Ihr habt ein schlechtes Abiturzeugnis in der Hand und die Absagen von den Unis fliegen euch in diesen Tagen um die Ohren? Kopf hoch! Hier findet ihr eine Liste mit Möglichkeiten, unter denen ihr die passende für euch auswählen könnt. In einem Interview mit Timur Parlar, Bildungsberater und stellvertretender Projektleiter vom LernLaden Neukölln, sind wir der Frage nachgegangen, was man alles mit einem nicht so guten Abitur machen kann. „Nach dem Abitur stehen mehrere Möglichkeiten offen – auch mit einem schlechten Abitur“, äußert sich Parlar direkt am Anfang des Gesprächs.

„Eine Möglichkeit wäre, man geht studieren“

Ein Studium steht wahrscheinlich bei den meisten Abiturienten – unabhängig von der Abschlussnote – ganz oben auf der Agenda. Allerdings müsse man sich dabei drei Fragen stellen, so Parlar:

1. Möchte ich an einer Universität oder an einer Hochschule studieren?

2. In welcher Stadt / in welchem Land will ich studieren?

3. Gibt es für mich alternative zulassungsfreie Studiengänge?

4. Käme ein Warten in Frage?

„Der Numerus clausus (Abiturdurchschnitt, Anm. d. Red.) ist ein entscheidender Faktor, um die Aufnahme an eine Universität im Vorfeld einzuschätzen“, betont Parlar. An einer Fachhochschule lägen nämlich die NCs im Vergleich zu den Hochschulen nicht so hoch. Dies könne als erste Orientierungshilfe dienen. „Man kann aber auch schauen, wenn der NC zum Beispiel in Berlin zu hoch ist, dass man dann in anderen Städten oder aber auch Ländern studiert, denn wenn man in Berlin nicht aufgenommen wird, heißt es nicht, dass man auch in einer anderen Stadt oder in einem anderen Land aufgenommen wird“.

Wenn nun aber weder ein Studium in Inland noch im Ausland aufgrund des NCs möglich ist, könne man als Alternative sich den zulassungsfreien Studiengängen widmen. „Das heißt, man könnte, um mal ein Beispiel zu nennen: einen Bachelor in Informatik machen – da ist nämlich NC-frei.“ Für die einzelnen Universitäten gibt es im Internet eine Auflistung der zulassungsfreien Studiengänge, die man jedes Semester einsehen kann. Auf jeden Fall solle man nach Studiengängen suchen, die einem auch liegen. „Etwas, das einem gefällt, damit das auch zu den Stärken und Kompetenzen passt.“ Falls aber keine der oben erwähnten Fälle einen anspreche, könne man, je nach Durchschnittsnote, Wartesemester in Kauf nehmen. Diese können allerdings je nach Studiengang ein bis 20 oder mehr Semester in Anspruch nehmen.

„Die Ausbildung mit einem Abitur – das ist schon mal eine gute Sache“

Die zweite Möglichkeit sei die Ausbildung. „Die Ausbildung mit einem Abitur ist schon mal eine gute Sache. Und da kann das Abitur auch mal ein bisschen schlechter sein“, informiert Parlar. Mit dieser Voraussetzung komme es dann eher auf den Berufswunsch und auf die Fächer an, in denen man gut oder nicht so gut sei. Auch spiele die Nachfrage eine entscheidende Rolle. „Wenn man aber als Frau ein schlechtes Abi hat und in den technischen Bereich möchte, hat man relativ gute Chancen, eine Ausbildungsstelle zu finden“. Für größere Chancen in der Aufnahme zur Ausbildung könne man eigentlich nicht oft genug empfehlen, als Frau in technische Berufe zu gehen, versichert Parlar.

