Zwei Flüchtlinge spielen in Lampedusa Fußball. Im Hintergrund ist ein Schiffswrack zu sehen. Zuletzt starben wieder mehrere Menschen, als ihr Schiff beim Versuch, das Festland zu erreichen, kenterte.

Sonntagmittag in Solingen. Ein neugebauter Bolzplatz an der Korkenziehertrasse, dem beliebten Wanderweg in der bergischen Stadt. Hier verbringen die Menschen ihre Freizeit, laufen, joggen, fahren Fahrrad – oder kicken in diesem Käfig. An diesem Sonntag stoße ich dort auf vier vertraute Freunde. Damit sind wir zu fünft und eine Mannschaft scheint damit in Unterzahl zu sein. Irgendwann aber bemerke ich, wie dort jemand etwas abseits am Käfigzaun kauert, um mitzubolzen. Der bescheidene Mann mittleren Alters ist bei meinen Freunden offenkundig akzeptiert. Ich halte ihn zunächst für einen türkischen Bürger, womöglich aus dem mittleren Südosten Anatoliens. Nicht gleich wechsele ich in meine Muttersprache, um ihn anzusprechen. Türken sind ja mittlerweile ein Teil von Deutschland. Kurze Blicke fliegen umher – und schon beginnt ein Fußballspiel unter Freunden. Der Fremde scheint von Gott gesandt, denn er ist der fehlende sechste Mann. Wir spielen Drei gegen Drei.

„I came because of Assad“

Die ersten zehn Tore fallen und ich höre hin und wieder englische Wörter. Der Unbekannte spielt gegen mich. Seine Teamkollegen, die sich mit ihm schon vertraut gemacht haben, sprechen ihn auf Englisch an. Für mich ist das erst mal merkwürdig. Doch dann denke ich mir, vielleicht ist er ein Tourist aus der Türkei, der hierzulande eine Messe besucht und bald schon wieder abreisen wird. Während diese Gedanken in meinem Kopf schwirren, ist die erste Partie bereits zu Ende. Jedes Spiel dauert so lange an, bis eine der beiden Mannschaften zehn Treffer erzielt hat. Als sich alle zu ihren Trinkflaschen bewegen, treibt mich meine Neugier zu dem Neuen. Ich frage ihn, wo er herkomme. Seine Antwort elektrisiert mich. „I am from Syria, I came because of Assad.“

Der 41-Jährige weilt seit etwa einem Monat in Solingen. Er hat Glück, das seine leibliche Schwester bereits dort lebt und eine Familie hat. Muhammad Mobyid ist Maschinenbauingenieur und ein begabter Stuckateur. Sein jahrelanges Studium in Syrien hilft ihm nicht viel, denn in Deutschland wird sein Abschluss nicht anerkannt. Allerdings hat er in seinem Studium ein wenig Englisch gelernt. Das reicht einigermaßen zur Verständigung, vorausgesetzt sein Gegenüber versteht Englisch. Die Miene des Mannes signalisiert Erleichterung über die geglückte Flucht aus Syrien. Aber in sein Gesicht haben sich auch die schockierenden Erinnerungen aus der verlassenen Heimat eingegraben. Er erzählt, wie vor seinen Augen 30 Menschen mit scharfer Munition aus nächster Nähe in den Kopf geschossen wurde. Er berichtet, wie etwa 2000 Menschen durch chemische Waffen ermordet wurden. Wie die Flugzeuge von Assad tausende Häuser zerstörten.

Deutschland will 5000 syrische Flüchtlinge aufnehmen

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich vor kurzem dazu bereit erklärt, syrische Flüchtlinge, die im Zuge des dortigen Bürgerkrieges aus dem Land flüchten, aufzunehmen. Insgesamt 5000 Flüchtlinge kommen nach Deutschland, davon werden 1000 in Nordrhein-Westfalen untergebracht. Nach Einschätzung des Düsseldorfer Integrationsministeriums könnte das bevölkerungsreichste Bundesland mit Unterstützung der Kommunen an Rhein und Ruhr in absehbarer Zukunft etwa 2000 Flüchtlinge aufnehmen. Die Katastrophen von Lampedusa dürften dazu führen, dass sich diese Zahl erhöht. Die ersten syrischen Flüchtlinge sind bereits in Deutschland eingetroffen, auch in Nordrhein-Westfalen. Die meisten werden in vorübergehende Unterkünfte gebracht und erhalten zunächst eine auf ein Jahr befristete Aufenthaltserlaubnis. Diese kann dann verlängert werden, wenn ein Flüchtling ein Jahr lang die Volkshochschule besucht und ausreichend die deutsche Sprache erlernt. Am Ende entscheidet ein Sprachtest der Volkshochschule über den weiteren Aufenthalt.

„Mir bleibt keine andere Wahl“

Dadurch stehen die vom heimischen Bürgerkrieg traumatisierten Menschen unter neuem Leidensdruck. Viele von ihnen haben in Syrien durch den Terror ihre Familie verloren, fühlen sich jetzt einsam und verloren in dieser großen Welt. Dennoch erscheint ihnen Deutschland als eines der sichersten Zufluchtsländer. Die Syrer kommen mit sehr viel Zuversicht hierher. Wie Muhammad Mobyid. Er hat bereits mit seinem Unterricht auf der Volkshochschule angefangen. Auf dem Solinger Bolzplatz wirkt er motiviert und optimistisch, dass er die hiesige Sprache schnell erlernt. Im Sprachunterricht ist er aber noch nicht so weit, seine Alternativlosigkeit in einen deutschen Satz zu kleiden: „Mir bleibt keine andere Wahl.“