Stellt es eine Gefahr für unsere Kinder dar, wenn Flüchtlinge in unsere unmittelbare Nachbarschaft ziehen? Steigt dann die Kriminalitätsrate? Das ist doch alles gefährlich…

Vorurteile nehmen nicht ab. Im Gegenteil: Pegida & Co. zeigen, wie fest bestimmte Ängste und Vorteile in den Köpfen der Menschen verankert sind.

Doch wie kann man ihnen begegnen? „Indem man diese Menschen bei sich zuhause beherbergt“, dachte sich eine türkische Familie in Belgien. Die Familie Gündoğdu nahm zwei syrische Jugendliche bei sich auf. Die mit 6 Köpfen ohnehin schon große Familie hat sich mit der Aufnahme der 21-jährigen Rawa und ihres zwei Jahre jüngeren Bruders Ahmet auf acht vergrößert.

Türkisches Restaurant als Verbindungsort

Der Vater der Familie, Murat Gündoğdu, traf Muhammed, den Vater der zwei Jugendlichen, zum ersten Mal in seinem eigenen Restaurant. Muhammed hatte es geschafft, von Syrien über die Türkei nach Belgien zu kommen. Dort angekommen stand er mit seinem Koffer in der Hand vor Murats türkischem Restaurant. Er wollte nach seiner langen und anstrengenden Reise etwas essen. Wie es sich gehört, wollte Muhammed nach dem Essen bezahlen. Doch Murat nahm das Geld nicht an. Seine Begründung: „Von Gästen nimmt man kein Geld!“. So begannen die zwei Männer ein langes Çay-Gespräch.

Was dabei so alles angesprochen wurde, erklärt uns Murat:

„Muhammed erzählte, er sei zusammen mit seinen Kindern aus Syrien geflohen. Daraufhin habe ich ihn eingeladen. Ich habe meine Ehefrau Serpil angerufen und ihr gesagt, dass wir Besuch haben. Als der syrische Vater zu uns nach Hause kam, hat er mich mit sehr großer Schüchternheit gefragt, ob er nicht hier bleiben könne. Ich musste überlegen und habe mit meiner Frau darüber gesprochen. Ich dachte, es wäre falsch, ihn auf der Straße zu lassen und habe mich an die Muhadschirun und Ansar* erinnert. Dasselbe Problem haben heute unsere syrischen Freunde. Diese Menschen erleben Leid und ihnen geht es in ihren eigenen Ländern nicht gut. Anfangs lebte der Vater Muhammed bei uns, später kamen seine Kinder Ahmet und Rama hinzu. Ich bin darüber sehr glücklich. Denn die Situation des syrischen Vaters ist für mich eine Lehre, meine hingegen ist für ihn eine Lehre. Jeder zieht aus der Situation eine Lehre für sich.“

„Wir sind nicht ärmer geworden“

Murat glaubt, dass die Aufnahme der syrischen Familie für seinen Haushalt eine Bereicherung ist und empfiehlt ausdrücklich jedem zu helfen. „Wir werden durch unsere Hilfe nicht ärmer“, sagt er. Viele Türken in Belgien hätten mehrere Eigentumswohnungen, die Türken seien gastfreundlich, gibt er zu bedenken.

Von Problemen im Haushalt will auch Murats Ehefrau nichts wissen. Beide Seiten würden sich sehr mögen. Sie versuche die Gäste wie ihre eigenen Kinder zu behandeln. Von Freunden seien sie wegen der Aufnahme sogar kritisiert worden, aber davon lässt sich die Familie keineswegs stören.

Auch für die Zukunft habe sie schon Pläne bezüglich des Zusammenlebens. „In unseren schwierigen Zeiten haben sie uns wieder Lebensfreude gegeben und auch umgekehrt ist dies der Fall“, ist sich Serpil sicher. Die Verständigungssprache sei Englisch, „hin und wieder kann man sich aber auch über einzelne türkische Wörter verständigen“, erklärt sie uns.

„Wir wollen zurück nach Syrien“

Der Vater der zwei Jugendlichen ist jetzt wieder in der Türkei und versucht das Visum für die anderen Kinder zu organisieren.

Auch die zwei Jugendlichen haben einiges zu erzählen. Über die Türkei seien sie in kleinen Schlauchbooten nach Griechenland gekommen. Von dort aus seien sie nach Italien geflogen und dann nach Belgien gefahren. Sie zeigen sich sehr glücklich mit dem Zusammenleben mit der Familie. Die Familie versuche alles, um sie glücklich zu machen.

Ahmet, der jüngere der zwei Geschwister: „Ich liebe die Familie, sie versucht alles, um uns glücklich zu machen. Sie tun alles, damit wir uns als ein Teil der Familie fühlen. Meine Hoffnung ist es, dass die Kriege in Syrien und in anderen Ländern so schnell wie möglich enden. Dann können wir eines Tages wieder in unsere Heimat zurückkehren und hoffentlich in Sicherheit unser Leben fortführen.“


*Als Muhadschirun werden Muslime bezeichnet, die 622 n. Chr. von Mekka nach Medina ausgewandert waren. Ansar hingegen waren diejenigen, die diese bei sich zuhause aufnahmen.