„Männliche Schüler haben hingegen in sozialen Bereichen größere Chancen. Zum Beispiel als Erzieher oder Krankenpfleger“. Bei der Erzieherausbildung müsse man zum Beispiel ein achtwöchiges Praktikum absolvieren und man hätte schon die Voraussetzung für diese Ausbildung. Da spiele die Note nur bedingt eine Rolle. Selbstverständlich gebe es ein Auswahlkriterium, aber mit einem Abitur und einem 8-wöchigen Praktikum würde man sich schon einen Ausbildungsplatz sichern, erklärt der langjährige Bildungsberater. Hierfür gebe es eine ganze Menge an Schulen in Berlin, sowohl staatliche als auch private. In den privaten Schulen fallen monatliche Gebühren von ungefähr 60 bis 100 Euro an. Diese Gebühren könnten aber gegebenenfalls vom Staat in Form von Schüler-BAföG übernommen werden. Dabei hänge die Höhe des Bafögs vom Einkommen der Eltern ab. Anders als das Studium-BAföG müsse das Schüler-BAföG nicht zurückgezahlt werden. Parlar fügt hinzu, dass diese Beispiele lediglich zwei aus Hunderten von Ausbildungsmöglichkeiten seien. Bei einer persönlichen Beratung könne man die Bandbreite hinsichtlich individueller Wünsche und Kompetenzen eingrenzen.

Der Freiwillige Dienst als Orientierungsweg

„Und wenn man sich nicht sicher ist, was man studieren oder als Ausbildung wählen soll, ist der Freiwillige Dienst der beste Orientierungsweg mit praktischer Auseinandersetzung des Berufs“. Dabei gebe es verschiedene Freiwillige Dienste: Das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und auch den Europäischen Freiwilligen Dienst (in dem man innerhalb Europas auch Auslandserfahrungen sammeln kann). Auch gebe es Freiwillige Dienste in den Bereichen Sport oder Kunst, das wüssten die Wenigsten. Parlar zufolge haben gerade Schüler mit Migrationserfahrung in den Freiwilligen Diensten sehr gute Chancen, weil sie unterrepräsentiert seien. „Es sind einfach viel zu wenige da“. Dabei erhalte man auch eine finanzielle Unterstützung. Dieser sei ein staatlich geregeltes Einkommen mit Krankenversicherung. Unter Umständen werde auch mal eine Wohnung zur Verfügung gestellt, wenn man das Jahr außerhalb der Stadt oder in einem anderen Land antritt. Aber das müsse man im Vorfeld mit dem Träger klären, denn das könne von Träger zu Träger variieren, empfiehlt Parlar, sich gründlich zu informieren.

Der Freiwillige Dienst bringe alles in allem nicht nur eine Orientierungsmöglichkeit, sondern auch Pluspunkte für den Lebenslauf. Das soziale Engagement für die Gesellschaft werde nämlich hoch geschätzt. Außerdem diene das Jahr in vielen Fällen auch als Praktikum, so auch im Fall der Erzieherausbildung.

Sprachkurse und Praktika

Für die Weiterentwicklung der eigenen Person und Erweiterung der Kompetenzen kämen Sprachkurse und Praktika in Frage. „Auch zur Orientierung und eventuellen Vorbereitung zum Studium sind Sprachkurse und Praktika sinnvoll“. Denn in einigen Studiengängen sind Praktika obligatorisch. Falls man dann noch aufgrund schlechten Durchschnittsnote ein bis zwei Semester oder auch länger zur Neu-Anmeldung an einer Universität oder für einen neuen Studiengang warten muss, wäre die Zeit sinnvoll ausgenutzt.

Übrigens

Die LernLäden in Berlin gibt es seit über 12 Jahren. Gefördert werden sie über die Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen aus Landes- und ESF-Mitteln, die Kofinanzierung der einzelnen LernLäden läuft über die lokalen Jobcenter. Spezialisiert haben sie sich in der Bildungsberatung zum Beispiel in Bezug auf Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und zu beruflicher (Neu-)Orientierung.

Das gute daran: Die Beratung ist individuell und kostenfrei! „Es gibt keine feste Prozedur. Die Anliegen der Ratsuchenden sind sehr komplex, so dass man sehr individuell und spezifisch auf die Situation eingeht“, garantiert Parlar. Auch würden verschiedene Wege aufgezeichnet und reflektiert. „Wenn die Entscheidung zum Studium feststeht, werden Studieninhalte und Chancen auf den Arbeitsmarkt näher erläutert“, erklärt er weiterhin. „Die Schüler können auch gerne hier einen Beratungstermin ausmachen – ob mit schlechtem oder gutem Abitur!“