Der jüngste Sohn des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, Bilal Erdoğan, ist mit seiner Familie nach Italien gezogen. Das hat er heute Morgen in einer Pressemitteilung bestätigt.

Das brisante daran:
Bereits am Sonntag hatte der berühmt-berüchtigte, aber weiterhin anonyme Whistleblower Fuat Avni, der seit Anfang 2014 regelmäßig Interna aus dem engsten Kreis um Recep Tayyip Erdoğan veröffentlicht, behauptet, dass sich Bilal Erdoğan auf Anweisung seines Vaters nach Italien abgesetzt habe. Grund dafür sei die aktuelle Lage in der Türkei: Vater Erdoğan rechne mittlerweile damit, dass seine politische Karriere mit den Neuwahlen am 1.November ein jähes Ende finden könnte, so das Twitter-Phänomen. Internen Berichten und der Einschätzung von Juristen zufolge soll die Möglichkeit bestehen, dass sich Recep Tayyip Erdoğan im Falle einer Wahlniederlage der AKP und des Verlustes der Alleinherrschaft der Partei relativ schnell vor Gericht wiederfindet. Hauptanklagepunkt wäre dann laut Avni Landesverrat, wobei ihm vor allem die Eingeständnisse gegenüber der PKK im vor gut zwei Monaten beendeten Friedensprozess zum Verhängnis werden würden. Diese hätten es der Terrororganisation ermöglicht, sich neu zu bewaffnen und aufzustellen, was zu ihrer jetzigen Stärke geführt habe.

Deshalb habe er seinen Sohn angewiesen, sich mit „viel Geld“ und bewaffnetem Schutzpersonal mindestens bis zum 1. November nach Italien abzusetzen, damit andere Familienmitglieder im Notfall nachreisen könnten. Erneut wartete Fuat Avni dabei mit Details auf: So habe es Probleme mit den italienischen Behörden gegeben, weil es laut itlaienischem Recht nicht möglich sei, als Privatperson bewaffnet einzureisen. Deshalb habe man Bilals Begleiter als Konsulatsangehörige angemeldet, um diese Regelungen zu umgehen. Laut Avni hält er sich seit dem 27. September in Italien auf. Organisiert werde der Plan vom derzeitigen Interimsaußenminister Feridun Sinirlioğlu.

Regierungsnahe Medien bestätigen Fuat Avni

Gestern veröffentlichten die Zeitungen Cumhuriyet und Sözcü Bilder Bilal Erdoğans, die ihn in Florenz mit einem Kinderwagen zeigen. In regierungsnahen Medien hieß es, Bilal Erdoğan halte sich in Italien auf, um an der John Hopkins School of Advanced International Studies in Bologna an seiner Doktorarbeit weiterzuschreiben. Bereits im Jahr 2007 gab es Meldungen, wonach er an einer Dissertation über die Europäische Union arbeite. 2011 hieß es dann, er habe sie abgeschlossen und sei in die Türkei zurückgekehrt. Die Tageszeitung Cumhuriyet will erfahren haben, dass er die Arbeit damals nur „eingefroren“ habe und sie jetzt weiterschreiben werde.

Auf Anfragen der Zeitung Cumhuriyet wollten Verantwortliche der Universität in Bologna nicht antworten, da sie keine Informationen über Studenten herausgeben. Die Zeitung behauptet jedoch, in Erfahrung gebracht zu haben, dass Erdoğan die notwendigen Kurse für seine Promotion bereits abgeschlossen habe und nur noch die Dissertation zu Ende verfassen müsse, wozu jedoch keine Anwesenheit in Bologna notwendig ist. Weiterhin an der Hochschule eingeschrieben zu sein, ermögliche ihm jedoch, seine Aufenthaltserlaubnis für Italien um zwei Jahre zu verlängern.

Bilal Erdoğan: „Nur Feiglinge flüchten“

Heute morgen dann meldete sich Bilal Erdoğan selbst zu Wort und nahm gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı (AA) Stellung zu den Gerüchten. Er bestätigte die Behauptung Fuat Avnis, dass er sich in Italien aufhalte, gab aber ebenfalls an, nur zur Fertigstellung seiner Doktorarbeit übergesiedelt zu sein. „Innerhalb von anderthalb bis zwei Jahren werde ich meine Doktorarbeit abgeschlossen haben und in die Türkei zurückkehren. Ich bin nur für meine Promotion in Italien und werde immer in mein Land kommen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Sobald ich meine Doktorarbeit abgeschlossen habe, werde ich in mein Land zurückkehren, inşallah werde ich bis zu meinem letzten Atemzug in meinem Land leben. Nur Feiglinge flüchten“, so der Spross des Staatspräsidenten, der selbst eine prominente Rolle bei den Korruptionsfällen vom 17. und 25. Dezember 2013 gespielt hat.

Ob an den Behauptungen Fuat Avnis etwas dran ist, wird sich vor dem 1.November schwerlich herausfinden lassen. Der nach wie vor anonyme Whistleblower kann nicht als verlässliche Quelle behandelt werden, hat allerdings in der Vergangenheit allzu oft recht behalten, als er regierungsinterne Geheimnisse an die Öffentlichkeit leakte. So hatte er beispielsweise die Verhaftung von über 30 Journalisten am 14. Dezember 2014 wenige Tage vorher vorausgesagt. Selbst wenn seine aktuellen Behauptungen nicht stimmen, so bleibt die Frage offen, woher er von Bilal Erdoğans Aufenthalt in Italien (den er ja drei Tage später selbst bestätigte) wusste, bevor es irgendjemand anders außerhalb des direkten Umfelds des Staatspräsidenten tat.