Sedat Peker rechnet mit dem "Tiefen Staat" in der Türkei ab. Quelle: Screenshot/YouTube

Aus seinem in Dubai vermuteten Exil meldet sich die auf der Flucht befindende türkische Unterwelt-Größe seit einigen Tagen mit brisanten Videobotschaften zu Wort, das neueste folgte an diesem Wochenende. Er fühlt sich verraten und kündigt an, weiter auszupacken. Vor allem über den sogenannten „Tiefen Staat“ in der Türkei, der allem Anschein nach sehr großen Einfluss auf die Regierung ausübt.

Abrechnung statt Rachefeldzug: „Für die Wahrheit lege ich meine beiden Finger ins Spiel“

In den ersten beiden Videos aus Dubai inszeniert Sedat Peker einen Feldzug gegen Mehmet Ağar. Dabei handele es sich nicht um Rache, sondern um eine Abrechnung. Über den sogenannten Tiefen Staat macht sich Peker lustig. „Wir werden sehen, wie tief ihr wirklich seid“, stellt er die Macht von Ağar grundsätzlich in Frage. Er sei seit seiner Jugend inmitten dieser Strukturen groß geworden, habe aus nächster Nähe mitbekommen, welche Taten passiert seien. Diese werde er nun ganz detailliert und dezidiert offenlegen. Viele hätten ihn auf seine Vernunft angesprochen. Doch Peker zeigt sich entschlossen: „Ihr habt euch den falschen vorgeknöpft. Manchmal muss man scheinbar den Leerlauf einlegen. Meine Vernunft habe ich in den Urlaub geschickt“.

Eins muss man Peker lassen. Seinen Worten lässt er Taten folgen. „Für die Wahrheit lege ich meine beiden Finger ins Spiel“, leitet er ein und fängt damit an, sensible Informationen zu leaken. Für seinen Pfand hat er eine Forderung an den Staat: „Seid investigativ. Meine Informationen reichen aus, um gegen die Verantwortlichen vorzugehen. Liege ich falsch, werde ich mir meine Finger abschneiden“.

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Streit zwischen Steakmann Nusr’et aka Saltbae und Tolga Ağar

Sezgin Baran Korkmaz, Mehmet Ağar, Tolga Ağar und dessen Freundin, Emir Sarıgül, Selim Taşdemir und der Fahrer von Sarıgül. Diese und weitere zwei Namen von Polizeidirektoren nennt Sedat Peker im Zusammenhang eines Skandals, der kurz in der türkischen Medienlandschaft aufploppte, bevor er wieder vergessen wurde. Laut Peker soll sich Tolga Ağar mit seiner Freundin in der Villa von Emir Sarıgül, Sohn von Mustafa Sarıgül, in Istanbul-Beykoz getroffen haben. Unweit der Villa von Mustafa Sarıgül wohne auch Tolga Ağars Vater Mehmet Ağar. Bei dem Treffen sei exzessiv Kokain und Alkohol konsumiert worden.

In diesem Rausch sei es zu einem Streit gekommen, nachdem die Freundin von Tolga Ağar davon berichtet habe, wie Nusr’et sie bedrängt habe. Der entfesselte Ağar habe daraufhin die Social-Media-Berühmtheit angerufen. Doch entgegen seiner Erwartung habe der Steakmann den Abgeordneten schwer beleidigt. In Rage habe Ağar dann mit seiner Pistole umher geschossen. Auf den Lärm hin hätten sich Sezgin Baran Korkmaz und Mehmet Ağar in die Villa begeben. Kurze Zeit darauf sei auch die Polizei aufgetaucht. Diese wollte einen Abdruck von den Händen machen, um ballistisch festzustellen, wer geschossen hatte. Doch mit seinem Einfluss habe Mehmet Ağar das verhindert. Die Schuld habe der Fahrer von Emir Sarıgül auf sich genommen. Tolga Ağar ist ein Prototyp, denn als AKP-Abgeordneter aus der Provinz Elazığ und Sohn von Mehmet Ağar ist er mit einer Extra-Portion Unantastbarkeit privilegiert. Personen wie der Fahrer von Mustafa Sarıgül-Sohn Emir indes nicht.

Peker und sein Zeigefinger

„Ich fordere Drogentests, ob diese besagten Personen an jenem Tag Kokain genommen haben oder nicht und ich will Telefondaten, ob besagte Personen an dem Tag zu der Uhrzeit alle gemeinsam an einem Punkt gewesen sind oder nicht und stelle hierfür in Aussicht, dass ich mir meinen Zeigefinger abschneiden werde, wenn ich mit meinen Behauptungen daneben liege.“ Die Ausführungen Pekers machen hellhörig. Denn noch vor wenigen Wochen machte in der Türkei der Fall von Kürşat Ayvatoğlu und seinem Kokain-Konsum Schlagzeilen, besonders dessen Kessheit, die Szene allen Ernstes als „Puderzucker durch die Nase“ darzustellen.

