Syrien: Sunniten fliehen aus Banias

Die Lichtblitze schwerer Explosionen erhellten am Wochenende mehrmals den Nachthimmel über Damaskus. Nachdem Israel am Wochenende innerhalb von drei Tagen mindestens zwei schwere Luftangriffe auf eine militärische Forschungseinrichtung in Jamraya in der Nähe von Damaskus geflogen hat, konzentriert sich die Weltöffentlichkeit auf diese weitere militärische Eskalation.

Doch während sich die mediale Aufmerksamkeit in den meisten westlichen Ländern und im syrischen Staatsfernsehen auf die israelischen Luftschläge beschränkt, schafften es die Berichte über eine blutige Eskalation in der Küstenregion Syriens meist nur in Randnachrichten. In einem Vorort der Stadt Banias kam es am Freitag zu einem Massaker an sunnitischen Zivilisten. Es gibt widersprüchliche Angaben über genaue Opferzahlen, jedoch berichtete ein Beobachter von mindestens 62 ermordeten Menschen, darunter auch 14 Kindern. Es wird erwartet, dass die Opferzahlen noch deutlich steigen werden, da viele Personen seit Freitag als vermisst gelten.

Am Freitag waren Berichten von verschiedenen Aktivisten zufolge syrische Sicherheitskräfte und bewaffnete Männer aus den umliegenden alawitischen Dörfern in das nahe Banias liegende Dorf Baida eingedrungen und hatten dort ein Massaker verübt. Einige Beobachter berichteten, dass neben Schusswaffen auch Messer benutzt wurden und einige der Opfer Brandverletzungen aufwiesen. Auf einigen Fotos aus Baida waren übereinanderliegende Leichen von Männern, Frauen und Kindern zu sehen.

Tausende Sunniten auf der Flucht

Die Küstenregion Syriens und das sich daran anschließende bergige Hinterland gelten als das Kernland der Alawiten, der Religionsgruppe Assads. In der Region kommt es bereits seit Längerem zur systematischen Ausgrenzung sunnitischer Familien. Einige Syrienexperten gehen davon aus, dass das syrische Regime auf diese Weise die Schaffung eines Alawitenstaates vorantreibt.

Das Massaker vom Freitag stellt eine massive Eskalation des konfessionellen Konflikts in der Region dar. Aus Angst vor weiteren Angriffen der Sicherheitskräfte sind nun Tausende Menschen auf der Flucht. Die in Großbritannien sitzende „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ sagte, dass ca. 4.000 Menschen aus den hauptsächlich von Sunniten bewohnten südlichen Vororten der Stadt Banias geflohen sein. Die meisten Flüchtlinge sollen in Richtung der nahegelegenen Städte Tartus oder Jableh unterwegs sein. Sicherheitskräfte greifen den Berichten zufolge jedoch den Großteil der Flüchtlinge an Straßencheckpoints wieder auf und drängen sie zur Rückkehr.

Bewohner von Banias sagten der Nachrichtenagentur „Associated Press“ per Telefon, dass der zentrale Markt der Stadt aus Angst vor weiterer Gewalt am Samstag geschlossen geblieben sein. „Diejenigen, die für diese ernste Verletzung des Humanitäres Völkerrechts und der Menschenrechte verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, forderte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jen Psaki.

Syrische Armee gewinnt an Boden

Nachdem die verschiedenen syrischen Rebelleneinheiten im Laufe des im März 2011 ausgebrochenen Konfliktes großen Zulauf von Deserteuren erhielten und mehrere Regionen im Süden, Norden und Zentrum des Landes einnehmen konnten, sind die Rebellen nun vielerorts erstmals in der Defensive. Die syrische Armee scheint einen Strategiewechsel vollzogen zu haben und konzentriert ihre Offensiven nun an auf strategisch wichtige Punkte und Verbindungsrouten.

Aktivisten der Opposition und das syrische Staatsfernsehen berichteten übereinstimmend, dass Regierungstruppen die meisten Dörfer um die an der libanesischen Grenze Stadt Kusair eingenommen haben. Beobachter sagte, fünf Rebellen, darunter einer ihrer Kommandeure, seien in Kusair getötet worden. Die Region Kusiar ist auf Grund ihrer Nähe zum Libanon und zur naheliegenden Autobahn zwischen der Hauptstadt Damaskus und dem zentralsyrischen Homs von großer stategischer Bedeutung.

Die Opposition beschuldigt die Hisbollah, sich aktiv auf Seiten des Regimes an den Kämpfen um Kusiar zu beteiligen. Die libanesische Schiitenorganisation verteidigt den eigenen Angaben nach in der Provinz Kusair liegende Dörfer schiitischer Libanesen. Die militärische Einmischung der Hisbollah und die zunehmende Konfessionalisierung des Konflikts droht auch den Libanon in den Konflikt hineinzuziehen.