„Schülerpaten Berlin e.V.”: Projekt für arabische Kinder in Berlin

INTERVIEW Menschen, die schon einmal in einem anderen Land gelebt haben, wissen, wie schwer die erste Zeit in der neuen Heimat sein kann. Wer jetzt auch noch Kinder hat, die in einem neuen Schulsystem zurechtkommen müssen, braucht vor allem eines: jemanden, der seine Fragen beantwortet. Viele der Migranten in Deutschland werden, einmal in Berlin, Köln oder Stuttgart angekommen, mit ihren Problemen und Fragen alleine gelassen, obwohl gerade die Anfangszeit die Weichen für die Zukunft ihrer Familien in Deutschland stellt.

Das DTJ stellt einen Berliner Verein vor, der ein Konzept entwickelt hat, durch Nachhilfe für arabische Kinder deren Familien zu erreichen und diese durch den engen Kontakt mit ehrenamtlichen „Schülerpaten“ (www.schuelerpaten-berlin.de, https://www.facebook.com/schuelerpaten.berlin.e.v) mit Deutschland vertraut zu machen. Der Student Karim El-Helaifi ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des mehrmals ausgezeichneten Vereins „Schülerpaten Berlin e.V.“.

Herr El-Helaifi, warum engagieren Sie sich bei Schülerpaten Berlin?

Meine Mutter ist Deutsche und Katholikin, mein Vater Ägypter und Muslim. In meiner Familie war das nie ein Gegensatz. Ich habe die öffentliche Diskussion über die Frage „Was oder Wer bist du?“ nie verstanden. Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, diesen Geist meiner Familie nach außen zu tragen.

Ihr Verein wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Was zeichnet ihn aus?

Es gibt viele Patenschaftsprojekte in Berlin. Wir haben ein neues Konzept speziell für Kinder mit Migrationshintergrund entwickelt. Teil dieses Konzeptes ist es, ins direkte Umfeld der Kinder zu gehen. Wir beabsichtigen den Kindern nicht einfach nur Nachhilfe zu geben, sondern wollen ihre Bildungschancen insgesamt verbessern und den Kulturaustausch fordern. Wir konzentrieren uns bei der Patenschaft auf drei wesentliche Aspekte.

Die Nachhilfe soll den Kindern natürlich in den einzelnen Schulfächern helfen. Jedoch ist der Effekt weitaus größer. Durch die wöchentliche Nachhilfe des Paten mit dem Kind entsteht eine enge persönliche Bindung, auf Grundlage derer die Kinder viel mehr lernen können. Für viele Kinder aus arabischen Familien stellt sich beim Thema Schule als allererstes die Frage: Wie lerne ich überhaupt richtig? Wie kann ich mich konzentrieren? Wie organisiere ich mich? Der Pate ist oft Vorbild und führt die Kinder an diese Lerngrundlagen heran.

Ein zweiter ganz wichtiger Punkt ist, dass die Nachhilfe bei der Familie des Schülers oder der Schülerin zu Hause stattfindet. Dadurch wird die gesamte Familie in den Prozess eingebunden. Der Pate kann so Ansprechpartner für die Eltern sein, denen das deutsche Schulsystem oft unverständlich und unbekannt ist. Als Mittler zwischen Schule, Kind und Eltern kann der Pate, der ja selbst dieses Schulsystem durchlaufen hat, auch den Eltern helfen, die Situation ihrer Kinder besser zu verstehen. Da die Patenschaft mindestens ein Jahr dauert, entsteht so auch zu der Familie eine persönliche Beziehung und ein Vertrauensverhältnis.

Der dritte Aspekt ist, dass der Pate oft der erste Deutsche ist, der sich freiwillig und nicht von einem Amt geschickt mit der Familie und ihren Problemen beschäftigt, und der ihnen stets zugewandt ist. Impliziert vielleicht, dass wir Ämter nicht gut finden. Was ja eigentlich nicht der Fall sein muss.

Auch der Pate lernt durch die Zeit in der arabischen Familie deren Kultur und Religion kennen. Beide Seiten, die Familien, aber auch die Paten, betreiben oft ohne es anfangs zu merken, Kulturaustausch, Vorurteilsabbau und Nachhilfe in einem. Oft entstehen zwischen den Paten und den Familien Freundschaften. Ich kenne Paten, die wurden zu Hochzeiten eingeladen und sind praktisch zu einem Teil der Familie geworden.

