Die Nachrichten aus dem Südosten der Türkei klingen mehr und mehr nach Krieg. Mittlerweile gibt es beinahe täglich standardisierte Meldungen zu Todeszahlen auf beiden Seiten. So wurden allein am vergangenen Wochenende 30 PKK-Kämpfer getötet, wie die türkische Armee meldete. Am Samstag kam es zu heftigen Gefechten in Cizre, bei denen Armeemeldungen zufolge 13 „Angehörige einer separatistischen Terrororganisation neutralisiert“ wurden, wie es im offiziellen Sprachgebrauch heißt. Auch in Silopi und Sur gab es vier beziehungsweise drei Tote bei Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und PKK. Damit wurden seit Mitte Dezember allein in Cizre, Silopi und Sur um die 450 PKK-Anhänger von türkischen Sicherheitskräften getötet. Auch in Van gab es erneut Tote. Bei einer Operation gegen ein verstecktes Waffenlager der PKK kam es zu einem Feuergefecht, bei dem 12 Terroristen und ein türkischer Polizist getötet wurden. Auch in Sur wurden 2 Polizisten und ein Soldat getötet, drei weitere wurden verletzt.

Die meisten Leidtragenden gibt es jedoch nach wie vor unter der Zivilbevölkerung in den umkämpften Gebieten. Verlässliche Zahlen zu zivilen Opfern liegen bisher nicht vor, offizielle Stellen verschweigen sie und neutrale Beobachter haben keinen Zugang, da die Orte, in denen es mutmaßlich die meisten Opfer gibt, nach wie vor von Polizei und Armee abgeriegelt sind. Alle nach außen dringenden Berichte zeugen jedoch von katastrophalen Zuständen: Die Bevölkerung leidet nicht nur unter der Gewalt, die sowohl von der PKK als auch den Sicherheitskräften ausgeht, sondern auch unter den Ausgangssperren, die teilweise seit Anfang Dezember in Kraft sind. Es gibt mittlerweile erhebliche Versorgungsengpässe und immer wieder dringen Berichte von dramatischen Einzelschicksalen an die Öffentlichkeit, die jedoch im Westen des Landes meist kaum wahrgenommen werden und über die in regierungsnahen Medien ohnehin nicht berichtet wird.

„Wir haben unsere Menschlichkeit verloren“

Einer dieser Fälle ist der des 73-jährigen Ramazan Ince und seiner 3 Monate alten Enkelin Miray, die auf offener Straße erschossen wurden, als sie versuchten einen Rettungswagen zu erreichen.

Abdullah Ince, Onkel der verstorbenen Miray, berichtet über die unmenschlichen Umstände und teilt seine Verzweiflung angesichts der hilflosen Situation vor Ort mit. „Durch die Ereignisse der letzten Tage haben wir unsere Menschlichkeit verloren. Seit 10 Tagen können wir die Leichen nicht abholen. Es reicht mit diesen Gräueltaten; wohin soll das alles noch führen? Ich wende mich hiermit an den Staat. Wenn sie uns nur doch mit chemischen Waffen beschießen würden und wir das alles nicht erleben müssten. Wir wären tot glücklicher als wir es jetzt sind. Was bringt es, an solch einem Ort ein Mensch zu sein? Wir sind sehr angespannt. Permanent haben wir Angst und überlegen uns, von wo wohl irgendeine Kugel kommen wird.“, so Ince.

Er fährt fort: „Die Leichen sind noch immer im Leichenschauhaus des Stadtkrankenhauses von Cizre. Die Krankenhausverwaltung wird die Leichen nicht ohne unser Wissen begraben. Aber wir können nicht aus dem Keller heraus, in dem wir uns befinden.“

Wegen der Ausgangssperre lebt die Familie Ince seit mehrere Wochen im Keller ihres Wohnhauses. Insgesamt 32 Personen müssen in den engen Räumen miteinander auskommen. Unter ihnen sind 10 Kinder im Alter von 2 bis 15 Jahren. Die Kinder seien nur am Weinen. Eine 80-jährige Kranke würde sich unter ihnen befinden. Sie ins Krankenhaus zu bringen sei durch die Ausgangssperre unmöglich. Auch Abdullah Ince hätte eine Herzkrankheit und sei zuckerkrank, könne aber seine Medikamente nicht einnehmen.

Leichen auf offener Straße

Auch ein anderer Fall zeigt auf erschütternde Weise die Dramatik und die Verzweiflung der Bevölkerung vor Ort. Die 57-jährige Taybet Inan, Mutter von 11 Kindern, wurde auf dem Rückweg von ihren Nachbarn erschossen – und lag 7 Tage lang auf offener Straße. Der Sohn der Verstorbenen schildert die Ereignisse, die sich in Silopi abgespielt haben: „Als meine Mutter angeschossen wurde und wir davon erfahren haben, haben wir uns sofort auf den Weg gemacht. Mein Onkel war vor uns an der Unglücksstelle und wollte meiner Mutter helfen, die auf dem Boden lag. Aber ihn haben sie auch angeschossen und die Nachbarn waren gerade dabei ihn wegzutragen. Ich habe ihnen gesagt, dass meine Mutter noch auf der Straße geblieben ist und wollte zu ihr, aber sie haben mich alle festgehalten. Ich habe nur geweint, geweint, geweint… Meine Mutter mussten wir auf der Straße zurücklassen. Am Anfang hat sie sich noch hin und her bewegt. Aber als die Stunden vergingen wurden ihre Bewegungen weniger. Wir haben alle angerufen, die Abgeordneten, den Landrat und den Gouverneur. Denen haben wir gesagt, dass sie die Aasgeier verscheuchen sollen. Wir wollten wenigstens den Leichnam meiner Mutter von der Straße holen. Was hat meine Mutter wohl gefühlt? Hat sie viel Leid ertragen müssen?“, fragt der Sohn.

Der Leichnam der verstorbenen Taybet Inan konnte erst nach 7 Tagen geborgen werden. „Wir konnten nicht schlafen. Meine Mutter blieb ganze 7 Tage auf der Straße. Wir hatten Angst, dass Hunde oder Vögel die Leiche schänden würden. Sie lag auf der Straße und wir sind 150 Meter weiter fast gestorben. Der Staat hat uns 7 Tage leiden lassen. Der Leichnam meiner Mutter blieb 7 Tage auf der Straße. Unter diesen Umständen kann man kein Mensch bleiben. Man ist dann sehr schlecht“, so der Sohn.