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Führt die Türkei das Präsidialsystem ein? Kehrt erstmals seit den Militärdiktaturen die Todesstrafe ins türkische Rechtssystem zurück? Eine Online-Umfrage von CORRECTIV.RUHR mit über 1000 Teilnehmern gibt jetzt erste Hinweise auf die politische Stimmung in der deutsch-türkischen Community. Evet oder Hayir? Zumindest in dieser Umfrage gibt es einen klaren Sieger.

Über die Verfassungsänderung wird am Sonntag in der Türkei entschieden. Wer in Deutschland wählen wollte, der konnte das noch bis zum Wochenende tun. Jeder zweite türkische Wahlberechtigte in Deutschland hat das getan. Im Ruhrgebiet war die Beteiligung am Referendum sogar noch höher: Mit einer Wahlbeteiligung von 67,42 Prozent (116.828) setzte sich der Standort Essen mit deutlichem Vorsprung ab. Düsseldorf folgte mit 57,21 Prozent. Die Abstimmungsergebnisse in NRW könnten wahlentscheidend im Kopf-an-Kopf-Rennen sein. 

Insgesamt machen die Stimmen der türkischen Community in Deutschland 0,5 Prozent aller Stimmen in der Türkei aus. 

CORRECTIV.RUHR hat sich deswegen im Vorfeld des Referendums mit einer Online-Umfrage an die türkische Community in NRW gewandt – über 1000 Türken und Deutschtürken haben sich beteiligt. Wir haben die Zahlen ausgewertet und kamen dabei auf erstaunliche Ergebnisse. Je älter die Wähler, desto größer die Ablehnung gegenüber Erdogan. 

Klarer Sieger nach Punkten

Von den türkischen Teilnehmern haben 54,3 Prozent mit „NEIN“ und nur 35,7 Prozent mit „JA“ gestimmt. Sechs Prozent wählen nicht und nur drei Prozent zeigten sich unentschlossen. Ein Prozent machten gar keine Angaben.

Bei Wählern mit doppelter Staatsbürgerschaft kam es zu einem nahezu identischen Ergebnis. 56,3 Prozent der Deutschtürken positionierten sich gegen die Einführung eines Präsidialsystems und nur 35,6 Prozent stimmten für die Verfassungsänderung.

Überraschend war, dass die Pro- und Contra-Lager einander prozentual näher rücken, je jünger die Beteiligten sind. Türkische Wähler zwischen 18 und 24 Jahren stimmten zu 47,9 Prozent mit „NEIN“ und 47,1 Prozent mit „JA“. In der selben Altersgruppe wählten die Deutschtürken zu 48,8 Prozent mit „NEIN“ und zu 45,2 Prozent mit „JA.“ 

 Die Ergebnisse werden wieder deutlicher für ein „NEIN“, wenn man die Altersgruppe auf 34 erweitert. So stimmten unter den Türken zwischen 18 und 34 Jahren 50,6 Prozent gegen das Präsidialsystem und 40,7 Prozent dafür. Nur leicht schwankt das Ergebnis bei den Deutsch-Türken in dieser Altersklasse: 52 Prozent gegen und 40 Prozent dafür.

Ältere neigen zum „NEIN“

Die Ergebnisse zeigen also, dass die älteren Türken und Deutschtürken, die an der Umfrage teilgenommen haben, eindeutig gegen die Verfassungsänderung sind. Türken zwischen 35 und 60+ stimmten so ab: 62,2 Prozent mit „NEIN“ – 23,2 Prozent mit „JA“.

Bei Deutschtürken zwischen 35 und 60+ waren die Ergebnisse sogar noch deutlicher: 71,4 Prozent „NEIN“ – 19,6 Prozent „JA“.

Die tatsächlichen Ergebnisse werden am Sonntag feststehen und auch die realen Ergebnisse aus Deutschland werden dann öffentlich. In unserer Umfrage im Vorfeld des Referendums zeichnet sich allerdings ein klarer Sieg des NEIN-Lagers ab.

Caner Aver vom Essener Zentrum für Türkeistudien (ZfTI) sagt zum Wahlverhalten und der hohen Beteiligung am Referendum, dass die türkische Community im Ruhrgebiet politisch relativ sensibilisiert sei. Die türkischen Vereine und Verbände in NRW sind besonders aktiv und haben massenweise Wahlberechtigte kostenlos zu den Urnen getragen. Auch der türkische Staatspräsident hatte ein gesteigertes Interesse am Wahlvolk im Ruhrgebiet. Für Aver ist das nicht verwunderlich: Jeder dritte Deutschtürke lebt in NRW – hier könnte die Wahl entschieden werden. 

Hintergrund: Evet oder Hayir: Wer macht die Meinung?(CORRECTIV.RUHR)