Diese Begegnung ist so ein einfacher Schritt, aber sie bewirkt so viel. Es ist eine Win-Win-Situation. Die Paten werden Experten in Sachen arabischer Kultur und Islam und das strahlt auch auf ihr deutsches Umfeld aus. Das Bild, das in den Medien über den Islam oder „den Migranten“ gezeichnet wird, ist oft sehr negativ besetzt.

Gerade in Berlin gibt es etliche Migrantengruppen mit spezifischen Problemen und Erwartungen. An wen richtet sich Ihr Projekt?

Wir betreuen arabische Familien. Viele der arabischen Familien sind in der ersten oder zweiten Generation in Deutschland, oft haben die Eltern einen Flüchtlingsstatus und werden daher vom Staat deutlich weniger finanziell unterstützt. Gleichzeitig haben viele arabische Familien aber viele Kinder. An teure Nachhilfe für jedes einzelne Kind ist da meist nicht zu denken. Dort knüpfen wir an.

Ein anderes Problem ist, dass die Familien oft mit ihren Fragen und Problemen komplett allein gelassen werden. Selbst ein Tourist, der nur einige Tage in einem neuen Land ist, braucht einen Fremdenführer. Wie soll eine Familie in einem fremden Land dann ohne Hilfe zurechtkommen? In den Familien besteht großes Interesse über die deutsche Lebensweise. Durch die Kontinuität der Patenarbeit können sehr viele Fragen beantwortet und Ängste abgebaut werden. Das Projekt wurde 2009 gestartet, der Verein Schülerpaten Berlin e.V. wurde im Juli 2010 gegründet. Seitdem wurden über 250 Patenschaften vermittelt. Da das Konzept sehr wirkungsvoll ist und wir sehr positive Reaktionen der Paten und der Familien bekommen, wollen wir es auf andere Einwanderergruppen und Gebiete in Deutschland übertragen.

Das Projekt Schülerpaten setzt wichtige Zeichen in Sachen Integration. Die öffentliche Debatte wurde in der Vergangenheit jedoch oft von sehr kritischen Stimmen geprägt, die den muslimischen Migranten nicht selten Integrationsverweigerung vorwerfen. Was ist Ihre Meinung zu dieser Debatte?

Die erste und natürlichste Reaktion eines Menschen in einem neuen Land ist es, sich etwas Vertrautes zu suchen – Speisen, Geschäfte und nicht zuletzt die Sprache. Was in der öffentlichen Debatte oft nicht verstanden wird ist, dass Integration ein beidseitiger Prozess ist. Die Gesellschaft und die Migranten haben damit auch eine gemeinsame Verantwortung. Unser Verein ist entstanden, weil arabische Mütter sich an eine Beratungsstelle gewandt haben, um für ihre Kinder Nachhilfe zu erwirken. Die Forderung nach Bildung und die Bereitschaft etwas dafür zu tun kam also aus der arabischen, angeblich integrationsverweigernden Community.

Was wir jedoch beobachten ist, dass viele Familie in ihrer Heimat nicht unbedingt streng leben, hier jedoch eine Angst entwickeln ihre Identität zu verlieren. Deshalb werden kulturelle und religiöse Regeln teilweise strenger durchgesetzt als in der Heimat. Viele Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich in Deutschland nirgends repräsentiert. Viele haben das Gefühl, man definiert sich in Deutschland lediglich über Unterschiede. Eigene Rituale und Bräuche werden wichtiger, um die eigene Identität im neuen Land zu behaupten.

Wer kann Pate werden?

Im Prinzip kann jeder Pate werden. Eine Bedingung ist, dass die Paten Deutsch sprechen. Pädagogische oder kulturelle Vorkenntnisse braucht man nicht, denn wir bieten für unsere Paten Seminare wie etwa „Islam im Alltag“ an, um kulturellen Fettnäpfchen vorzubeugen und unsere Paten weiterzubilden. Wir wollen, dass die Kulturen einander begegnen.

Wie sieht der Plan für die Zukunft aus?

Wir starten gerade ein Schülerpaten-Projekt im Ruhrgebiet und möchten eine Dachorganisation zur Koordination und Finanzierung gründen, weil uns Nachhaltigkeit sehr wichtig ist. Bei unserer Arbeit sind wir immer auf ehrenamtliche Paten und Förderer angewiesen. Wir freuen uns über jede Art von Unterstützung.