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Die Talfahrt der Lira geht weiter. Fast 20% hat die türkische Währung seit Beginn des Jahres gegenüber dem US-Dollar eingebüßt, sodass ein Dollar momentan 2,92 Lira wert ist (Stand 19.08., 14.30 Uhr). Damit hat die Türkische Lira in diesem Jahr nach dem brasilianischen Real die zweitschlechteste Währungsentwicklung unter den Schwellenländern vorzuweisen und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Als Grund wird zur Zeit vor allem die politische Instabilität der Türkei gesehen, die ohne legitimierte Regierung inmitten wachsender Sicherheitsprobleme auf Neuwahlen mit ungewissem Ausgang zusteuert – eine Atmosphäre, die wie dafür gemacht ist, Investoren abzuschrecken. „Die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen hat Investoren dazu veranlasst, die Lira zu verkaufen. Nachdem Premierminister Ahmet Davutoğlu letzte Woche bekanntgab, dass es keine Koalitionsregierung zwischen der AKP und der CHP geben werde, wurde die Lira zur meistverkauften Währung eines Schwellenlandes“ fasst der Investmentspezialist der Türkischen Wirtschaftsbank TEB Işık Ökte die Lage zusammen.

Doch auch allgemein haben aufstrebende Entwicklungsländer wie Brasilien, China, die Türkei und Indien momentan mit schwierigen Umständen zu kämpfen. Laut einer Studie von NN Investment Partners wurden in den letzten 13 Monaten eine Billion US-Dollar aus den Märkten der großen Entwicklungsländer abgezogen; ein Trend, der sich ebenfalls in Zukunft fortsetzen werde.

Wirtschaftsminister Zeybekçi: „Entwicklungen kein Grund zur Sorge“

Wirtschaftsminister Nihat Zeybekçi hingegen beunruhigt die aktuelle Entwicklung anscheinend nicht. Auf einer Versammlung in Istanbul sagte er, angesichts der allgemeinen Schuldenlage der Türkei sei der Verfall der Lira „kein Grund zur Sorge“. Die Währungskrise könne zwar Unternehmen mit Einnahmen in Lira und Schulden in ausländischen Währungen (was auf einen großen Teil der türkischen Unternehmen zutrifft) schaden. „Aber es gibt nichts, worüber man sich momentan in der Türkei Sorgen machen müsste…. Wir müssen uns beruhigen. Die Märkte werden ihre Balance finden. Auch wenn Unternehmen, die eine solche Balance nicht herstellen können, Schaden nehmen könnten, glaube ich, dass die Situation vorübergehend ist“ so Zeybekçi zur Nachrichtenagentur Reuters.

Die Türkische Zentralbank hat sich bisher gegen einen Eingriff zur Stabilisierung der stürzenden Landeswährung entschieden und die Zinssätze nicht angehoben. Gleichzeitig stagniert die Arbeitslosenrate seit langem auf hohem Niveau. Am Montag veröffentlichte die türkische Statistikbehörde TÜIK die offiziellen Arbeitslosenzahlen vom Mai. Im Vergleich zum Vormonat waren sie um 0,3 Punkte auf 9,6% leicht gefallen, aber dennoch ein halbes Prozent höher als im Mai des Vorjahres.

„Noch ist die Entscheidung über Neuwahlen nicht endgültig gefallen. Laut Verfassung ist eine Koalitionsregierung theoretisch noch möglich. Mit dem bestehenden Führungsverständnis wird die türkische Wirtschaft Gefangener der Ungewissheit“ beschreibt der Wirtschaftsexperte der türkischen Tageszeitung Zaman Selim Işıklar die aktuelle Lage.

Ruft Staatspräsident Erdoğan Neuwahlen aus, so wird eine Übergangsregierung gebildet werden, die aus allen vier im Parlament vertretenen Parteien paritätisch zusammengesetzt ist. Eine solche Regierung, an der auch die ideologischen Erzfeinde MHP und HDP vertreten sind, wäre alles andere als handlungsfähig. Zudem hat die MHP bereits erklärt, dass sie einem solchen Modell nicht zur Verfügung stehen würde, weil sie sich einer Zusammenarbeit mit der HDP kategorisch verweigert. Eine komplett paralysierte Regierung würde jedoch erst recht den Trend beschleunigen, dass Investoren ihr Geld aus der Türkei abziehen. Die Aussichten für die nächsten Monate sind also schlecht.