Später entschuldigte sich Ayvatoğlu für sein Verhalten, zeigte Reue und wollte seine Partei vor seinem „individuellen Fehler“ in Schutz nehmen. Doch Tuğrul Selmanoğlu etwa, UID-Vorstandsmitglied und bekannter AKP-Influencer aus Deutschland, machte in einer Video-Botschaft klar, dass Ayvatoğlu nicht der einzige faule Apfel in den eigenen Reihen sei. Überall da, wo er auftrete, stoße er auf solche Typen. Sie stünden nicht für die Sache der AKP gerade. Ihnen gehe es ausschließlich um Macht, Ruhm und Reichtum. Dass offenbar auch ein AKP-Abgeordneter und mutmaßlicher Mörder im Kokain-Rausch zu weitaus schrecklicheren Dingen im Stande ist, wird den Erdoğan-Anhänger kaum unberührt lassen.

Mutmaßlicher Mord an einer Kirgisin: „Alle wissen Bescheid, das ist der eigentliche Skandal“

Damit nicht genug. Sedat Peker erinnert an einen Fall, der in der türkischen Öffentlichkeit nur sehr kurz behandelt und dann wieder vergessen wurde. Dabei handelt es sich um den mutmaßlichen Mord an der 18-Jährigen Kirgisin Yeldana Kahraman im Herbst 2019. Die junge Frau hatte zuvor Strafanzeige gegen Tolga Ağar erstattet. „In dem Bericht der Polizei ist die Rede von Belästigung, aber es war Vergewaltigung. Belästigung ist die abgemilderte Form von gewaltsamer Vergewaltigung“, so Peker. Anschließend habe Tolga Ağars Vater Mehmet Ağar seinen Sohn mit dem Helikopter abgeholt und einen Tag darauf, am 28. September 2019, sei die Frau in Elazığ tot aufgefunden worden. In dieser Angelegenheit zeigt sich Peker sogar selbstkritisch. Er erinnert an seine Aussage in vorigen Videos, dass er für seine Töchter die ganze Welt in Schutt und Asche legen würde. Doch in diesem Fall der einsamen jungen Frau hätten alle geschwiegen. „Der eigentliche Skandal ist, dass alle Bescheid wussten und keiner etwas gesagt hat“.

Peker und sein Mittelfinger

Seine Akte sei inhaltslos, so Peker. Doch die sogenannte Pelikan-Gruppe würde in den türkischen Medien ein Image erzeugen, als wäre sie voller Morde und Drogendelikte. Hingegen höre man die Telefonate des gegen ihn ermittelnden Staatsanwalts ab. Auch dies sei an die Öffentlichkeit geraten. Damit wolle Mehmet Ağar den Druck auf die Staatsanwaltschaft erhöhen und Eventualitäten ausschließen. Doch auch Peker übt Druck aus. Dafür, dass seine Akte keine belastbaren Belege beinhalte, setze er seinen Mittelfinger als zweiten Pfand ein.

Vor diesem Hintergrund kritisiert Peker erneut die Regierung um den Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Zwar könne man nicht erwarten, dass Erdoğan selbst Drogenfahndungen betreibe. Dann erinnert Peker an ein einstiges Vorhaben des Präsidenten. „Wusstet ihr, dass Istanbul weltweit auf Platz zwei der Städte liegt, in der die meisten Drogen konsumiert werden? Adana belegt Platz drei. Ich dachte, wir wollen eine religiöse Generation heranziehen“, klagt Peker indirekt Erdoğan und die Regierungskoalition aus AKP und MHP an. Knapp fünf Tonnen für die Türkei bestimmtes Kokain seien letztens in Mexiko beschlagnahmt worden. Als Empfänger sei eine Chemie-Firma genannt worden, die Mehmet Ağar und anderen Personen aus AKP-Kreisen gehöre.

Legt Peker noch weitere Morden offen?

Peker wirft der Regierung vor, trotz der schweren Vorwürfe nichts gegen die besagte Empfänger-Firma unternommen zu haben. „Warum tut ihr nichts? Uns hättet ihr für eine falsche Rechnung bei 4,9 Tonnen Bulgur belangt. Wir reden hier von 4,9 Tonnen Kokain! Aber die Drogenfahndung schickt ihr zu mir. Bei Gott, ich kann das nicht verstehen.“ Der Staat habe sich zum Spielball des „Tiefen Staates“ gemacht.

Wie geht es jetzt weiter? Peker will in weiteren Videos über mutmaßliche Morde von Mehmet Ağar reden. Dass er sich vor seinen Gegnern nicht restlos in Sicherheit fühlt, verdeutlicht Peker mit einem weiteren Buch auf seinem Glastisch. Es behandelt das Leben von Leo Trotzki, einem russischen Revolutionär und Kommunisten, der 1940 im mexikanischen Exil durch einen sowjetischen Agenten ermordet wurde.