Schon jedes dritte Kleinkind in Deutschland hat Migrationshintergrund

Gestern war ein besonderer Tag für die Migranten in Deutschland. Oder er hätte es zumindest sein können – wenn man denn gewusst hätte, dass die UNO vor zwölf Jahren den 18. Dezember zum Internationalen Tag der Migranten erklärte. 

Das Wort „Migration“ kommt aus dem Lateinischen – „migratio“ hat die Bedeutung: „(Aus-) Wanderung, Umzug“. Somit ist die Migration als die auf Dauer angelegte, beziehungsweise dauerhaft werdende räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes einer oder mehrerer Personen zu verstehen. Von internationaler Migration spricht man, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.

Wanderungsbewegungen sind meist dann zu verzeichnen, wenn eine Gesellschaft die Erwartungen ihrer Mitglieder nicht erfüllen kann. Räumliche Veränderung des Lebensmittelpunktes gab es dabei zu allen Zeiten. Eine besondere Stellung nahm sie ein, als die Menschen sesshaft wurden.

Als historisch folgenreiche Migrationsbewegungen sind unter anderem die Germanische Völkerwanderung aus dem Ostsee-Raum in das Gebiet des römischen Reichs (4. bis 7. Jahrhundert) zu nennen), aber auch die Ausbreitung der Araber Nordafrikas in das Gebiet des römischen Reichs (ebenfalls im 4. bis 7. Jahrhundert), die Ausbreitung der Araber in Nordafrika und Mesopotamien (7. bis 9. Jahrhundert), die Einwanderung der Ungarn nach Europa (10. Jahrhundert) oder der osmanischen Türken nach Kleinasien (13. Jahrhundert).

Diese Eroberungs- und Siedlungsmigrationen wurden übertroffen durch Migration während der industriellen Revolution zwecks Arbeitsaufnahme in neu entstandenen Industrien. Auch die Entwicklung von Massenverkehrsmitteln wie Eisenbahn, Dampfschiff, Autobus und Flugzeug trugen zur Erhöhung des Umfangs von Migration bei. Weitere Migrationsgründe waren die Flucht von Angehörigen ethnischer oder religiöser Minderheiten, die Entdeckung sowie Eroberung fremder Länder und Überseewanderungen. Länder wie die USA erhielten ihr dauerhaftes Gepräge erst durch die Einwanderung selbst.

Nordamerika immer noch beliebtestes Einwanderungsziel

Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung leben heute 150 Millionen Menschen weltweit als Migranten in einem Staat, der nicht ihre Heimat darstellt. Migranten bevorzugen als Einwanderungsziele an erster Stelle Nordamerika, an zweiter Westeuropa, an dritter die arabischen Golfstaaten und an vierter Stelle Australien. Hierbei ist nur die freiwillige Migration erfasst, die hohe Anzahl unfreiwilliger Migranten in Nachbarschaftsländer wegen politischer Krisen- und Kriegsereignisse bleibt bei dieser Zählung unberücksichtigt.

In West- und Mitteleuropa stellt die Bundesrepublik Deutschland das wichtigste Zielland der Migranten dar.

Die Migrationspolitik in Deutschland erlebte ihren Wendepunkt und begann sich spürbar zugunsten zu Gunsten der Migranten zu entwickeln, als das neue Staatsangehörigkeitsrecht im Jahr 2000 und das Zuwanderungsgesetz Anfang 2005 in Kraft trat. Die Migrationspolitik richtet sich seither nicht mehr nur an den Bedürfnissen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt aus. Mit anfänglichem Zögern begriff sich Deutschland nun auch als Einwanderungsland mit Pflichten und Rechten.

Anlässlich des gestrigen Internationalen Tages der Migration veröffentlichte das Statistische Bundesamt Daten hinsichtlich Anzahl der Migranten und Gründe der Migration: Jeder achte heutige Einwohner Deutschlands ist im Ausland zur Welt gekommen und innerhalb der letzten 60 Jahre nach Deutschland eingewandert.

10,7 Millionen Menschen aus 194 Ländern haben ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland. Die Mehrheit dieser Migranten kommt aus Europa (7,4 Millionen), die Hälfte davon aus den Mitgliedstaaten der Europäischen Union (3,5 Millionen). 1,4 Millionen Migranten leben seit über 40 Jahren in Deutschland. Die Zuwanderung der Hälfte aller Migranten (5,9 Millionen) vollzog sich zwischen 1990 und 2010. Trotz einer leicht rückläufigen Entwicklung nahm die Zahl der Zugewanderten seit 2010 wieder zu. 300.000 Menschen sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres nach Deutschland eingewandert.

