ARCHIV - Serdar Somuncu, deutscher Kabarettist, Musiker und Schriftsteller türkischer Herkunft, aufgenommen am 05.06.2014 während der ZDF-Talksendung "Maybrit Illner" zum Thema: "Gekommen, um zu bleiben - neue Zuwanderer, alte Probleme?" im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden. Foto: Karlheinz Schindler/dpa (zu dpa «Komiker Somuncu wirft Schweizer Fernsehen Zensur vor» vom 07.01.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Wahrscheinlich war Satire noch nie so Mainstream in Deutschland wie in den letzten drei Wochen. Wem haben die deutschen Satiriker und Kabarettisten ihren Bonus zu verdanken? Richtig: dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seinem schwindend geringen Sinn für Humor.

Dabei stellt das Gedicht von Jan Böhmermann eine Sondersituation dar und wurde zu Recht bei Anne Will thematisiert. Als Studiogäste waren Linke-Abgeordnete Sevim Dağdelen, CDU-Europapolitiker Elmar Brok, Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, Kabarettist Serdar Somuncu und Rechtsanwalt Fatih Zingal, der stellvertretende Vorsitzende der UETD, dabei.

Dağdelen und Brok redeten völlig parteiverhaftet eigentlich andauernd am Thema vorbei und warfen wie in einer müden Plenarsitzung mit uninteressanten Floskeln um sich.

Der einzige Moment, an dem man sich über die Anwesenheit Broks freuen konnte, war, als er Somuncu meinte erwischt zu haben. Nämlich dabei, dass es Serdar Somuncu lediglich um den Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei ginge, gegen den er sei. Die Zuschauer haben über diese detektivische Meisterleistung mindestens geschmunzelt. Dağdelen machte vor allem mit ihrer Lautstärke auf sich aufmerksam. Neben ihren frontalen und berechenbaren Einwänden gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel und der CDU im Allgemeinen waren ihre Hinweise auf die Situation des türkischen Journalisten Can Dündar und die vielen anderen inhaftierten Berufskollegen in der Türkei nicht unwichtig. Sehr neu waren diese Informationen aber dennoch nicht.

Einen weitaus außergewöhnlicheren Ansatz lieferte der einzige Wissenschaftler in der Runde. Der Medienexperte Pörksen erklärte in akademischer, aber verständlicher Sprache, wie Jan Böhmermann mit seinem überaus geschmacklosen Schmähgedicht ein Hybrid schuf, einen Zwitter aus Satire und Schmähkritik. Damit habe Böhmermann ein „Lehrbeispiel für globale Empörungsepidemien“, die sich in den Sozialen Netzwerken rasant ausbreiten und dem Anschein nach sogar diplomatische Krisen auslösen können, geboten. Die einfache Bevölkerung habe nach Pörksen noch keine Automatismen entwickelt, um solche Situationen individuell zu verarbeiten.

Serdar Somuncu thronte mit seiner ruhigen und überlegten Art über den anderen Gästen. Der medienerfahrene Kabarettist, der ohnehin ein Meister der Rhetorik ist, hatte vor allem mit Elmar Brok und dem Rechtsanwalt Zingal leichtes Spiel. Somuncu konnte sogar mehrmals Will entlasten, indem er die richtige und knackige Fragen parat hatte. Die Moderatorin schien dankbar.

Brok war für Somuncu einfach nicht frisch genug. So hielt er sich auch nicht lange mit ihm auf. Stattdessen knöpfte er sich Zingal von der UETD vor. Die UETD ist mehr als ein „Erdoğan-freundlicher Verein“, wie Will ihn zaghaft bezeichnete. Sie dient lediglich dazu, in der Deutsch-Türkischen Community aktiven Wahlkampf für die AKP und hinter verschlossenen Türen tatkräftige Lobby-Arbeit für ebenjene Partei zu betreiben. Traurig war es zu beobachten, wie ein deutscher Voll-Jurist die fehlende Rechtsstaatlichkeit der Erdoğan-Türkei verteidigen musste und dabei vielleicht selbst merkte, wie schwer bis unmöglich das doch eigentlich ist. Selbst auswendig gelernte und trockene Juristen-Floskeln konnten keinen guten Eindruck mehr hinterlassen. Ohnehin wussten die meisten schon vor der Sendung, dass im Fall einer Anklage gegen den deutschen Satiriker Böhmermann der Paragraf 103 des Strafgesetzbuches zum Einsatz kommen könnte.

Neben Somuncu stellte auch Will Zingal zunehmend unangenehme Fragen. Peinlich wurde es, als der Anwalt begann, die Fragen nicht richtig zu hören. „Wo haben Sie mehr Rechtssicherheit? In der Türkei oder in Deutschland?“, wollte Will wissen und hakte mehrmals nach. „Selbstverständlich gibt es Rechtssicherheit in beiden Ländern“, antwortete der UETD-Funktionär schmallippig. Selbst Journalisten könnten sich darauf verlassen.

Ein Ruhekissen, wenn man bedenkt: 1800 Anklagen wegen Präsidentenbeleidigung, unter anderem gegen einen 13-Jährigen. Die vielen inhaftierten Journalisten und eine Türkei, die sich auf der Liste der Reporter ohne Grenzen auf Platz 149 von 180 in Punkto Pressefreiheit befindet.

Zugegeben, Zingal war im Vergleich zu Remzi Aru, ebenfalls ein UETD-Funktionär und in der Vergangenheit mehrmals durch weniger gut gelungene Auftritte aufgefallen, um Längen besser. Er selbst fand seinen Auftritt aber wohl weniger gut. Im Gegensatz zu seinen früheren TV-Auftritten teilte er die Talk-Runde bei Anne Will nicht auf seiner Facebook-Seite.