Nach der Niederlage der Sowjets und deren Rückzug aus Afghanistan 1988 kehrten Teile der Mudschaheddin, die auch „afghanische Araber“ genannt wurden, in ihre Heimatländer zurück. Einige von ihnen wurden von den verschiedenen arabischen Regimen ihrer Heimatländer jedoch als Gefahr betrachtet und nach ihrer Rückkehr inhaftiert. Ein anderer Teil ging jedoch in die postsowjetischen Krisenregionen. Die salafistischen Kämpfer waren nun auf dem Balkan, im Kaukasus oder in Zentralasien vorzufinden, um mit Unterstützung Saudi-Arabiens den Djihad fortzusetzen.

In diesen Jahren gründete auch Osama bin Laden die al-Qaida. Der Irak-Krieg 1990-91 wurde für den politischen und djihadistischen Salafismus zum zweiten kritischen Wendepunkt. Nachdem Saddam Hussein in Kuwait einmarschiert war, stationierten die USA ihre Soldaten in Saudi-Arabien, um sie später im Irak gegen Saddam einzusetzen.

Auch viele führende Muslimbrüder, die in den fünfziger Jahren vor der Unterdrückung Gamal Abdel Nassars aus Ägypten geflohen waren, hatten sich in Saudi-Arabien niedergelassen. Viele von ihnen waren dort in den 1960er und 1970er Jahren als Lehrer tätig. Ihr Wirken bildete die ideelle Grundlage für den politischen Salafismus.

Die Stationierung von amerikanischen Soldaten im Land der heiligen Stätten des Islam hatte mehrere Auswirkungen. So diskutierten wahhabitische Theologen die Präsenz amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien, deren Ziel es war, ein anderes muslimisches Land – den Irak – anzugreifen. Das Ergebnis war, dass einige wahhabitische Theologen zu der Erkenntnis gelangten, dass man nicht mehr außerhalb der Politik bleiben könne.

Die wahre Bedrohung – die USA

Die beiden berühmtesten Vordenker dieser Überzeugung sind Scheich Salman al-Ouda und Safar ibn ʿAbd ar-Raḥmān al-Ḥawālī . Beide sind Schüler von Muhammed Quṭb, der bis zu seinem Tod im April dieses Jahres zu dem engen Führungskader der Muslimbrüder gehörte. Viele wahhabitische Prediger sahen die wahre Bedrohung nicht etwa als vom irakischen Regime ausgehend, sondern von den USA. Diesen gehe es eigentlich um die Unterstützung Israels, so die Argumentation. Die saudischen Gelehrten forderten in mehreren Veröffentlichungen, dass sich das saudische Königshaus nicht mehr an die USA anlehnen solle.

Anfang der 1990er Jahre gab es die ersten Angriffe in der Region auf amerikanisches Personal und US-Einrichtungen. Bin Laden erklärte den USA 1996 den Krieg. Mit dem Slogan „Amerika und Israel morden die schwächeren Muslime“ hatte bin Laden zwei Botschaften: Um Amerika aus dem Nahen Osten zu vertreiben, müsse Djihad geführt werden und Kollaborateure wie die Saudis müssten gestürzt werden. Der Aufruf, das saudische Regime zu stürzen, war eine weitere Bruchstelle zwischen dem djihadistischen Salafismus und dem Wahhabismus.

Der 11. September

Die Angriffe auf die amerikanischen Einrichtungen begannen und erreichten am 11. September 2001 mit einem Terrorakt ihren Höhepunkt, als mit entführten Flugzeugen das Herz Amerikas getroffen wurde. Mehrere tausend Menschen kamen dabei um, die Welt war unter Schock. Wie eine bis dahin weitgehend unbekannte Terrororganisation die Sicherheitsvorkehrungen der USA aushebeln und einen Anschlag dieses Ausmaßes verüben konnte, das beschäftigt auch über zehn Jahre nach den Ereignissen noch viele Menschen.

Die Drahtzieher von 9/11 hatten eine einfache Rechnung: Nur wenn die USA im Nahen Osten in einen Krieg verwickelt werden würden, können sie besiegt werden. Und Amerika folgte dieser Logik und besetzte zuerst Afghanistan, später auch den Irak. Den Krieg im Irak haben die djihadistischen Salafisten dankend und mit Lobgesängen auf Allah begrüßt. Weil die Amerikaner Saddam Hussein in sehr kurzer Zeit gestürzt hatten, befanden sie sich in einem Rauschzustand, aus dem sie erst erwachten, als sie nach einem eigentlich gewonnen geglaubten Krieg auf unerwarteten Widerstand stießen.

