Schwerer Rückschlag für die „Freie Syrische Armee“ (FSA). Die seit dreieinhalb Jahren gegen die Regierung des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad kämpfende, bewaffnete Oppositionsgruppe hat ihre 14 000 Personen umfassende Miliz aus Aleppo, Syriens zweitgrößter Stadt, abgezogen. Dies berichtet die Hürriyet unter Berufung auf eine Quelle aus türkischen Sicherheitskreisen.

Der Anführer der FSA, Jamal Marouf, soll der Quelle zufolge in die Türkei geflohen sein. „Er ist derzeit Gast und steht unter dem Schutz des türkischen Staates“, hieß es am gestrigen Montag. Marouf soll schon im Laufe der letzten beiden Wochen in der Türkei eingetroffen sein. Es werden keine Angaben über seinen Aufenthaltsort gemacht.

Nun hat die FSA auch die Kontrolle über den Grenzübergang Bab al-Hawa, gegenüber dem Grenzort Cilvegözü im Bezirk Reyhanlı gelegen, eingebüßt, der nun von einer eher schwach aufgestellten Koalition kleinerer Gruppen unter dem Kommando Ahrar al-Shams kontrolliert wird.

Waffen, die seitens der US-geführten Koalition gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) an die FSA geliefert worden waren, dürften nun in die Hände al-Shams und in jene von al-Nusra, der syrischen Abteilung der terroristischen al-Qaida, gefallen sein.

Eine geschwächte, vom Westen unterstützte Opposition könnte nicht nur Auswirkungen auf das weitere Schicksal Aleppos haben, sondern auch die US-geführte Anti-IS-Koalition selbst schwächen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte bereits am 6. November davor gewarnt, dass ein Fall der 60 Kilometer vor der türkischen Grenze liegenden Stadt Aleppo zu einem neuerlichen massiven Ansturm von Flüchtlingen auf die Türkei führen könnte. Nachdem bereits mehr als 1,5 Mio. Flüchtlinge in die Türkei gekommen waren, könnte sich diese Zahl vor allem dann wesentlich erhöhen, wenn es dem IS gelingen sollte, in Aleppo Fuß zu fassen.

Erdoğan schien die Berichte über die FSA zu kennen

Die Türkei und die USA waren während ihrer Gespräche am 12. November darin übereingekommen, türkische Sicherheitskräfte etwa 2000 Mitglieder der FSA auf einem militärischen Gelände nahe Kırşehir in Zentralanatolien trainieren zu lassen. Präsident Erdoğan war bei dieser Gelegenheit ungewohnt zurückhaltend – offenbar waren ihm Geheimdienstberichte über die Entwicklung in der Region bereits bekannt.

Darüber hinaus gibt es parallel zu den Berichten über den Rückzug der FSA auch solche über eine Wiederannäherung der terroristischen Gruppen al-Nusra und IS, die sich Anfang des Jahres überworfen hatten. Die türkische Regierung bestreitet eine solche. Allerdings berichtet Hürriyet über eine Aussage einer Quelle, die anonym bleiben wollte, wonach al-Nusra-Kommandant Abu Muhammad al-Gulani den Führer der Dschihadisten-Gruppe Jaish al-Muhajireen wal-Ansar, Salahaddin al-Shishani, darum gebeten habe, einen Waffenstillstand zu vermitteln. Ziel sollte es sein, „nicht einander, sondern den Feind“ zu bekämpfen.

Der bereits des Öfteren totgesagte IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi soll dieses Ansinnen jedoch abgelehnt haben.

Ägyptische Terroristen treten IS bei

Eine Auflösung al-Nusras und anderer kleiner Oppositionsgruppen könnte Beobachtern zufolge am Ende zu eine weiteren Stärkung des IS führen. Am 10. November hatte auch die verbotene ägyptische Terroristengruppe Ansar Beit al-Maqdis sich zur „Provinz Sinai des Islamischen Staates“ deklariert. Die Gruppe hatte bei einem Anschlag an 24. Oktober nahe İsmailia 33 ägyptische Sicherheitsleute getötet.