Imam in einer Nürnberger Moschee

Deutsche Politiker kritisieren die Praxis der Entsendung von Imamen nach Deutschland durch Diyanet, die Behörde für Religionsangelegenheiten beim türkischen Ministerpräsidenten in Ankara. Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir sagte der „Welt am Sonntag“, die von der türkischen Behörde angeleitete „Türkisch-Islamisch Union der Anstalt für Religion“ DİTİB (Diyanet İşleri Türk İslam Birliği) sei „nichts anderes als der verlängerte Arm des türkischen Staates“. Er räumte ein, dass es in DİTİB-Moscheen „viele engagierte Gemeindemitglieder“ gebe und oft „tolle Arbeit“ gemacht werde. Doch statt zu einer echten Religionsgemeinschaft zu werden, mache die türkische Regierung die DİTİB immer mehr zu einer politischen Vorfeldorganisation der Regierungspartei AKP in Deutschland, meinte Özdemir.

In den 900 DİTİB-Moscheen in Deutschland sind rund 970 nach Deutschland entsandte Imame tätig, die regulär je fünf Jahre blieben. Die türkische Behörde für Religionsangelegenheiten verfügt nach Angaben der Zeitung in diesem Haushaltsjahr über rund 6,4 Milliarden Türkische Lira (rund 1,8 Milliarden Euro). Davon baue und unterhalte sie Moscheen und habe aktuell 120.000 Mitarbeiter. Seit 2008 habe sich ihr Etatposten in Euro fast verdoppelt, in Lira sogar verdreifacht. Wie viel davon DİTİB erhält, wollte die Behörde der Zeitung nicht mitteilen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bezeichnete die Entsendung der Imame als „nicht akzeptabel“. Deren Ausbildung dürfe nicht von der Türkei ausgehen, sie müsse „in der Hand der für Bildung und Kultus zuständigen Bundesländer liegen“. Islamunterricht solle ordentliches Lehrfach an staatlichen Schulen werden. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sagte, die Finanzierung von Moscheen oder islamischen Kindergärten aus dem Ausland, etwa aus der Türkei oder aus Saudi-Arabien müsse beendet werden.“Die Nähe von DİTİB zu Erdoğan ist bekannt und mehr als bedenklich, denn die Erdoğan-Türkei entfernt sich immer weiter von den Grundwerten des aufgeklärten Europas“, sagte Scheuer. Dagegen lobte das Bundesinnenministerium den islamischen Dachverband. DİTİB arbeite „kontinuierlich und konstruktiv in der Deutschen Islamkonferenz mit“, sagte ein Sprecher der „Welt am Sonntag“.

DİTİB übt scharfe Kritik an Welt-Artikel

DİTİB äußerte sich bereits zu der Kritik und sprach von einem „Sammelsurium aus Unterstellungen, kruden Kausalzusammenhängen und Versatzstücken von Einzelfällen, die in einen unheilvollen Zusammenhang gebracht werden“. Es sei falsch, den Imort von Imamen abzulehnen, denn die, „die ein falsches, gefährliches Islamverständnis predigen“, seien oft „deutscher Herkunft“. Die DİTİB-Imame hätten seit Jahrzehnten „den gesellschaftlichen Frieden, die Geschwisterlichkeit, gegenseitige Achtung und Respekt vor anderen Menschen und Religionen und die Aufrichtigkeit“ gelehrt und vermittelt. Deshalb sei ein Angriff auf die DİTİB und ihre Imame, „langfristig ein Angriff gegen den gesellschaftlichen Frieden.“

Auch der Zentralrat der Muslime (ZMD) widerspricht der Kritik. Sein Vorsitzender Aiman Mazyek sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, die Forderung, den „Import“ von Imamen aus der Türkei zu stoppen, sei „verfassungswidrig, von Doppelmoral durchzogen und nicht zielführend, weil sie Fanatiker stärkt. Die DİTİB-Imame sind verfassungstreu, predigen einen gemäßigten Islam“, widersprach Mazyek der oft geäußerten Kritik. Sie trügen so wesentlich zum „Bollwerk gegen Fanatiker und Radikale“ bei. Würde man diese Imame jetzt alternativlos absetzen, würde das die Extremisten stärken, so der Zentralratsvorsitzende.

Solche Forderungen diskreditieren nach den Worten von Mazyek die muslimischen Gemeinden. „Das stellt eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Religion dar.“ Schließlich gebe es Hunderte von Gemeinden anderer Religionsgemeinschaften in Deutschland, die selbstverständlich ausländische Priester und Rabbiner hätten. Mazyek versicherte, der Zentralrat der Muslime in Deutschland setze sich für die notwendige Optimierung der Imame ein, was Sprache und Ausbildung angehe. Das gehe aber nur mit den Verbänden zusammen.

Die religionspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Kerstin Griese, hatte einen flächendeckenden Islamunterricht an deutschen Schulen gefordert: Solange dies nicht gelinge, sei es „zwangsläufig, dass viele türkischstämmige Familien auf die Angebote der DİTİB-Gemeinden zurückgreifen.“ (kna/dtj)