„Sucht nach dem Wissen, auch wenn es in China sein sollte.“ So lautet ein in der türkischen Bevölkerung weithin bekannter Hadith, ein Ausspruch des Propheten Muhammad (571-632). Doch es gibt heutzutage nicht sehr viele Türken, die diesem Hadith folgen und in China nach Wissen suchen. Genau genommen sind von den rund 100.000 Türken, die im Ausland studieren, nur ca. 1000 in China.

Nein, die Türken suchen nicht nach Wissen in China. Aber sie suchen nach Gerechtigkeit in den USA, also ebenfalls auf der anderen Seite der Welt, nur in die andere Richtung. Ein guter Indikator dafür ist die Zahl der Twitter-Follower, die der amerikanische Staatsanwalt Preet Bharara derzeit hat.

Als Bharara, Staatsanwalt des Southern Districts von New York, vor vier Wochen den iranischstämmigen türkischen Geschäftsmann Reza Zarrab in Florida verhaften ließ, waren es um die 5.000. Zarrab war eine der Schlüsselfiguren der türkischen Korruptionsaffäre vom Dezember 2013. Kurz nachdem der Skandal publik wurde, befand er sich für einige Monate in Haft. Doch dann schaltete sich der damalige Premierminister Recep Tayyip Erdoğan ein, drehte den Spieß um und erstickte die Aufklärung der Korruptionsfälle im Keim. Es ging für ihn um mehr als nur einen politischen Schaden: Neben seinem engsten persönlichen Umfeld war auch seine Familie, vor allem sein Sohn Bilal Gegenstand der Affäre.

Zarrab wurde wieder freigelassen und in der Folgezeit sogar in Anwesenheit Erdoğans und anderer hoher AKP-Politiker für seine Verdienste um die türkische Wirtschaft geehrt. Er wurde rehabilitiert – auf Kosten eines großen Teils der türkischen Bevölkerung. So erregte seine Verhaftung nur folgerichtig viele Gemüter in der Türkei; der amerikanische Staatsanwalt bot für viele einen Schimmer der Hoffnung, dass der Gerechtigkeit vielleicht doch Genüge getan werden könnte. Mittlerweile erreicht die Anzahl seiner Twitter-Follower die 300.000-Grenze, es sind fast ausschließlich Türken.

„Die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der das Recht herrscht“

Staatsanwalt Bharara scheint sich über den Hintergrund des explosionsartigen Anwachsens seiner Follower im Klaren zu sein. Kürzlich äußerste er sich in New York bei einem Gespräch im University Club, bei dem auch viele türkeistämmige Amerikaner und türkische Journalisten zugegen waren, über diesen Aspekt der Ermittlungen im Fall Zarrab. Er wollte keine Kommentare zur Korruption in der Türkei abgeben, stellte aber fest:

„Viele tausend Türken folgen mir auf Twitter. Dabei war ich noch nie in der Türkei. Viele hatten meinen Namen noch nie gehört, können ihn auch nicht aussprechen. Viele können auch kein Englisch. Viele tausend schreiben Botschaften auf Türkisch. Sie sind auf der Suche nach einer Hoffnung auf dem Weg zu einer sauberen Gesellschaft. Das ist ein Indiz für die Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der das Recht herrscht.“

Zarrab wurde in den USA festgenommen, da er beschuldigt wird, an der Unterwanderung der Sanktionen gegen den Iran beteiligt gewesen zu sein und Millionenbeträge gewaschen zu haben. Babak Sandschani, nach eigenen Angaben der damalige Chef Zarrabs, half ebenfalls beim Verkauf iranischen Öls auf Umwegen. Wegen Unterschlagung der Erlöse aus diesen Geschäften wurde er jedoch im vergangenen Jahr im Iran vor ein Gericht gestellt und im März diesen Jahres zum Tode verurteilt. Viele erhoffen sich nun von der Verhaftung und dem Gerichtsprozess gegen Zarrab in den USA mehr Aufklärung und Informationen über Namen und Ausmaß der Korruption in der Türkei.

„Marionette der Gülen-Bewegung“ und Cyber-Krieger

Doch der amerikanische Staatsanwalt hat in der Türkei nicht nur Anhänger. Er wird auch angefeindet, da er Enthüllungen verursachen könnte, die den Machthabern in der Türkei unangenehm werden könnten. Deshalb sind die regierungstreuen Medien schon dazu übergegangen, ihn zu diskreditieren. Die Zeitung Sabah, die als direktes Sprachrohr Erdoğans gilt, versuchte ihn durch ein gefälschtes Foto in die Nähe der Hizmet-Bewegung zu rücken und damit zu vermitteln, er sei von dieser gesteuert. Star, eine andere regierungstreue Zeitung, titelte am 11. April, Bharara sei eine „Marionette der terroristischen Gülen-Bewegung“. Star beschuldigte ihn allen Ernstes, bereits während der Gezi-Proteste 2013 im Auftrage des FBI Cyber-Angriffe auf türkische Regierungshomepages koordiniert zu haben.

Ob er sich davon einschüchtern lässt? Vermutlich nicht. Als amerikanischer Staatsanwalt untersteht er ja nicht einem AKP-Justizminister. Bei seiner Ansprache in New York verriet er zumindest das erste Wort, das er in türkischer Sprache gelernt habe: Adalet, Gerechtigkeit.

Übrigens: Der Hadith mit dem Wissen in China wird von Hadith-Gelehrten als nicht authentisch eingestuft. Es gibt aber auch andere Hadithe zum Thema Gerechtigkeit, die dem Propheten Muhammad eindeutig zugeordnet werden können. In einem davon sagt er: „Wenn sich herausstellen sollte, dass meine eigene Tochter Diebstahl begangen hat, ich würde auch sie bestrafen lassen.“

Wäre der Korruptionsprozess in der Türkei anders verlaufen, wenn in dem angeführten Hadith nicht die Rede von „meiner Tochter“ gewesen wäre, sondern von „meinem Sohn“?