Sarrazin sei Dank – Junge Türken bauen sich mentale Fluchtoption auf

Vor 2010 war er ein bloßer Nachname. Inzwischen ist er ein Sinnbild und gleichsam ein Synonym für Rassismus und die Wiederkehr alter Dämonen in das gesellschaftliche Leben Deutschlands geworden: Hier ist die Rede von dem Begriff „Sarrazin”, den der Ex-Bundesbank-Chef immer noch als Namen trägt.

Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab” im Jahre 2010 hatte er wegen seiner inakzeptablen und diskriminierenden Aussagen über in Deutschland lebende Türken und Araber die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Diese Form der Aufmerksamkeit sollte aber komplizierter und heikler ausfallen als der Autor vermutlich erwartet hätte, denn die Migranten türkischer und arabischer Herkunft waren schon lange nicht mehr lediglich die ungebildeten und schlecht integrierten Bürger des Landes, als die Sarrazin sie darstellen wollte, sondern durchaus an vielen entscheidenden Stellen durch starke Persönlichkeiten vertreten und die wussten sich zu wehren.

Zudem kam hinzu, dass die Vereinten Nationen im Ausschuss für Rassismusbekämpfung die Thesen und das Buch Sarrazins als eindeutig rassistisch qualifizierten. Nichtsdestotrotz ist zu erwähnen, dass Sarrazin mit seinem Buch die eigenen Kassen erheblich gefüllt hat – auf Kosten der Türken und Araber und auf Kosten des gesellschaftlichen Friedens. Aber die Konsequenzen für Deutschland selbst sollten sich erst später bemerkbar machen.

Dem Direktor der Stiftung Zentrum für Türkeistudien, Prof. Dr. Halil Uslucan, zufolge haben das Buch und die Debatte darüber eine noch nie dagewesene Masse an akademischen und sehr gut ausgebildeten Türken veranlasst, das Land gen Türkei zu verlassen und dort ein neues Leben anzufangen. Ab diesem Zeitpunkt hat man begonnen, sich in der fremden Heimat der Großeltern und Urgroßeltern eher zu Hause zu fühlen als in Deutschland, wo man aufgewachsen ist.

Rassistische Ausfälle und Ausgrenzung stärken emotionale Bindung an Heimat der Großeltern

Die emotionalen Spuren, die das Buch aus dem Jahre 2010 ausgelöst hatte, gingen offenbar viel tiefer, als man gedacht hätte, so der Psychologe Uslucan. Ihm zufolge habe bei der Entscheidung, in die Türkei auszuwandern, die gefühlte Ablehnung in der hiesigen Gesellschaft gegenüber dem sichtbar Fremden, für einen deutlichen Anteil der Auswanderer eine entscheidendere Rolle gespielt als die Lebensumstände und Annehmlichkeiten des Landes.

Für Uslucan ist klar: „Die wichtigsten Beweggründe sind bloße Gefühle”. Dennoch ließ der Leiter des Zentrum für Türkeistudien nicht unerwähnt, dass der Anteil der Türken, die es geschafft haben, sich in der Türkei ein neues Leben aufzubauen, bislang nur einen Bruchteil jener Teile der türkischen Gemeinschaft in Deutschland ist, die auch am liebsten gehen würden, die dies aber aus verschiedenen Gründen nicht können.

Laut Uslucan ist jene Gruppe von Türken, die zwar an keine gute Zukunft in Deutschland glauben und ihre Hoffnungen auf ein Deutschland ohne Ausgrenzung und Alltagsrassismus aufgegeben haben, aber gezwungen sind, hier in großer Unzufriedenheit weiterleben zu müssen, viel größer und wichtiger.

Gülay Kızılocak, eine Mitarbeiterin von Prof. Dr. Uslucan im ZfTI erwähnte, dass ihre Untersuchungen deutlich machen, dass sogar bei der vierten Generation der Türken in Deutschland die emotionale Bindung zum Herkunftsland der Eltern und Großeltern sehr stark erhalten ist. Auf diese Weise bauen sich türkische Jugendliche und erfolgreiche junge Menschen mit guter bis sehr guter Ausbildung schon früh innerlich eine Fluchtoption in die Türkei auf, die im Falle rassistischer Kränkungen sofort wahrnehmbar erscheint und den Betroffenen zunehmend in den Sinn kommt.