Das Statistische Bundesamt weist auch auf die unterschiedlichen Motive der Zuwanderung hin: 1960 bis 1970 wanderten Menschen zum Zweck der Arbeitsaufnahme ein (sog. Gastarbeiter). In den 80er Jahren dominierten Migranten, die als Asylbewerber nach Deutschland kamen. 1990 bis 2000 stellten Deutschstämmige aus den früheren kommunistischen Staaten die Mehrheit der Zuwanderer nach Deutschland dar. Deutschland ist auch ein Land für Menschen, die vor Krieg flüchten. Diese Flüchtlinge kommen unter anderem vom Balkan, aus dem Irak, Iran, Afghanistan sowie aus den Staaten des Maghreb (vor allem Libyen und Tunesien) und der arabischen Welt (wie Syrien oder Ägypten).

Mehrsprachigkeit ist eine Investition in die Zukunft

Anlässlich des Internationalen Tages der Migranten unterstreicht die Präsidentin des Deutschen Bundesverbandes für Logopädie (dbl), Christiane Hoffschildt, die Bedeutung der Migration und Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Bereicherung. „Mehr als ein Drittel aller Vorschulkinder in Deutschland hat einen Migrationshintergrund und wächst in der Regel mehrsprachig auf. Dies ist eine große Bereicherung für die Gesellschaft, was leider noch viel zu selten erkannt wird“, so Hoffschildt. „Dennoch sind viele Menschen davon überzeugt, dass Kinder mit Migrationshintergrund erst einmal „ordentlich Deutsch“ lernen sollten. Dieser Forderung liegt der Irrtum zugrunde, dass Kinder, die zuerst ihre nichtdeutsche Muttersprache erlernen, im deutschen Bildungs- und Ausbildungssystem nicht erfolgreich sein können“, erklärt die dbl-Präsidentin.

Richtig sei, dass Kinder mehrere Sprachen hintereinander oder sogar gleichzeitig erlernen könnten. „Mehrsprachigkeit stellt in der Regel kein Problem dar, sondern kann sich sogar unterstützend auf die kognitive Entwicklung der Kinder auswirken“, so Hoffschildt. Kinder mit normaler Sprachentwicklung in ihrer Muttersprache hätten bis zum Zeitpunkt des Neuerwerbs des Deutschen in der Regel keine Probleme mit dem Zweitspracherwerb.

Eltern wird empfohlen, in jener Sprache mit dem Kind zu sprechen, die sie am besten beherrschen. Denn dadurch werden die Eltern zu einem guten Sprachvorbild und ihre Kinder sind in der Lage, ihre Gefühle auszudrücken. Besonders dadurch bauen Eltern eine enge Beziehung zu ihrem Kind auf. Diese Umstände bilden die wesentliche Grundlage für den Spracherwerb, so der Deutsche Bundesverband der Logopädie.

Auch Maria Böhmer würdigte den Internationalen Tag der Migranten und rief zu verstärkten Anstrengungen zum Aufbau eines Wir-Gefühls auf. „Unser Land wird zunehmend bunter. Schon jetzt kommt jedes dritte Kind unter fünf Jahren aus einer Zuwandererfamilie. Für den Zusammenhalt unseres Landes ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Migranten bei uns auch heimisch fühlen. Dies gelingt nur, wenn ihnen mit Offenheit und ohne Vorbehalte begegnet wird.“

Zusammenleben gelingt, wenn beide aufeinander zugehen

Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung betont dabei, dass das Gelingen des Zusammenlebens Aktivität auf beiden Seiten voraussetzt. „Die Botschaft lautet: Jeder in Deutschland ist unabhängig von seiner Herkunft wichtiger Teil unseres Landes. Alle sind aufgefordert, verstärkt Migrantinnen und Migranten, die bei uns Verantwortung übernehmen wollen, die Hand auszustrecken. Oft reicht schon ein kleines Zeichen: Die Einladung zum Straßenfest, das Angebot einer Fahrgemeinschaft oder die kurzfristige Beaufsichtigung der Kinder. Ein Wir-Gefühl entsteht nur, wenn man bereit ist, auf den anderen zuzugehen“, so Böhmer.

„Gefordert sind aber auch die Migrantinnen und Migranten selbst. An sie appelliere ich, sich mit ganzer Kraft mit ihrem Know-how und ihren kulturellen Erfahrungen einzubringen. Gestalten Sie aktiv die Zukunft unseres Landes mit! Nur wenn Einheimische und Migranten an einem Strang ziehen, lässt sich langfristig der Zusammenhalt in unserem Land sichern“ betonte Böhmer.

Der deutsche Kartograf und Demograf Ernest Georg Ravenstein fasst das Wort der Wanderung in zwei Worten zusammen: „Wanderung ist Leben und Fortschritt – Sesshaftigkeit ist Stagnation…“