Archiv: Aktivisten haben am 04.09.2017 vor dem Konsulat Myanmars in Kalkutta (Indien) ein Foto der myanmarischen Außenministerin Aung San Suu Kyi zum Verbrennen aufgestellt, um gegen die Unterdrückung und Gewalt gegenüber den Rohingyas in Myanmar zu protestieren. Foto: Bikas Das/AP/dpa

In Myanmar geht das Militär massiv gegen eine muslimische Minderheit vor. International wächst die Kritik. Die einstige Demokratie-Ikone Aung San Suu Kyi sagt dazu nicht viel – auch wenn ihr Ruf international sehr leidet.

Von Christoph Sator

Die Runde der Friedensnobelpreisträger ist ein recht exklusiver Zirkel. Man kennt sich, man schätzt sich, man trifft sich auch. Solch ein Brief, wie ihn nun Malala Yousafzai, Preisträgerin von 2014, an Aung San Suu Kyi, Preisträgerin von 1991, gerichtet hat, schreibt man sich normalerweise nicht. Die Kinderrechts-Aktivistin forderte Myanmars einstige Freiheitskämpferin und heutige Regierungschefin jüngst auf, gegen die «beschämende Behandlung» von Muslimen in ihrem Heimatland endlich etwas zu unternehmen. «Die Welt wartet, und die Rohingya-Muslime warten.»

Die Maßregelung in aller Öffentlichkeit ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie sehr der Ruf der einst so verehrten «Lady» international Schaden genommen hat. Wegen des brutalen Vorgehens von Myanmars Militär gegen die muslimische Minderheit der Rohingya muss sich die 72-Jährige aus aller Welt massive Kritik gefallen lassen. Die Vorwürfe gibt es seit Monaten schon. Nach einer neuen Welle der Gewalt mit mehreren hundert Toten sind sie jetzt aber laut wie nie – bis hin zu Forderungen, Suu Kyi den Nobelpreis abzuerkennen.

Die neue Krise hatte Ende August ihren Ausgang genommen, als Kämpfer einer Rebellengruppe namens Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) in Myanmars Nordwesten etwa 30 Polizei- und Militärposten überfielen. Seither ist im Bundesland Rakhine, wo fast alle der mehr als eine Million Muslime des überwiegend buddhistischen Landes leben, eine «Säuberungsaktion» im Gange. Die Gegend ist weiträumig abgeriegelt, aber Augenzeugen berichten von zahlreichen niedergebrannten Dörfern.

Militärs haben nach Freitagsgebet mit Schwertern und Gewehren angegeriffen

Nach UN-Angaben sind schon wieder fast 150 000 Muslime [Anm.d.Red.: Am Freitag sprach die UNHCR bereits von 270.000 Geflüchteten] aus dem ehemaligen Birma über die teils verminte Grenze ins Nachbarland Bangladesch geflohen. Auf einem Video, das trotz Sperren nach draußen gelang, sind viele abgebrannte Häuser zu sehen. Aus dem Off berichtet ein Mann, wie Militärs und andere Männer nach dem Freitagsgebet mit Schwertern und Gewehren ins Dorf gekommen seien und alles in Brand gesetzt hätten. Dann sind noch frisch ausgehobene Gräber im Bild.

Suu Kyi, die seit vergangenem Jahr als «Staatsrätin» praktisch die Regierung führt, ohne offiziell den Titel einer Ministerpräsidentin zu haben, schwieg zu solchen Vorwürfen lange Zeit – selbst als UN-Generalsekretär António Guterres das Vorgehen in die Nähe von ethnischer Säuberung rückte und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sogar von «Völkermord» sprach. Nach einem Telefonat mit Erdogan äußerte sie sich nun aber doch.

Über Facebook ließ sie eine Stellungnahme verbreiten, in der sie «Terroristen» für die neue Welle der Gewalt verantwortlich machte. «Der Terrorismus ist neu (in Myanmar), aber die Regierung wird ihr Bestes zu tun, damit er sich nicht in ganz Rakhine ausbreitet. Zugleich klagte sie, sehr im Stil von US-Präsident Donald Trump, über «Fake News» und einen «gewaltigen Eisberg an Falschinformation».

Vorsicht bei Bildmaterial

Tatsächlich wird in dem Konflikt auch mit gefälschtem Bildmaterial gearbeitet [Anm. d. Red.: Klicken Sie dazu hier, um auf die türkische Seite teyit.org zu gelangen. Dort wurden einige der Bilder im Umlauf überprüft. Vorsicht: +18!]. Als Beweis für ihre Behauptungen führte Suu Kyi Bilder an, die der türkische Vize-Ministerpräsident Mehmet Simsek im Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlicht hatte. Angeblich waren darauf Gräuel an Rohingya zu sehen. Später stellte sich heraus, dass die Bilder anderswo aufgenommen worden waren.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass auch alle anderen Aufnahmen gefälscht wurden. Satellitenbilder zum Beispiel zeigen Zerstörungen sehr wohl. Dazu sagte Suu Kyi weiterhin nichts. Auch auf die grundsätzlichen Vorwürfe, das Vorgehen gegen die Rohingya zu verharmlosen, ging sie nicht ein. Kritik an den Generälen, die auch nach dem Ende der Militärdiktatur wichtige Posten besetzen, ist von ihr schon gar nicht zu hören.

Trotz des klaren Wahlsiegs ihrer Nationalen Liga für Demokratie (NLD) vor anderthalb Jahren befindet sich Suu Kyi in einer schwierigen Lage. Präsidentin konnte sie nicht werden, weil ihr Mann Brite war und die Kinder britische Pässe haben. Zudem wird sie durch die Verfassung eingezwängt: Immer noch hat das Militär im Parlament ein Viertel der Mandate unter seiner Kontrolle, ebenso wie das Innen- und das Verteidigungsministerium.

Viele werfen der Frau, die 15 Jahre in Hausarrest saß, vor, dem Politik-Alltag nicht gewachsen zu sein. Zu Oppositionszeiten galt es als Stärke, dass sie sich wenig sagen ließ. Jetzt, in der Regierung, ist das anders. Reden hält sie nur wenig, Interviews gibt sie kaum.

Manche erklären ihr Schweigen auch damit, dass sie auch Rücksicht auf auf die eigene Wählerschaft nehmen muss. Tatsächlich gibt es in weiten Teilen Myanmars eine muslimfeindliche Stimmung. Suu Kyi selbst ist fromme Buddhistin. In Myanmar wird sie immer noch sehr verehrt.

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