Die Region um Ikizdere bei Rize ist mit einer grünen Landschaft bekannt.
Die Region um Ikizdere bei Rize ist für seine grüne Landschaft bekannt. Foto: Shutterstock

Die Türkei ist Heimat vieler schöner Landschaften. Besonders der Norden mit seiner Schwarzmeerregion ist dafür bekannt. Doch in den letzten Jahren wird die Natur Schritt für Schritt zerstört. So nun auch rund um das Dorf Ikizdere bei Rize. Bewohner:innen sorgen sich durch die Errichtung eines Steinbruchs um ihre Lebensqualität und wehren sich. Der Fall wird dadurch immer mehr zum Politikum.

Wer in der Suchmaschine „Ikizdere“ eingibt, bekommt sofort tausende Treffer mit grünen Berge, Flüssen und traumhaft schöner Natur angezeigt. Das ändert sich aber allmählich. Denn das Dorf nahe Rize und dem Schwarzen Meer im Norden der Türkei ist seit mehr als einem Monat Schauplatz eines kleinen Widerstands. Der Grund ist die Errichtung eines Steinbruchs in der Region. Der Bauboom im Land macht auch hier vor der Natur keinen Halt. Die Firma „Cengiz İnşaat“, bekannt für ihre Nähe zur regierenden AKP, bekam den Zuschlag, rund 40 Kilometer von Ikizdere entfernt einen großen Hafen zu errichten. Und dafür braucht sie Steine, welche wiederum aus Ikizdere kommen sollen. Dafür wurden 17 Landparzellen in Betracht gezogen.

Für die Dorfbewohner:innen ist all das eine Katastrophe. Nicht nur die Sorge vor Verschmutzung und Trockenheit treibt sie um. Imker befürchten etwa, dass ihre Bienen in der Region keine Lebensgrundlage mehr hätten. Auch der Teezucht könne die Umstrukturierung schaden. Beides sind wichtige Einnahmequellen für die hiesigen Menschen. Gleichzeitig könnte das Trinkwasser durch die Bauarbeiten leiden. Von der allgemeinen Zerstörung der Umwelt ganz zu schweigen.

„Der Steinbruch macht das Dorfleben kaputt“

„Wir haben nichts gegen Erneuerungen und sind auch nicht gegen den Staat“, beteuert etwa eine Dorfbewohnerin in einem TV-Interview. „Es wurden Tunnel und ein Damm gebaut. Da hatten wir nichts gegen, weil uns das auch genutzt hat. Aber das hier schadet uns nur.“ Das Leben im Dorf würde zu Ende gehen, sobald der Steinbruch eingerichtet werde, glauben die Bewohner:innen.

Das scheint aber weder die Baufirma noch die Behörden zu interessieren. Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen der Bewohnerschaft mit der Polizei und der Gendarmerie. Es wurden sogar Tränengas eingesetzt und Geldstrafen verhängt.

Minister-Besuch war unerwünscht

Die Menschen von Ikizdere erwarten die Unterstützung der Regierung. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan solle die Ortschaft persönlich besuchen und sich alles ansehen, fordern sie. Schließlich gehört der Ort zur Heimatregion Erdoğans.

Der Besuch von Adil Karaismailoğlu, dem für das Projekt zuständigen Minister für Verkehr und Infrastruktur, kam indes nicht gut an. Statt eines konstruktiven Austauschs gab es Proteste gegen ihn.

Besuche der Opposition vor Ort sorgten ebenfalls für große Schlagzeilen. Neben Politiker:innen der kemalistischen CHP besuchte vergangene Woche auch die Vorsitzende der nationalistischen Iyi-Parti, Meral Akşener, den Ort. Doch auch gegen sie gab es Proteste. Sie kooperiere mit der Terrororganisation PKK, so der Tenor der Kritik. Ihre Partei wertete die Unruhen als Provokation. Auch Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der CHP, stellte sich an die Seite Akşeners.

Erdoğan: „Sie kann froh sein, dass man ihr nicht noch mehr angetan hat“

Die Proteste und der Mob gegen Akşener wird innerhalb der Politik aber auch begrüßt. Und zwar vom Staatspräsidenten persönlich. Am Mittwoch sagte Erdoğan in einer Rede vor Parteimitgliedern, dass man Akşener eine „Lektion“ erteilt habe. Sie könne froh sein, dass man nicht weitergegangen sei. „Warte es noch ab“, so Erdoğan weiter: „Das sind noch gute Tage.“ Die Oppositionspolitikerin antwortete wiederum in einer Rede in den Abendstunden vor ihrer eigenen Partei. Erdoğan und seine Mitstreiter:innen würden schwere Zeiten durchleben. Deshalb verstehe sie, warum sie derzeit so agieren würden – vermutlich auch mit Blick auf die Äußerungen des Mafiabosses Sedat Peker. Das Volk werde Erdoğan ebenfalls eine Lektion erteilen. In zwei Jahren an der Wahlurne.

Akşener wird mit guten Umfragewerten als ernstzunehmende Gegenkandidatin von Erdoğan gehandelt. Sie hatte den Staatschef vergangene Woche mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu verglichen, was viele Türken angesichts des kürzlich wieder aufgeflammten Nahost-Konflikts als Beleidigung höchster Stufe ansehen.

Klage soll Bauarbeiten stoppen

Die Bevölkerung vor Ort hat mittlerweile mit Unterstützung von Umweltaktivisten aus der ganzen Türkei nicht nur Zelte aufgebaut oder hält Mahnwachen ab. Sie ist auch vors Gericht gezogen. Dort steht eine Entscheidung aber noch aus, weshalb die Bagger in Ikizdere weiter rollen und das Naturparadies Stück für Stück zerstören. Es ist ein Kampf um Leben, um den Erhalt von Natur.

Eine Aussicht auf Erfolg hat die Klage aber kaum. Der Bauherr „Cengiz İnşaat“ hat zu starke Verbindungen zur Politik. Zuletzt baute die Firma auch den neuen Flughafen von Istanbul.