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Hitlers ‚Mein Kampf‘ soll 2016 wieder erscheinen. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) will eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe des Buches herausbringen.

‚Mein Kampf‘ ist den meisten Menschen in Deutschland aus der Schulzeit bekannt. Hitler hatte das Buch in den Jahren 1924-25 geschrieben. In Deutschland wurde das Buch nach der Machtergreifung der Nazis zur staatlich verbreiteten Schrift des Regimes, millionenfach wurde es an neu verheiratete Paare verteilt. Bis 1945 soll das Buch 12 Millionen Mal verkauft und in 18 Sprachen übersetzt worden sein, darunter auch Türkisch. Die Übersetzung ins Türkische fällt ins Jahr 1939.

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Mit dem verlorenen Weltkrieg änderte sich die Situation auch für Hitlers Kampfschrift. Die Alliierten übertrugen die Urheberrechte an den Freistaat Bayern. Dieser verbot den Druck des Buches in Deutschland. Man befürchtete von einem Buch aus der Hand eines Massenmörders, dass es schlechte Auswirkungen haben könnte. Im deutschsprachigen Raum hielt man sich an das Verbot. Jedoch nicht in anderen Ländern.

Türkei 2005: ‚Mein Kampf‘ verkauft sich über 100.000 Mal

So wurde das Buch in den USA, in den arabischen Ländern, in der Türkei gedruckt.

Es hatte auch für mich etwas Anziehendes, so wie eben fast alles Verbotene Interesse weckt. Während eines Aufenthalts in der Türkei sah ich das Buch, das dort unter dem minder aggressiven Titel ‚Kavgam‘ erschien, zwischen den Waren eines Basarhändlers und kaufte es mir. Der Kauf, Verkauf oder Besitz des Buches war auch nach deutschem Recht nicht verboten (Urteil des Bundesgerichtshofes von 1979).

Das Buch, das in den arabischen Ländern ein Longseller ist, hatte auch in der Türkei eine gute Zeit. 2005 schaffte es sogar in die Liste der meistverkauften Bücher. Ende 2004 hatten fast gleichzeitig 15 türkische Verlage das Buch auf den Markt gebracht. Sie unterboten sich gegenseitig in den Verkaufspreisen, sodass das Buch sehr günstig erworben werden konnte. Die Verkaufszahlen werden für das Jahr 2005 auf 100.000 geschätzt. Die Welle hielt bis 2007, dann setzte sich der Freistaat Bayern durch und ließ den Vertrieb des Buches auf türkischem Gebiet unterbinden.

Gründe für die hohen Verkaufszahlen

Gründe für die hohen Verkaufszahlen gibt es viele. Nationalismus ist ein Faktor, der Anti-Amerikanismus, der nach dem Irak-Krieg eine Hochphase in der Türkei erlebte. Man erinnere sich nur an die erniedrigende Behandlung von türkischen Soldaten und die Überstülpung von Säcken über ihre Häupter im Irak. Die Anti-Israel-Haltung sowie das Leid der Palästinenser ist ein weiterer Faktor. Mit seiner öffentlichen anti-israelischen Position hat auch der derzeitige türkische Staatspräsident viele Sympathien in der Türkei gewonnen. Leider erfährt dadurch auch der Antisemitismus an Aufwind. Wieder andere flüchten gern in Verschwörungstheorien, manche träumen von einem starken Land, das auch wirtschaftliche Beziehungen ins Ausland nicht nötig hat. Das Leid unter Hitler wird kaum nachempfunden.

Dabei war die Türkei traditionell kein antisemitisches Land. Im 15. Jahrhundert bot man spanischen Juden Zuflucht. Es gab aber auch Zeiten in der türkischen Geschichte, in denen man sich nicht unbedingt mit Ruhm bekleckerte. Die Behandlung der Flüchtlinge auf dem Schiff Struma, das 1942 am Ende von einem sowjetischen U-Boot im Schwarzen Meer versenkt wurde, gehört dazu. Über 740 jüdische Flüchtlinge fanden damals den Tod. Die Türkei ließ sie nicht an Land. Soweit zur Geschichte.

Als ich ‚Mein Kampf‘ las…

Als ich ‚Mein Kampf‘ las, stellten sich bei mir zwei unterschiedliche Gefühle ein. Zum einen war ich enttäuscht. Es hielt nicht, was es versprach. Zum anderen war ich aber überrascht. Ich war überrascht, wieso die Massen Hitler hinterherliefen, später aber sagen konnten, sie hätten nichts gewusst. Denn Hitler schrieb in dem Buch alles nieder, was er später Stück für Stück umsetzte, schwarz auf weiß: Feldzüge nach Frankreich und Russland, Anschluss Österreichs an Deutschland, Eugenik und Rassenlehre sowie die Verfolgung und Ausrottung der Juden. Der Mann kam nicht mit einer geheimen Agenda an die Macht.

Eberhard Jäckel schrieb bereits 1981: „Selten oder vielleicht tastsächlich nie in der Geschichte hat ein Herrscher, ehe er an die Macht kam, so genau wie Adolf Hitler schriftlich entworfen, was er danach tat. Nur deswegen verdient der Entwurf Beachtung. Andernfalls wären die frühen Aufzeichnungen, die Reden und die Bücher, die Hitler verfasste, höchstens von biographischem Interesse. Erst die Verwirklichung erhebt sie in den Rang einer historischen Quelle.“

Was uns ‚Mein Kampf‘ heute sagen könnte

Geht von dem Buch Gefahr aus? Ich glaube kaum. Das Buch könnte vielmehr zur Aufklärung beitragen, wenn es zeigen kann, wie verführbar Menschen sein können und wie gefährdet die Demokratie in Wirklichkeit ist. Dass sie heute für uns normal, ihr Funktionieren aber nicht unbedingt etwas Selbstverständliches ist.

Hitler ist Geschichte, die Verführbarkeit der Menschen aber nicht. Sie ist sowohl Geschichte, als auch Gegenwart, als auch Zukunft.

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