Al-Qaida kam mit den USA

Als die USA ihre Soldaten in hohem Maße aufgestockt und an die sunnitischen Stämme Hunderte Millionen Dollar an Schmiergeldern gezahlt hatten, wurde der Widerstand zwar schwächer – ganz erlosch er jedoch nie. Vor der Besatzung des Zweistromlandes durch die USA gab es im Irak keine al-Qaida. Nach dem Einmarsch der US-Invasionstruppen kam diese Terrororganisation ins Land und setzte sich in einigen Gebieten fest.

Die USA zogen 2011 ihre Soldaten aus dem Land ab. Im gleichen Jahr wandelten sich Bestrebungen in Teilen der syrischen Bevölkerung nach mehr Demokratie in einen blutigen Bürgerkrieg mit dem an der Macht festhaltenden Regime. Alle oppositionellen Kräfte in Syrien wurden anfangs vom Westen unterstützt. Der Konflikt hat bis heute kein absehbares Ende.

150 Jahre verfehlte Politik des Westens

Die Türkei ging mit vielen militanten Gruppen – einschließlich dem IS – sehr milde um: Dies war das jüngste große Geschenk an die djihadistischen Salafisten, die unter anderem auch vom Irak ins Nachbarland Syrien strömten. Der IS setzt auf puren Fanatismus. Zwei Faktoren haben ihn hervorgebracht: Die Staaten im Nahen Osten sind bei ihrer Modernisierung gescheitert. Der zweite Grund ist die seit 150 Jahre andauernde verfehlte Politik westlicher Mächte in der Region.

Es gibt kein einziges Land in der Region, das nicht von dem einen oder anderen westlichen Land angegriffen, unterdrückt oder besetzt wurde. Zudem spielen westliche Mächte auch bei den unzähligen Militärputschen eine unglückliche Rolle. Erinnern wir uns allein an die brutalen militärischen Eingriffe im 21. Jahrhundert: Der Krieg in Afghanistan, der Irakkrieg, die offene Unterstützung des Bürgerkrieges in Syrien, die Angriffe auf Libyen und den Tschad, der Libanonkrieg, die drei Militäroperationen Israels gegen den Gazastreifen und der Landraub in den besetzten palästinensischen Gebieten. Diese Liste, die nur die vergangenen 14 Jahre umfasst, ließe sich noch schier endlos fortsetzen. Krieg und Gewalt gliedern immer die moderaten Kräfte aus und stärken Extremisten und Radikale. Der IS ist nicht der Grund für Krieg und Gewalt, er ist dessen Resultat.

Was ist mit der pluralistischen Kultur passiert?

Vieles deutet darauf hin, dass das Erstarken des djihadistischen Salafismus unter diesem Namen kein vorübergehendes Phänomen bleiben könnte. Vieles spricht dafür, dass er ein dauerhaftes Phänomen bleiben wird und sich verbreiten kann. Es gibt zwar die These, dass die sunnitische Tradition im Irak und in Syrien nicht mit der wahhabitischen Doktrin, die eng mit der salafistischen Lehre verwoben ist, vereinbar ist. Aber die Geschichte belehrt uns eines Besseren: Im Wüstengebiet, das den Irak von Saudi-Arabien trennt, gibt es viele Stämme, die miteinander verwandt oder einander sehr nahe sind. Deswegen konnten die Saudis bei ihrer Ausdehnung in der Gründungsphase schnell bis ins südirakische Kerbala vordringen.

Und zweitens: Während der Osmanischen Herrschaft gab es in Mekka und Medina auch eine pluralistische Kultur, genauso wie in Damaskus und Bagdad. Was ist danach mit ihr passiert? Es gibt keinen plausiblen Grund, warum sich der Salafismus in Syrien und im Irak nicht etablieren sollte, wie es der Wahhabismus im 20. Jahrhundert auch auf der arabischen Halbinsel geschafft hat.

Der Artikel wurde auf Grundlage von Haluk Özdalgas Analyse zum IS erstellt. Özdalga ist parteiloser Abgeordneter im türkischen Parlament. Hier geht’s zu Teil eins.