der „Große Bruder Europas“ bezeichnet. Sein Einfluss breitete sich täglich aus. Er gründete eine eigene Gefolgschaft, die auf die Anweisungen des „Großen Bruders“ sehnsüchtig warteten. Denn er war einer, den man persönlich kannte, mit dem Handy sofort erreichen konnte, der zugleich im Namen des geliebten türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan handeln und von einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft fabulieren konnte.

Je stärker Külünks Netzwerk wurde, desto selektiver trat er an die Jugend heran. In einer gemeinsamen Recherche der Stuttgarter Nachrichten und des ZDF-Magazins Frontal 21 kam schließlich heraus, dass Külünk über dieses Netzwerk Organisationen etablieren und koordinieren wollte; zum einen die AKP-Lobbyorganisation „UETD“ und zum anderen die gewaltbereite „Osmanen Germania“. Deutsche Ermittler deckten zudem einen Geldfluss zum Erwerb von Schusswaffen via Metin Külünk auf. Durch abgehörte Telefonate kam zudem heraus, dass Erdoğan in diese Kommunikationsabläufe via Metin Külünk zum Teil involviert war.

Osmanen Germania, „HÖH“ – Was noch?

Der große Aufschrei blieb dennoch aus. Külünk, der vermutlich im Vorfeld bereits gewarnt wurde, setzt seit mehr als eineinhalb Jahren keinen Fuß mehr auf euroäpischen Boden. Doch seine „kleinen Geschwister“ hat er nicht vergessen. Er schaltet sich zum Beispiel kurzerhand per Handy zu Kundgebungen und Protestmärschen zu und motiviert Gleichgesinnte. Recherchen von türkischen Journalisten haben nun eine weitere Struktur aufgedeckt. In einer Nachrichtensendung stellte der TV-Moderator Ahmet Hakan die sogenannte „HÖH“ vor. Auf Deutsch bedeutet das: „Die Spezialeinheit des Volkes“. Das Symbol „HÖH“ verbreite sich laut Kanal D wie ein Pilz in der gesamten Türkei. Die Inschrift „HÖH“ ist als Beschilderung von Büroräumlichkeiten zu sehen und auf Autos geklebt, die den Anschein erwecken, es handele sich dabei um eine alternative Polizei. Recherchen haben ergeben, dass die „HÖH“ von Fatih Kaya organisiert wird, einer Person, die noch vor wenigen Monaten mit extremistischen Milizen an der Front in Syrien kämpfte. In einem Video prahlte er: „Wenn wir als Mujahiddin an der Front kämpfen, fühlt es sich an wie ein Trancezustand“.

 

Fatih Kaya „HÖH“

„HÖH“ – Ein anerkannter Verein in der Türkei

Wer ist dieser Mann? Und was ist die „HÖH“? Sie wurde in der Türkei als offizieller Verein anerkannt und im Vereinsregister eingetragen. Nach Angaben von Experten hat die gewaltbereite Organisation bereits rund 7.000 Anhänger. Die Aussagen mancher „HÖH“-Vertreter sind durchaus beängstigend. „HÖH“-Anführer Kaya erklärte in einer Stellungnahme für seinen Verein, dass sie sich den Märtyrertod wünschen. Außerdem erklärte Kaya den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu ihrem inoffiziellen Anführer und zum Amir, dem Befehlsheer, der Gläubigen: „Solange der Amir der Gläubigen nicht befiehlt, auf die Straßen zu gehen, werden wir warten“.

Und obwohl Kaya für den Moment erklärt, dass sie warten werden, geben zahlreiche Mitglieder der sogenannten“HÖH“ über ihre Social Media Accounts zu, dass sie sich für alle Fälle bewaffnen. Einzelne Vertreter dieser Vereinigung haben vor laufender Kamera behauptet, dass die türkische Regierung von ihnen Bescheid wisse und ihre Organisation sowie ihre Handlungen begrüße.

Die Rolle von Sadat A.S. bei „HÖH“ und Osmanen Germania

Als der greise Adnan Tanriverdi im Zuge des Putschversuches in der Türkei zum erweiterten Beraterstab des türkischen Staatspräsidenten Erdogan berufen wurde, ahnten Kenner aus Sicherheitsbehörden nichts Gutes. Denn Tanriverdi,  jahrelanger Sicherheitsdienstleister mit internationalem Einfluss, wird seit mehreren Jahren vorgeworfen, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein. Der Unternehmer war einst Brigadegeneral im türkischen Militär und fiel schon in jungen Jahren für seine extremen Ansichten auf. Nach seiner Pensionierung war Tanriverdi Vorsitzender eines Vereins entlassener Armeeoffiziere namens ASDER. Schließlich gründete Tanriverdi am 28. Februar 2012 das Militärunternehmen Sadat A.S. Das Unternehmen sieht sich selbst als Sicherheitsdienstleister, das „die islamische Welt dabei (…) unterstützen [möchte], den verdienten Platz unter den Supermächten einzunehmen“.

Ein anonymer Experte aus türkischen Sicherheitskreisen, der aus familiären Gründen nicht namentlich auftreten möchte, erläutert gegenüber der DTJ-Redaktion, dass Tanriverdi durch die AKP-Regierung damit beauftragt worden sei, eine paramilitärische Einheit zu gründen, die heute den Namen Sadat trägt. Das eigentliche Ziel von Sadat und seinen Unterorganisationen sei es, in der Türkei eine parallele bewaffnete Macht zu etablieren. Sadat führe sogar Schulungen von extremistischen Milizen durch und stünde direkt mit dem türkischen Geheimdienst MIT in Kontakt. In diesem Rahmen existiere auch eine Verbindung von Sadat A.S. zu den Osmanen Germania und den „HÖH“-Strukturen. „Adnan Tanriverdi ist mit Metin Külünk sehr eng verbunden. Sadat hat für bestimmte Strategien für Europa die Osmanen Germania eingerichtet, die ja bekanntlich durch Külünk koordiniert und mit Geld gepumpt wird“.

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